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Commerzbank:Immerhin, es gibt sie noch

In diesen Tagen haben die deutschen Großbanken runden Geburtstag. Die heutige Commerzbank wurde vor genau 150 Jahren in Hamburg gegründet, es ging bergauf, aber sehr oft auch bergab. Eine Erzählung von Glanz und Elend.

Geschichte war früher? Nein, Geschichte ist immer, und manches wiederholt sich. Zum Beispiel bei der Commerzbank, einer einst stolzen und edlen Marke, die jetzt ihren 150. Geburtstag feiert. Gerupft zwar, totgesagt, von Selbstzweifeln befallen, aber immerhin: still standing. Gratulation! Mit einem Bein steht das deutsche Traditionshaus im 21., mit dem anderen im 19. Jahrhundert, das muss man erst mal nachmachen. Als das Geldhaus im Jahr 1870 in Hamburg gegründet wurde, gab es noch kein Deutsches Reich, keinen Kaiser, und schon gar keine demokratische Republik. Aber kann man wirklich gratulieren?

In ihren 150 Jahren hat die Bank gleich zwei Mal erlebt, was eine private Bank in Friedenszeiten eigentlich nicht erleben sollte: die Rettung durch den Staat, mit dem Geld der Steuerzahler. 2008 war das, in der Finanzkrise, aber auch 1932, in der Weltwirtschaftskrise. Mehrmals stand die Bank am Abgrund, war in die falsche Richtung marschiert, hatte sich verkalkuliert. Sorry an die, die jetzt feiern, aber: Von einer Erfolgsgeschichte kann eigentlich nicht die Rede sein, eher von Irrungen und Wirrungen, und von der steten vergeblichen Suche nach der großen Vision.

Eine Filiale der Commerzbank in den 1920er-Jahren: Zweimal musste das Institut bisher mit Staatshilfe gerettet werden.

(Foto: Commerzbank)

In diesen Tagen runden sich ja die Geburtstage der nationalen Banken in Deutschland: Die Commerzbank, Erkennungsfarbe gelb, feiert am kommenden Mittwoch, 26. Februar, in Frankfurt am Main, die blaue Deutsche Bank am 21. März in Berlin. Die Dresdner Bank, die mit dem grünen Band der Sympathie, kann nicht mehr feiern - weil es sie nicht mehr gibt. Aufgegangen, ausgerechnet, in der Commerzbank; dazu später mehr.

Banken, sagen deren Mitarbeiter gerne (besonders dann, wenn sie Hilfe vom Staat brauchen), sind Dienstleister, sind das Schmiermittel des Kapitalismus. Sie sind systemrelevant, machen viele Investitionen überhaupt erst möglich. Geschäfte machen wollte 1870 ein Mann namens Theodor Wille. Seit 25 Jahren verdiente der Hamburger Reeder und Überseekaufmann Geld mit Kaffee, er hatte in der brasilianischen Stadt Santos die Firma Theodor Wille & Co. gegründet, die rasch zum größten Kaffee-Exporteur des südamerikanischen Landes wuchs, angeblich hat der Chef selbst den ersten Sack Kaffeebohnen in Hamburg abgeliefert.

Banken sind das Schmiermittel des Kapitalismus

Alles wuchs in jener Zeit, und je mehr es wuchs, desto wichtiger wurde es, eine finanzielle Drehscheibe zu haben. Also gründete Wille zusammen mit anderen Geschäftsleuten und Privatbankiers in Hamburg die Commerz- und Disconto-Bank, das war am 26. Februar 1870. Wenige Wochen später, am 25. April, öffnete der erste Schalter. Da war das Geschäft, um das es ging, schon im Namen: Kommerz, der Handel. Diskont, der Zins.

Fast zeitgleich ging es los für die Deutsche Bank, sie wurde am 10. März 1870 in Berlin gegründet. Die Dresdner Bank wiederum startete zwei Jahre später, 1872, in der Stadt, deren Namen sie trug - als Umwandlung eines Privatbankhauses, das sogar schon seit 1771 existierte. Der Start aller dieser Banken, begünstigt durch die Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen, glückte. An der Elbe gedieh die Commerz- und Disconto-Bank, und eine Generation später gelang auch der Sprung in die boomende Hauptstadt: 1905 kauften die Hamburger die Berliner Bank, es folgten zahlreiche Übernahmen kleinerer Häuser, und so wurde aus der Regionalbank die reichsweit tätige Großbank, ab 1940 auf den Namen Commerzbank verkürzt.

Commerzbank-Zentrale in Frankfurt

Hoch hinaus: Der Commerzbank-Turm war mal das höchste Gebäude in Europa.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Es lohnt sich, dem Start noch einen zweiten Blick zu widmen. Interessant ist ja, dass nicht ein tüchtiger Privatbankier klein anfing, woraus Großes wuchs - sondern von Anfang an groß gedacht wurde. Die Gründer der Commerz- und DiscontoBank machten Geschäfte mit Indien, China, Australien, das war ihr Horizont. Schon 1873 eröffnete die Bank eine rasch wachsende Filiale an der Themse, London als Drehscheibe für die Welt.

1931 erschütterte eine Bankenkrise die deutsche Wirtschaft; in der Folge ordnete der Staat im Februar 1932 die Fusion von Banken an, an der Commerz- und Privat-Bank beteiligten sich Reich und Reichsbank in Höhe von 70 Prozent: die erste Rettungsaktion.

Wie man heute weiß, hat sich auch die Commerzbank im braunen Netzwerk verstrickt. Die Verquickung mit dem NS-System war "mitteltief", sagen die Historiker, aber tief genug. Man diente sich den Nazis an wie andere auch, jüdische Mitarbeiter wurden aus der Bank hinausgedrängt und zunehmend bedenkenlos Geschäfte in den besetzten Gebieten gemacht. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Zeit soll im März 2020 vorgelegt werden.

Durch die Teilung Europas nach dem zweiten Weltkrieg verlor die Commerzbank fast die Hälfte ihrer Filialen, in der aufstrebenden Bundesrepublik ging es dennoch rasch wieder nach oben. Sie war die kleinste der drei Großen, aber zeitweise die mit den größten Wachstumsraten. Sie konzentrierte sich auf den privaten Kunden und Normalverdiener, der bisher (nur) von den Sparkassen und Genossenschaftsbanken bedient wurde: von daher kommt das bis heute gute Image beim Verbraucher. Ans große Geschäft kam man eher nicht ran, ehrgeizige Chefs versuchten es und verhoben sich regelmäßig.

Jetzt drehten die Gelben ein großes Rad, ein zu großes

Die Bedeutung der Bank korrespondiert eher nicht mit der Wucht des 259 Meter hohen Büroturms in Frankfurt, der 1997 eingeweiht wurde: damals das höchste Gebäude Europas. 2006 übernimmt die Commerzbank den Immobilienfinanzierer Eurohypo, 2008 kauft sie der Allianz die Dresdner Bank ab - miteingekauft sind, wie sich bald herausstellt, Risiken ungeheuren Ausmaßes, Milliarden müssen abgeschrieben werden. Die Gelben wollten das ganz große Rad drehen, es geht gewaltig schief. Als in New York die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbricht, ist das wahrhaft schlechtes Timing, die Commerzbank wankt. Der Staat muss ein zweites Mal retten, 18 Milliarden Euro aus dem staatlichen Bankenrettungsfonds Soffin. Der Bund erwirbt 25 Prozent plus eine Aktie, weitere Milliarden fließen als stille Einlage.

464 Milliarden

So groß ist heute die Bilanzsumme der Commerzbank AG, in Euro und Stand 2019. Das ist ein gewaltiger Kontrast zu den 20 Millionen Mark, mit der die Commerz- und Disconto-Bank im Jahr 1870 in Hamburg begonnen hat, verteilt auf 100 000 Aktien zu je 200 Mark. Gegründet von Kaufleuten und Privatbankiers, sollten Import und Export finanziert werden. Der erste Schalter war in der Bergstraße 13, nicht weit vom Rathaus der Hansestadt.

Die Bank lebt weiter, aber es macht keinen Spaß mehr, Commerzbanker zu sein. Was und wozu macht man Geschäfte, das ist schwer zu erklären, immer noch fehlt die große Vision. 2019 sollte die Fusion mit der Deutschen Bank sinnstiftend sein, aber die Gespräche scheiterten nach sechs Wochen, in der Bank hat ohnehin kaum jemand an diesen Deal geglaubt.

Im Grunde ist die Commerzbank ein Phänomen: Seit Jahren wird in der Branche darüber gespöttelt, dass man sie eigentlich nicht braucht, dass sie von einer (ausländischen?) Großbank übernommen werden wird. Aber sie macht unverdrossen weiter, beschäftigt immer noch fast 50 000 Mitarbeiter, zahlt ihren Vorständen Millionengehälter. Verdient aber kaum noch Geld und lebt eigentlich davon, dass der Staat weiter bei ihr investiert ist.

Dazu passt, dass Bundesfinanzminister Olaf Scholz nächste Woche die Festrede hält (während es im März bei der Deutschen Bank der Bundespräsident sein wird). Die Feier im Frankfurter Palmengarten wird so nüchtern sein wie das Image von Olaf Scholz. 500 geladene Gäste am späten Vormittag, keine große Party. Der Vorstandsvorsitzende wird reden, der Aufsichtsratschef, ein Grußwort vom Hessischen Ministerpräsidenten. Die Mitarbeiter bekommen einen Tag Sonderurlaub gut geschrieben. Emotional ist das nicht. Die Arbeit geht weiter.

© SZ vom 22.02.2020
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