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Autozulieferer:Bei Conti sind Tausende Stellen in Gefahr

Continental Reifen Deutschland GmbH Werk Korbach in Korbach Kreisstadt Korbach Landkreises Waldeck

Conti-Werk Korbach in Hessen: Der Zulieferer baut Reifen, ABS-Sensoren, Fahrassistenzsysteme - aber es werden immer weniger Autos verkauft.

(Foto: Hans Blossey/Imago)

Der Autozulieferer kämpft mit den Folgen der Seuche und dem Technologiewandel - und verschärft den Sparkurs enorm. Die Branche steckt in der schärfsten Krise seit 70 Jahren, klagt der Continental-Chef.

Von Max Hägler

Die Krise der Autoindustrie könnte beim Zulieferer Continental Tausende Arbeitsplätze mehr kosten als bislang schon geplant. Wie der Dax-Konzern mitteilte, soll mittels eines verschärften Sparkurses von 2023 an eine Milliarde Euro jährlich eingespart werden. 30 000 Jobs seien deshalb von "Veränderungen" betroffen, das sind 10 000 mehr als bei einer ersten Sparrunde angekündigt. Auch betriebsbedingte Kündigungen will man als Folge der Corona-Pandemie und des Technologieumbruches explizit nicht ausschließen. "Eine Beschäftigungssicherung auszusprechen, wäre nicht fair den Mitarbeitern gegenüber", sagte Personalvorständin Ariane Reinhart.

"Wir werden sie nicht garantieren können." Ob aber tatsächlich 30 000 Stellen wegfallen - das entspricht 13 Prozent der Gesamtbelegschaft - sei noch unklar, heißt es aus dem Unternehmen. So könnten für einen Teil der Mitarbeiter Jobs in anderen Bereichen gefunden werden. Von der seit einem Jahr laufenden Sparrunde seien etwa 3000 Mitarbeiter betroffen gewesen, 2000 von ihnen hätten das Unternehmen verlassen, 1000 hätten ihre Position gewechselt. Dabei sollen umfangreiche Weiterbildungsprogramme helfen oder auch Arbeitszeitverkürzungen. Über die Pläne soll nun weiter mit den Gewerkschaften verhandelt werden, die heftigen Protest angekündigt haben. Am Ende entscheidet der Aufsichtsrat über die gravierendsten Einschnitte - gemeint sind Streichungen von mehr als 500 Stellen pro Standort.

"Die gesamte Autoindustrie hat derzeit gewaltige Herausforderungen zu bewältigen", erklärte Konzernchef Elmar Degenhart. "Keine ihrer Krisen der vergangenen 70 Jahre war größer und schärfer." Davon seien die Zulieferer besonders hart getroffen. Continental ist nach Bosch aus Stuttgart und dem japanischen Unternehmen Denso der drittgrößte Zulieferer für Fahrzeughersteller. Von Reifen über ABS-Sensoren bis hin zu Fahrassistenzsystemen bietet das Unternehmen alles an, was es für ein Auto braucht. Allerdings sinkt der Auto-Absatz bereits seit zwei Jahren. Zudem ändern sich die Technologien rasant, es braucht weniger Mechanik, aber mehr digitale Produkte. Die Umstellung von komplexen Verbrennerantrieben zu simpleren Elektromotoren schreitet voran. Conti will das Geschäft mit Benzin- und Dieselteilen bis Ende des Jahrzehnts aufgeben. Und bei immer mehr Teilen gibt es günstigere Konkurrenten.

Als Reaktion auf all das hat Conti im vergangenen Jahr bereits 20 000 Jobs in alten Bereichen gestrichen und musste teure Abschreibungen in den Bilanzen vornehmen. 2019 betrug der Nettoverlust bei Continental daher 1,2 Milliarden Euro. Schließlich hat die Corona-Seuche die Produktion und den Absatz noch weiter gedrückt. So ähnlich läuft es in der gesamten Branche. Alle deutschen Autohersteller haben in den vergangenen Monaten Stellenstreichungen in jeweils mindestens vierstelliger Höhe beschlossen, viele ausländische Hersteller sparen noch heftiger und haben Überkapazitäten in ihren Fabriken. Eine Erholung auf das Vorkrisenniveau, also das Jahr 2017, sei erst von 2025 an zu erwarten, heißt es bei Conti.

Gespart werden soll in allen zentralen Geschäftsbereichen und an allen Standorten. So sind 13 000 Jobs allein in Deutschland von den "Veränderungen" betroffen. Der Betriebsrat kritisierte den geplanten Stellenabbau scharf: "Das ist ein schwerer Schlag", erklärten Betriebsratschef Hasan Allak und sein Stellvertreter Lorenz Pfau. "Der Vorstand greift zum bekannten Strickmuster: Umsatz runter, Kosten runter, Werke dicht machen, Arbeitsplätze streichen." Es fehle eine verlässliche Perspektive für die Beschäftigten. Der Vorstand zerstöre "Lebenspläne" und vernichte Wissen. Auch Jörg Köhlinger, Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte, kritisiert die Sparpläne vehement: "Allein in Hessen will Continental Tausende von Industriearbeitsplätzen in Babenhausen und Karben abbauen und die Standorte schließen." Das sei ein konzeptloser Kahlschlag, die Corona-Krise sei dabei "nur ein Vorwand". Eine Konfrontation scheine kaum noch abwendbar, man berate über bundesweite Proteste.

© SZ vom 02.09.2020
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