Süddeutsche Zeitung

Gewerkschaften:Der Kampf um die Arbeitnehmer

Die Pandemie verändert die Arbeitswelt - und macht es den Gewerkschaften schwerer, Kontakt zu den Beschäftigten zu halten. Dabei haben die in der Krise viel zu verlieren.

Von Alexander Hagelüken und Benedikt Peters

Im Frühling 2020 stiegen die Zugriffe auf den Internetseiten einiger Gewerkschaften sprunghaft an. Es wäre zu viel gesagt, dass sich die Mitarbeiter dort darüber gefreut hätten, schließlich begann das Coronavirus zeitgleich, großes Leid über das Land zu bringen. Aber es gab durchaus manche, die dachten, das Seuchenjahr könne auch zum Jahr der Gewerkschaften werden.

Die Folgen der Pandemie führen schließlich zu Fragen, Problemen und Ängsten: Kurzarbeit für Millionen Mitarbeiter, Entlassungen in vielen Betrieben. Und die Gewerkschaften begannen vehement zu kämpfen. Dass etwa das Kurzarbeitergeld so verlängert und erhöht wurde, lag auch an ihnen.

Trotzdem wurde es nicht das Jahr der Gewerkschaften. Zumindest nicht, was die Mitgliederzahlen angeht. Bei der größten deutschen Gewerkschaft, der IG Metall, bleiben die Zahlen seit Jahren in etwa gleich, im Corona-Jahr 2020 sanken sie leicht um zwei Prozent auf 2,2 Millionen. Kein Wunder, gingen doch in der Branche mehr als 100 000 Arbeitsplätze verloren. "Wir gewinnen Mitglieder oft bei Neueinstellungen, und die gab es faktisch nicht", sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann am Donnerstag. Und: "Mitglied wird man durch direkte Ansprache, und die ist in einer Pandemie schwieriger." Bei der Chemie-Gewerkschaft IG BCE, der drittgrößten in Deutschland, schrumpfte die Mitgliederzahl um zwei Prozent auf gut 600 000.

Auch bei der zweitgrößten Gewerkschaft, Verdi, zeichnet sich keine Trendwende ab. Während der Tarifrunden im öffentlichen Dienst und bei der Post gewann man Mitglieder hinzu, sagte Verdi-Chef Frank Werneke der Süddeutschen Zeitung. "Dafür waren die Zahlen während der Shutdowns im Frühjahr und im Winter schlechter als in früheren Jahren." Zu den Gründen sagt er: "Wenn wir nicht mit den Menschen sprechen können, dann ist es sehr schwierig, sie davon zu überzeugen, bei uns mitzumachen."

Firmen verwehren den Zutritt - und verweisen auf den Infektionsschutz

Gewerkschaften sind Massenorganisationen, sie beziehen ihre Kraft aus dem direkten Kontakt zu den Beschäftigten und der Mobilisierung ihrer Mitglieder. Daher haben sie besonders damit zu kämpfen, wenn ein Virus die Menschen dazu zwingt, Abstand zu halten und sich zu isolieren.

Andreas Harnack ist ein Mann, der davon erzählen kann. Harnack ist Regionalleiter der IG Bau in Baden-Württemberg. In diesen Wochen fährt er von Baustelle zu Baustelle, um mit den Arbeitern über die Tarifrunde zu reden, die bald ansteht. Manche Firmen, sagt er, lassen ihn nicht mehr auf die Baustelle. "Die Unternehmen verweisen auf den Infektionsschutz." Erst vor wenigen Tagen sei ihm das bei einer Baustofffirma passiert.

Der Gewerkschafter weiß um sein Recht, einen Betrieb zu betreten. "Aber wir überlegen uns genau, welchen Kampf wir kämpfen und welchen nicht." Ein Streit mit der Firmenleitung könnte die Belegschaft verunsichern, fürchtet Harnack, und am Ende auch der Gewerkschaft schaden. Mit seinen Mitarbeitern hat er einen anderen Weg ersonnen: Er lässt die Betriebsräte Fragebögen dazu verteilen, was sich die Beschäftigten für die Tarifrunde wünschen, und die Betriebsräte übergeben sie dann an die Gewerkschaft. "Aber da geht natürlich etwas verloren", sagt Harnack. "Du musst den Leuten auch mal in die Augen schauen. Erst dann kennst du ihre Probleme, erst dann weißt du, ob sie bereit sind zum Warnstreik oder nicht."

Harnack ist nicht der Einzige, der solche Erfahrungen macht. Auch aus der IG Metall heißt es, manche Firmen verwehrten Gewerkschaftern den Zutritt - mit Hinweis auf Corona. Dieses Argument halten die Metaller für vorgeschoben. Es kommt meist von Firmen, die ohnehin den Einfluss der Gewerkschaften zu beschränken suchen. "Auch wir können Maske tragen und vorher einen Test machen", sagt ein Gewerkschafter. "Es gibt keinerlei Ausreden." Viele erinnern sich an den Fall der Digitalbank N26. Deren Management hatte im Sommer versucht, unter Verweis auf Corona die Wahl eines Betriebsrats zu blockieren - und das, obwohl die Neuinfektionen damals niedrig waren.

Wenn die Mitarbeiter im Home-Office sind, muss man sie digital erreichen

Wenn Gewerkschaften die Arbeitnehmer nicht erreichen, kann das für die gerade in einer Wirtschaftskrise zum Problem werden. Dann streichen Firmen Zuschläge, strukturieren um oder bauen Stellen ab. Alles Fragen, bei denen Beschäftigte die Unterstützung von Betriebsräten und Gewerkschaftern brauchen können. Was deren Einfluss bewegen kann, zeigt sich gerade beim Lastwagenbauer MAN: Dessen Manager hatten angekündigt, in Deutschland und Österreich 10 000 Jobs zu streichen. Nachdem die Arbeitnehmervertreter intervenierten, sind es viel weniger.

Die mögliche Vereinzelung der Arbeitnehmer ist ein Problem, das die Gewerkschaften noch lange beschäftigen wird. Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung der Arbeit, viele Menschen werden auch dann im Home-Office bleiben, wenn sie vorbei ist. Wie aber können Gewerkschafter mit ihnen Kontakt halten? Sie müssten die Mitarbeiter anmailen oder im firmeneigenen Intranet auf sich aufmerksam machen. "Doch viele Firmen versperren uns den digitalen Zugang", kritisiert IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis. Die Firmen argumentierten teils mit Datenschutz, doch das überzeugt ihn nicht. Vassiliadis sieht einen Bruch des im Grundgesetz geschützten Zugangsrechts. "Die Arbeitgeber müssen Gewerkschaften den Dialog mit den Beschäftigten über deren betriebliche Mailadressen, Firmen-Intranet und virtuelle Schwarze Bretter ermöglichen", fordert er.

Als Musterfall hat seine Gewerkschaft ein Verfahren gegen den Sportartikelhersteller Adidas angestrengt, der in der Pandemie zeitweise die meisten Mitarbeiter der Zentrale ins Home-Office gehen ließ. Adidas erklärt dazu, man erfülle natürlich die grundgesetzlichen Zugangsrechte - die Herausgabe der Mailadressen aller Mitarbeiter an die IG BCE sei aber "aus unserer Sicht datenschutzrechtlich nicht zulässig".

Mehrere Gewerkschaften drängen deshalb nun bei der Bundesregierung darauf, ein digitales Zugangsrecht gesetzlich zu verankern. Vassiliadis sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) an. Merkel wolle nun das Gespräch mit den Arbeitgebern suchen, heißt es.

Dass die Pandemie Arbeitskämpfe verhindert, fürchten die Gewerkschaften aber nicht. Verdi und der Beamtenbund holten für den öffentlichen Dienst im Herbst trotz Krise ein passables Lohnplus heraus. Dabei half ihnen das Argument, dass Krankenpfleger und andere Corona-Helden endlich besser verdienen müssten. Diese zeigten auch, dass man in einer Pandemie streiken kann - eben mit Abstand. Das dürfte auch Bau-Gewerkschafter Harnack Mut machen, dessen Tarifrunde bald beginnt - und den Metallern, die schon verhandeln.

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