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Commerzbank:Kritik am Schlingerkurs

LBBW, Landesbank Baden-Württemberg, Hans-Jörg Vetter Vorsitzender des Vorstands

Der frühere LBBW-Chef Hans-Jörg Vetter ist seit kurzem Aufsichtsrats-Chef der Commerzbank.

(Foto: Wilhelm Mierendorf/imago images)

Die Bankenaufseher der EZB kritisieren erneut die Strategie der Commerzbank.

Seit wenigen Wochen erst ist Hans-Jörg Vetter - früher Chef der Landesbank Baden-Württemberg - neuer Aufsichtsratschef der Commerzbank, aber bereits auf seiner ersten Sitzung des Kontrollgremiums musste er sich einiges anhören. Nach SZ-Informationen statteten die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) dem Aufsichtsrat am Mittwoch erneut einen Besuch ab. Dabei kritisierten sie die Strategie der zweitgrößten deutschen Privatbank abermals als zu wenig ambitioniert, kaum stringent und zudem als intransparent, sagte ein Insider. Eine Sprecherin der Commerzbank wollte sich nicht dazu äußern. Die EZB war am Mittwochabend nicht zu erreichen.

Besuche dieser Art sind zwar eher selten, die Commerzbank aber - die gerade eine veritable Führungskrise durchläuft - hat damit bereits Erfahrung. Erst im Dezember hatten die EZB-Aufseher den Aufsichtsrat besucht und das Management aufgefordert, die Kosten stärker zu senken. Nicht nur die Aktionäre sind an auskömmlichen Renditen interessiert. Auch aus Sicht der Aufseher sind stabile Gewinne wichtig, damit eine Bank dauerhaft genug verdient, um Rücklagen für schlechte Zeiten zu bilden. Der Kritik der Aufseher schloss sich im Frühjahr der US-Fonds Cerberus an, der zwischen fünf und zehn Prozent der Commerzbank-Aktien hält. Nach harten Worten von Cerberus und angesichts fehlender Rückendeckung vom Bund boten Vorstandschef Martin Zielke und Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann im Juli ihren Rücktritt an. Der Bund ist mit 15 Prozent an der Commerzbank beteiligt. Mit Berlins Unterstützung übernahm daraufhin Vetter den Aufsichtsratsvorsitz. Er soll nun möglichst in den nächsten Wochen einen neuen Vorstandschef oder eine Chefin ernennen. Intern gelten Finanzvorständin Bettina Orlopp und Firmenkundenvorstand Roland Boekhout als Kandidaten. Keine Chance mehr auf den Posten hat dem Vernehmen nach Privatkundenvorstand Michael Mandel, der zusammen mit Zielke offenbar zu lange am üppigen Filialnetz festgehalten hatte. Vetter sucht dem Vernehmen nach aber auch außerhalb der Bank nach einem neuen Chef.

Die Führungskrise lähmt das Institut, das wegen Corona und der Wirecard-Pleite 2020 Verlust erwartet. Seit Monaten arbeitet die Bank an einer Verschärfung des Sparkurses. Die Pläne sahen zuletzt den Abbau von 10 000 Jobs vor, was rund einem Viertel der Vollzeitstellen entspricht. Außerdem könnte mehr als die Hälfte der rund 1000 Filialen geschlossen werden, um die Rendite mittelfristig von zuletzt drei auf sieben Prozent zu heben. Vor kurzem hatte die Bank bereits entschieden, 200 Zweigstellen, die wegen Corona geschlossen waren, nicht mehr zu öffnen.

© SZ vom 03.09.2020 / SZ

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