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Meinung am Mittag: Corona-Krise:Das Fasten geht weiter

Coronavirus - Berlin

Der Besuch im Einkaufszentrum als Zeitvertreib fällt weg: Szene aus Berlin.

(Foto: dpa)

Die Corona-Krise zwingt die Menschen zum Konsumverzicht. Für viele Unternehmen ist das eine dauerhafte Gefahr. Für die Verbraucher aber eine Chance.

Ach, was waren das für unschuldige Zeiten, als die Menschen darüber sprachen, was sie in diesem oder jenem Jahr zur Fastenzeit aufgeben wollten: Oft war es Alkohol, vielleicht auch Schokolade, Fleisch oder Kaffee, manch einer machte eine Pause von Facebook oder vom Smartphone. Der Verzicht fühlte sich groß an und war doch so klein, das wissen wir seit diesen Corona-Zeiten.

In dieser Fastenzeit entscheiden nicht wir, was wir uns selbst vorenthalten. Die Virologen und Regierungen entscheiden für uns. Wir opfern unsere Umarmungen und Handschläge, unsere Familienfeste, manchmal auch unser Einkommen. Und wir opfern einen großen Teil unseres Konsums. Alles, was wir nicht unbedingt zum Leben brauchen, was über Essen und Klopapier hinausgeht, können wir nur noch online bestellen. Shopping als Zeitvertreib fällt weg, Einkaufszentren mit ihren Verlockungen sind versperrt. Die Menschheit durchlebt einen beinahe weltweiten Konsumverzicht. Er wird Konsequenzen haben, sowohl für den Einzelnen als auch für die Wirtschaft.

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Die christliche Fastenzeit ist eine Zeit der Buße und Selbstverleugnung. Laut Bibel fastete Jesus 40 Tage lang allein in der Wüste, am Berg der Versuchung im heutigen Westjordanland, der auf Arabisch den Namen Jabal al-Qarantal trägt (Berg der vierzig Tage). Auf Englisch heißt er Mount Quarantania. Viele Menschen durchleben jetzt Fastenzeit-ähnliche Erfahrungen, manchmal allein und still wie Nonnen und Mönche in ihren Klöstern, manchmal niemals allein auf engstem Raum mit den immer gleichen Menschen, jedenfalls ohne die üblichen Ablenkungen des Alltags, zurückgeworfen auf die eigenen Ressourcen. Es ist auch eine Zeit der Erkenntnis. Und in dieser Erkenntnis liegt eine Chance.

Welcher Verzicht fällt schwer und welcher nicht? Manch einer ist nach 40 Tagen Fleisch-Fasten zum Dauer-Vegetarier geworden, einfach weil das Fleisch nicht fehlte. Oder auch andersherum: Wer während der Fastenzeit merkt, wie schön es ist, mit Freunden bei einem Glas Rotwein zusammenzusitzen, trinkt es künftig vielleicht achtsamer.

Erst wenn wir eine Sache verlieren, erkennen wir ihren wahren Wert. Oder ihre Wertlosigkeit

Achtsamerer Konsum bedeutet vermutlich auch in Zukunft: weniger Konsum. Denn einen großen Teil ihrer Kaufentscheidungen treffen Menschen aus Gewohnheit. Jetzt sind viele Gewohnheiten weggefallen.

Während der Pandemie treffen sie Kaufentscheidungen bewusster, sie erfordern den Besuch eines potenziellen Virenherdes, des Supermarkts, oder ein Herumsuchen im Internet. Erst wenn wir eine Sache verlieren, erkennen wir ihren wahren Wert. Oder ihre Wertlosigkeit. Unternehmen, die davon lebten, dass Kunden ihre Waren aus Gewohnheit kauften, müssen sich neu erklären. Was man sich einmal abgewöhnt hat, fängt man so schnell nicht wieder an. Für die Verbraucher ist es die Gelegenheit, sich zu fragen, was sie wirklich brauchen, was sie glücklich macht. Wer während der Corona-Krise den Kleiderschrank aufräumt, kauft sich danach wahrscheinlich nicht die zwölfte Jeanshose.

China erlebt gerade eine neue Welle der Genügsamkeit. Die Staatsregierung hatte eigentlich gehofft, dass die Bürger sich nach den Lockerungen der Ausgangssperren an "Rache-Shopping-Feldzügen" beteiligen, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Doch danach sieht es nicht aus. Vielleicht wird der Konsumverzicht zur neuen Norm, so wie finanzielle Vorsicht und Marken-Untreue die Generation ausmachen, die nach der Finanzkrise von 2008 erwachsen wurde. Die christliche Fastenzeit endet mit diesem Gründonnerstag. Das vom Virus erzwungene Fasten geht weiter. Vielleicht wird es helfen, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Krisen helfen ja oft dabei, die eigenen Prioritäten zu überdenken.

© SZ vom 09.04.2020
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