bedeckt München 13°

Corona-Krise:Impfen ist die beste Investition

Ifo-Chef Clemens Fuest beim "Süddeutsche Zeitung Wirtschaftsgipfel" in Berlin, 2017

Deutschland solle um jeden Preis schneller impfen, rät Ökonom Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wie viel kostet uns die Pandemie? Der Ökonom Clemens Fuest analysiert die Lage nach einem Jahr Corona.

Von Clara Thier, München

Konzentriert blickt Clemens Fuest in seine Kamera, bevor er im Eiltempo die Fakten, Zahlen und Statistiken durchgeht, die er den Zuschauern und Zuschauerinnen präsentieren möchte. Eine Bestandsaufnahme nach einem Jahr Corona-Krise soll es sein, mit Blick auf die aktuelle Lage und die "No Covid"-Strategie, die Fuest unterstützt. Die Strategie schlägt vor, grüne Zonen zu schaffen, die frei sind vom Keim, sei es eine Fabrik, eine Ortschaft, ein Bundesland, erzählt er im Rahmen der Munich Economic Debates, einer Veranstaltungsreihe des Ifo-Instituts und der Süddeutschen Zeitung.

Gemessen an reinen Einbußen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beträgt der wirtschaftliche Verlust durch die Pandemie circa 325 Milliarden Euro für Deutschland, im Vergleich zur Wirtschaftsleistung, die die Bundesrepublik ohne Pandemie geschafft hätte. Doch das sei nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Kosten. Die Bildungsverluste, die Kinder und Jugendliche gerade durch die Schulschließungen erleiden, seien enorm. Die sozialen Kosten der Pandemie, also etwa das Vermissen persönlicher Begegnungen, sind auch nur schwierig miteinzubeziehen.

Fuest, der Leiter des Ifo-Instituts, zeichnet das Bild einer gespaltenen Wirtschaft. Während die Konjunktur in der Industrie solide laufe, gebe es große Probleme bei vielen Einzelhändlern und im Dienstleistungssektor, wo immer mehr Unternehmen in Existenznöte geraten. Unter den Reisedienstleistern und im Beherbungsgewerbe sehen zum Beispiel mehr als 80 Prozent ihre Existenz bedroht.

Aus der zurückgestauten Kaufkraft, also der erneut steigenden Sparquote in Deutschland, zieht Fuest den Schluss: Es braucht gezielte Instrumente, statt ein breites Konjunkturprogramm, um die Wirtschaft zu unterstützen.

Wie sehr würde es den Firmen helfen, wenn es mehr Lockerungen gäbe? Diese Frage treibt Ökonominnen und Ökonomen seit Beginn der Pandemie um, mittlerweile zeigt sich Studie um Studie: Lockerungen bei hohen Fallzahlen bringen den Unternehmen nichts. Schweden zum Beispiel musste ähnliche BIP-Verluste in Kauf nehmen wie seine skandinavischen Nachbarn - bei vier- bis achtmal höheren Todeszahlen. Für die USA beispielsweise hat ein Team um Harvard-Ökonom Raj Chetty vorgerechnet: Konsumentinnen und Konsumenten halten sich in den Bundesstaaten, die wieder aufmachen, dessen ungeachtet quasi exakt so zurück wie in Bundesstaaten, in denen noch formelle Verbote gelten.

Drei Milliarden Euro die Woche kostet der Lockdown das Land geschätzt mindestens. Gewissermaßen hätten wir uns bei der Impfstoffbeschaffung damit zu Tode gespart, so Fuest. "Quasi jeder denkbare Betrag ist sehr gut investiertes Geld gegen die Pandemie", schlussfolgert der Ökonom.

Der Volkswirtschaftler macht deutlich: "Wir stehen mitten in einer dritten Infektionswelle." Statt einfach wieder nur in den nächsten Jo-Jo-Lockdown zu gehen, brauche es proaktive und mehrdimensionale Lösungen. Fuest hat dazu einen Plan zusammen mit weiteren Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vorgelegt. Die Strategie von "No Covid", nicht zu verwechseln mit "Zero Covid", einer anderen Initiative, besteht darin, Öffnungen an Tests zu binden und proaktiv mehr zu testen, Infektionen nachzuverfolgen und zu isolieren. Bei steigenden Infektionszahlen gäbe es dann keine Lockerungen, bei niedrigen Zahlen jedoch könnten Städte oder Landkreise, aber auch Schulen oder Betriebe zu "grünen Zonen" erklärt werden. Fuest ist sich aufgrund von Umfragen sicher: "Mehr Menschen halten 'No Covid' für eine erfolgreichere Öffnungsstrategie als das, was die Regierung gerade macht." Außerdem sei "No Covid" kein "monolithischer Block", stattdessen wollen die Beteiligten in ihren Papieren einen Werkzeugkasten anbieten, aus dem sich die Politik bedienen kann.

Der Staat muss nicht alles machen: Firmen können helfen

Als Vorbild gilt etwa Neuseeland, das ähnliche Maßnahmen verfolgt hat, wie "No Covid" es vorschlägt. Fuest sagt, er habe Verständnis dafür, wenn Landräte sich bestraft fühlen, weil sie durch mehr Testen auch mehr Fälle in ihrem Landkreis zählen. Trotzdem müsse unbedingt mehr getestet werden.

Außerdem fordert Fuest, neben den Impfzentren das zweite Standbein zu stärken, die Hausärzte und Betriebsärzte. Hilfreich sei es, Privatunternehmen in die Impfbeschaffung und in das Verteilen der Impfstoffdosen miteinzubinden. Die Zahl der Impfungen müsste mehr als verdoppelt werden, um im Sommer die geplante Herdenimmunität zu erreichen, und zwar um jeden Preis, oder wie Ökonomen gerne sagen: "Whatever it takes".

Und wie geht es weiter? Konjunkturprognosen sind Szenarien, sagt Fuest, sie sind Wenn-dann-Sätze. Seine Prognose für 2022 sei vom "Wenn" abhängig. Wenn es uns gelingt, die Zahlen dauerhaft niedrig zu halten, wenn es uns gelingt, schneller zu impfen, zu testen, zu isolieren, dann können wir öffnen. Wenn.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema