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Armuts- und Reichtumsbericht:Corona-Krise verschärft die Spaltung von Arm und Reich

Soziale Gerechtigkeit: Ungleichheit zwischen Arm und Reich

Illustration: Stefan Dimitrov

Der neue Regierungsbericht zeigt: Ärmere leiden besonders unter der Pandemie - und sie haben in Deutschland nur geringe Aufstiegschancen.

Von Thomas Öchsner

Das Werk heißt "Lebenslagen in Deutschland", ist bislang fast 500 Seiten stark und im Bundestagswahljahr von großer Brisanz. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wird in Kürze den neuen 6. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vorstellen. Der Entwurf der amtlichen Analyse, der derzeit noch von anderen Ressorts ergänzt wird und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, zeigt: Finanziell trifft die Corona-Pandemie vor allem die unteren Einkommensschichten. Von wachsenden Einkommen profitieren vor allem diejenigen, die schon jetzt eher gut oder besser verdienen. Und die Aufstiegschancen in Deutschland bleiben schlecht, wer sich am unteren Rand der Gesellschaft bewegt, hat es schwer, nach oben zu kommen. Den Bericht legt das Bundesarbeitsministerium alle vier Jahre vor. Was in dem Entwurf noch steht und was die Regierung selbst kritisch sieht - ein erster Überblick.

Soziale Folgen der Pandemie

Bis Ende August 2020 mussten bereits 15,5 Millionen Haushalte in Deutschland Einkommenseinbußen hinnehmen. Darunter zu leiden hatten laut dem Regierungsbericht vor allem "Gering- und Normalverdiener". Teilt man die Bevölkerung in fünf gleichgroße Teile (Quintile), so berichteten gut 30 Prozent der Befragten im untersten Quintil von Problemen bei der Deckung der laufenden Ausgaben. Besonders betroffen seien Selbständige. Die mit der Pandemie verbundenen Einkommensrisiken seien "in den unteren Einkommensbereichen größer", heißt es in der Analyse, auch weil diese Menschen "wenig Rücklagen oder andere finanzielle Spielräume" haben. Auch auf dem Jobmarkt trifft die Pandemie die Schwächeren in der Gesellschaft härter: Wer eine geringere Qualifikation habe, habe ein größeres Risiko, seinen Job zu verlieren. "Die bereits vorher großen Herausforderungen, Langzeitarbeitslose und die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommenen Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, dürften sich somit verstärkt haben", steht in der Regierungsanalyse.

Aufstiegschancen in der Gesellschaft

Wie leicht man es schaffen kann, von unten ("Tellerwäscher") nach oben ("Millionär") zu kommen, messen Wissenschaftler an der Aufstiegsmobilität verschiedener Gruppen in der Gesellschaft. Hierzu stellt die Bundesregierung selbstkritisch fest: "Dass aus der ,Armut' heraus nur in geringem Umfang Aufstiege in die ,Untere Mitte' oder gar in Lagen darüber hinaus gelangen, zeigt die hohe Brisanz dieser verfestigten Lage." Die Aufstiegschancen aus "Armut", "Prekarität" und der "Unteren Mitte" seien "seit Beginn der 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre deutlich zurückgegangen, um seitdem auf niedrigem Niveau zu verbleiben." Die Regierung spricht von einer Stärkung der Ränder der Verteilung. Demnach verliert die "Mitte" an Größe, weil aus dieser Gruppe konstant immer wieder Menschen den Sprung nach oben schaffen, während aus den unteren Lagen weniger Personen nachkommen. Werner Hesse, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, sagt dazu: "Die sogenannte Mitte schrumpft, soziale Mobilität nimmt ab und soziale Ungleichheit steigt". Der Bericht zeige, "wie dramatisch sich die Situation gerade der Arbeitslosen verschärft hat".

Verbesserungen bei den Niedriglöhnern

Positiv wirkt sich bei den Geringverdienern der Mindestlohn aus. Dem Bericht zufolge profitierten 2019 in Deutschland knapp zwei Millionen Jobs vom Anstieg des gesetzlichen Mindestlohns. Der Anteil der sogenannten Niedriglohn-Beschäftigten ist 2018 auf den niedrigsten Wert seit mehr als zehn Jahren gesunken, aber laut der Analyse gilt immer noch gut jeder Fünfte in Deutschland (21,7 Prozent) als Niedriglöhner.

Die Entwicklung der Vermögen

Schon in den früheren Armuts- und Reichtumsberichten war dies ein Streitthema. Aus dem Bericht von 2013 verschwanden sogar Aussagen über die ungleiche Verteilung von Vermögen (Geld, Immobilien, Wertpapiere), die zunächst in einem Entwurf der damaligen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) standen, aber beim Koalitionspartner FDP kein Wohlwollen fanden. Diesmal steht in dem Bericht diese Zahl: "Betrachtet man die Haushalte nach der Höhe des Vermögens, entfielen auf die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung rund 1 Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten 10 Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinten." Über ein hohes individuelles Vermögen ab 500 000 Euro verfügten den Angaben nach 3,8 Prozent der Bevölkerung. Im Durchschnitt sei das durchschnittliche Bruttovermögen der privaten Haushalte (vor Abzug von Schulden) deutlich gestiegen, von 144 000 Euro im Jahr 2008 auf 194 000 Euro im Jahr 2018. Nach wie vor gibt es aber große Unterschiede, so die Regierungsanalyse. Demnach wird das Bruttovermögen von Männern mit 145 000 Euro angegeben, bei Frauen sind es 104 000 Euro. Jeder neunte Haushalt gab an, über keinerlei Bruttovermögen zu verfügen. Die Hälfte der Haushalte erreichte nur ein Vermögen von knapp 50 000 Euro. Immobilien machten mit 70 Prozent den Großteil der Vermögen aus. Hier schlägt sich der gestiegene Wert vieler Wohnungen und Häuser nieder.

Folgen der Ungleichheit für die Demokratie

Wenn Menschen dauerhaft wenig Geld verdienen, hat dies auch politische Folgen. Dies sieht die Bundesregierung offenbar mit großer Sorge. So wird in dem Bericht darauf aufmerksam gemacht, dass Menschen mit geringem Einkommen sich eher nicht freiwillig oder politisch engagieren. In der Analyse steht: "Die Wahlbeteiligung ist in allen Bevölkerungsschichten in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland wie in den meisten Industrieländern gesunken. Bei den Wahlberechtigten mit geringem Einkommen war der Rückgang aber überdurchschnittlich stark. Dadurch verstärken sich Risiken des Ausgeschlossen-Seins von politischen und gesellschaftlichen Willensbildungsprozessen."

© SZ
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