Schifffahrt:Stau in der Nordsee

Lesezeit: 2 min

Schifffahrt: Dutzende Schiffe warten vor den deutschen Häfen auf ihre Abfertigung.

Dutzende Schiffe warten vor den deutschen Häfen auf ihre Abfertigung.

(Foto: Jonas Walzberg/dpa)

16 große Frachter warten in der Deutschen Bucht auf Weiterfahrt, die Lage hat sich im Juni verschärft. Das liegt an vielfältigen Problemen in den Häfen.

Von Saskia Aleythe, Hamburg

Für das Gemüt eines Containerschiffs hat es mit Sicherheit seine Vorzüge, nach einer langen Reise einen Hafen wie den Hamburger zu erblicken. Wochenlang nur Wellen und Horizont vor der Nase, da hebt es die Laune, beim Einlaufen ans richtige Terminal noch ein kleines touristisches Programm geboten zu bekommen: Villenkulisse in Blankenese, in der Ferne der Fischmarkt und mit der Elbphilharmonie sogar eines der modernstes Opernhäuser der Gegenwart. Viel mehr kann ein Schiff kaum wollen, das Problem ist nur: diese entsetzliche Enge.

Platzprobleme in der Elbe treiben Hamburg schon seit jeher um, nun kommen auch jene direkt an den Terminals dazu. Der Hafen ist so gut wie dicht, viele Schiffe müssen auf Einfahrt in die Hansestadt warten. Auch andere europäische Häfen haben Probleme, weshalb es sich in der Nordsee kräftig staut: Im Juni hat sich die Lage noch mal verschärft, mehr als zwei Prozent der globalen Frachtkapazität stehen dort still, teilte das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) am Mittwoch mit. Schon vor fünf Wochen hatten sich vor Helgoland etliche Riesenpötte getummelt; und auch wenn Helgoland im Juni kein unattraktives Ziel ist, sind erhebliche Schwierigkeiten damit verbunden. An erster Stelle: Die Ware aus den manchmal mehr als 20 000 Boxen pro Schiff kommt nicht dort an, wo sie gebraucht wird. Was mehrere Ursachen hat.

16 große Schiffe liegen gerade in der Deutschen Bucht, alle länger als 300 Meter, und warten auf Weiterfahrt, außerdem noch drei kleinere sogenannte Feeder. Ist das jetzt der Shanghai-Effekt? Anfang Juni wurde der Lockdown im dortigen Hafen aufgehoben. Der Hafen ist im Warenaustausch mit Europa extrem wichtig. Tatsächlich ist eine Schwemme dieser Schiffe jetzt aber noch nicht in der Deutschen Bucht, sagt Vincent Stamer, der den Kiel Trade Indicator des IfW leitet: "Es gibt noch Nachwirkungen vom Lockdown-Effekt." Erst seit Mitte Juni laufe das Hafengeschäft in Shanghai wieder auf Hochbetrieb. 40 Tage dauert die Überfahrt nach Europa, Ende Juli könnten also diese Schiffe in der Deutschen Bucht aufschlagen.

Nahezu kein Schiff kommt mehr pünktlich nach Hamburg

Die Ursachen für die aktuellen Probleme liegen vielmehr im Be- und Entladen der Schiffe direkt in den Häfen: Verspäten sich Schiffe, wie es in der Pandemie fast schon die Regel war, muss an vielen Stellen umgeplant werden. Ware kommt später an Land an, der eigentlich zuständige Lkw hat aber womöglich längst eine andere Route eingeschlagen. Etliche Importcontainer liegen derzeit auf den Lagerflächen und werden nicht abgeholt. Nahezu kein Schiff komme mehr pünktlich nach Hamburg, sagte Angela Titzrath, Chefin des Hafenkonzerns HHLA, kürzlich auf der Hauptversammlung. Verschärft wird das Problem laut Titzrath durch einen "spürbaren Mangel an Lkw-Fahrern". Dieser habe sich auch durch den Ukraine-Krieg ergeben. Viele Ukrainer können nicht mehr als Lkw-Fahrer arbeiten, weil sie ihr Land verteidigen müssen.

Die Lage in Hamburg ist ohnehin mehr als angespannt, zuletzt beeinträchtigte ein Warnstreik der Hafenarbeiter die Abfertigung dort und an anderen deutschen Seehäfen immens. Sechs Verhandlungsrunden blieben ergebnislos, eine Einigung über die Forderung nach höheren Löhnen ist noch nicht in Sicht. Sinnbildlich für die aufgetürmten Probleme sind auch die Lager bei der HHLA: Die sind derzeit beinahe ausgeschöpft, dabei hatte man erst im Frühjahr 134 000 Quadratmeter Fläche zusätzlich erschlossen, um die Container noch unterzubekommen.

Manche Reeder leiten ihre Schiffe mittlerweile auf Wilhelmshaven um, um die Situation zu entspannen, aber eine dauerhafte Lösung fehlt. Dabei wäre eine zündende Idee dringend nötig. "Wir dürfen nicht vergessen, dass am Ende des Sommers langsam das Weihnachtsgeschäft anfängt. Dann verkehren sowieso mehr Schiffe, gerade aus Asien", sagt Stamer. Es droht also noch mehr Stau in der Nordsee.

Zur SZ-Startseite
Bier Schweizerhaus Prater Wien Oesterreich Bier Schweizerhaus Prater Wien Oesterreich

SZ PlusPersonalnot
:Wo sind sie hin?

Die Gäste sind längst zurück, doch jetzt fehlen Tausende Mitarbeiter in Restaurants, Hotels, auf Konzerten und am Flughafen. Wo stecken all die gelernten Köche, Hotelfachkräfte und Reisebüromitarbeiter? Eine Spurensuche.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB