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Commerzbank:Zum Abschied 3,2 Millionen

Verdi appelliert an neue Commerzbank-Führung

Der Commerzbank-Aufsichtsrat beriet am Mittwoch lange über die Zukunft der Bank.

(Foto: dpa)

Der scheidende Commerzbank-Chef Zielke bekommt seinen Vertrag noch ausbezahlt - obwohl er seinen Rücktritt selbst angeboten hatte. Wie die Führungskrise im Haus gelöst werden soll, ist weiter unklar.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Es ist das derzeit wohl wichtigste Gesprächsthema am Bankenstandort Frankfurt, abgesehen von der Pleite des Aschheimer Zahlungsdienstleisters Wirecard: Wer wird neuer Aufsichtsrats- und wer Vorstandschef der Commerzbank, nachdem das Führungsduo Martin Zielke und Stefan Schmittmann vergangene Woche überraschend zurückgetreten waren? Am Mittwoch jedenfalls tagte der Aufsichtsrat zu diesen Fragen - offenbar neun Stunden lang, ohne wesentliche Ergebnisse zu liefern. Immerhin, so teilte die Bank am Abend mit, habe das Kontrollgremium die einvernehmliche Aufhebung von Zielkes Vertrag beschlossen. Er habe sich bereit erklärt, "bis zur Berufung eines Nachfolgers die Geschäfte der Bank in vollem Umfang weiterzuführen", spätestens aber bis Ende des Jahres. Nach SZ-Informationen erhält er dabei seinen Vertrag, der noch bis 2023 gelaufen wäre, ausbezahlt, obwohl er seinen Rücktritt selber angeboten hatte. Zwar hatte der Manager offenbar von sich aus ins Spiel gebracht, auf variable Gehaltsbestandteile zu verzichten, unter dem Strich bleiben ihm dem Vernehmen nach aber noch 3,2 Millionen Euro.

Wer ihm nachfolgt und somit bei dem teilverstaatlichten MDax-Konzern weitere Einsparungen vorantreibt, blieb zunächst weiterhin unklar - ebenso, wer den Aufsichtsrat künftig führen wird. Wie zu hören war, sind die drei Aufsichtsratsmitglieder Jutta Dönges, Gertrude Tumpel-Gugerell und Nicholas Teller mit der Nachfolgesuche beauftragt. Einen Nachfolger oder Nachfolgerin für Schmittmann wollen sie dann auf der nächsten Aufsichtsratssitzung am 3. August präsentieren. Aus den Reihen des Gremiums war jedoch niemand bereit, den Vorsitz zu übernehmen.

Commerzbank-Chef Zielke

Commerzbank-Chef Zielke will sich seinen Vertrag auszahlen lassen.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Ziemlich sicher läuft es nun also auf einen Kandidaten "von außen" hinaus. Der US-Fonds Cerberus, der zuletzt Kritik geübt hatte, könnte allerdings noch weitere Veränderungen im Aufsichtsrat fordern. Schon vergangenes Jahr hatte auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz die Bank an die kürzere Leine genommen, indem er die Beratungsfirma BCG mit einem Gutachten zum jüngsten Strategieschwenk von Vorstandschef Zielke beauftragte hatte. Seit der Finanzkrise ist der Bund mit rund 15,6 Prozent beteiligt. Was genau das BCG-Gutachten enthält, ist bislang nicht öffentlich bekannt. Allerdings schien Zielke die Empfehlungen der Beratungsfirma noch umsetzen zu wollen, bevor er und sein Aufsichtsratschef Schmittmann sich dann entschieden hatten, ihre Job hinzuschmeißen. Der US-Fonds Cerberus, der seit drei Jahren mit mehr als fünf Prozent an der Bank beteiligt ist, hatte dem Führungsduo vorgeworfen "eklatant versagt" zu haben.

Die Hälfte der bundesweit knapp 1000 Filialen wird womöglich geschlossen

Das unter Zielke ausgearbeitete Programm "Turnaround" sollte laut Insidern am Mittwoch eigentlich offiziell nicht zur Debatte stehen, schließlich wolle man dem neuen Vorstandschef nicht vorgreifen. Gesprochen wurde darüber dem Vernehmen nach aber dann doch. Und ohnehin dürfte sich auch Zielkes Nachfolger oder Nachfolgerin daran orientieren. Es gilt als wahrscheinlich, dass entweder Finanzvorständin Bettina Orlopp oder Firmenkundenchef Roland Boekhout Zielke nachfolgt. Ein Insider bestätigte "grosso modo" Zahlen, über welche die Börsen-Zeitung diese Woche berichtet hatte. Demnach plane der Vorstand, bis Ende 2023 sogar mehr als die Hälfte der bundesweit knapp 1 000 Filialen zu schließen. Bislang war die Rede von 400 bis 450 Standortschließungen. Außerdem sah der Strategieplan den Abbau von knapp 10 000 Arbeitsplätzen bis 2023 vor, was gerechnet auf die Zahl der 39 800 Vollzeitstellen im Konzern jeder vierten Stelle entspricht. Das wäre enorm viel.

Den Informationen zufolge veranschlagt die Commerzbank die Kosten für den Personalabbau mit 1,3 Milliarden Euro, was aber knapp kalkuliert wirkt. Die Rechnung dürfte nur aufgehen, wenn die Commerzbank für den Stellenabbau staatliche Zuschüsse in Anspruch nimmt. Im Gespräch ist eine Transfergesellschaft, in der 2000 bis 3000 Mitarbeiter befristet beschäftigt werden, bis sie einen neuen Job gefunden haben.

© SZ vom 09.07.2020/sks
FILE PHOTO: Commerzbank AG annual results news conference in Frankfurt

Commerzbank
:"Schon rennt man weg"

Vorstandschef Martin Zielke hat zwar selbst seinen Rücktritt von der Konzernspitze angeboten, kann aber dennoch auf eine Millionenabfindung hoffen, anders sein Aufsichtsratschef Schmittmann. In der Belegschaft kommt das nicht überall gut an.

Von Meike Schreiber

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