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Ernährung:CO₂-Kennzeichnung kann helfen, den Klimawandel zu stoppen

Dass derzeit gleich mehrere große Cateringfirmen wie Dussmann, Sodexo und Apleona an einer CO₂-Kennzeichnung arbeiten, ist Zeichen für eine Zeitenwende.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es macht einen großen Unterschied, was jeder Einzelne isst. Wir müssen wissen, welches Lebensmittel wie viel CO₂ verursacht - und unsere Ernährungsgewohnheiten grundsätzlich ändern.

Die Liste der Bedenkenträger ist lang. Verbraucherschützer sind skeptisch, so mancher Lebensmittelkonzern lehnt sie ab und selbst Politiker geben sich verdächtig zurückhaltend, wenn es um eine CO₂-Kennzeichnung von Lebensmitteln geht. Zu aufwendig, intransparent oder gar irreführend, lauten die häufigsten Einwände. Und ja, es stimmt, die Sache ist kompliziert. Aber das darf kein Grund sein, es gar nicht erst zu versuchen. Dass nun die ersten Kantinen in Deutschland den Effekt von Gerichten aufs Klima berechnen und ausweisen, zeigt: Es ist machbar. Aber ist es auch sinnvoll?

Wer die Restaurants des Halbleiterherstellers Infineon in München besucht, kann dort seit Kurzem die Klimabilanzen einsehen. Wie viel Treibhausgase das vegane Linsencurry oder der Rinderbraten mit Kartoffelknödel auf der Tageskarte verursachen, können Gäste mit einer App abrufen. Eine Information, die nicht nur jenen hilft, die sich klimafreundlicher ernähren wollen. Macht sie doch allen Kantinenbesuchern bewusst, was sie sich tagtäglich auf den Teller laden - ein erster Schritt, um eigenes Verhalten zu ändern.

Tatsächlich macht es einen großen Unterschied, wie sich jeder Einzelne ernährt. So verursacht ein Veganer 80 Prozent weniger Emissionen als ein Fleischesser. Global betrachtet ist die Nahrungsmittelkette für ein Drittel der vom Menschen verursachten Treibhausgase verantwortlich, angefangen auf dem Acker bis hin zu weggeworfenem Essen, das vernichtet werden muss. Das Problem wird sich weiter verschärfen: Der weltweite Nahrungsmittelbedarf wird sich bis 2050 wahrscheinlich mehr als verdoppeln.

Fest steht: Der Klimawandel kann nur gestoppt werden, wenn sich die Ernährungsgewohnheiten grundsätzlich ändern. Vor allem in reichen Ländern wie Deutschland ist ein hoher Fleischkonsum bis heute selbstverständlich, auch wenn die Zahl der Vegetarier, Veganer und Wenigfleischesser zunimmt. Tatsache ist, dass Currywurst, Schnitzel oder Spaghetti Bolognese nach wie vor die beliebtesten Gerichte in Betriebsgaststätten sind. Etwa 20 Millionen Menschen essen regelmäßig in Kantinen und Mensen, immerhin ein Viertel aller Deutschen. Fürs Klima ist es also durchaus entscheidend, wie dort gekocht und was gegessen wird. Eine Küche, in der nicht nur der Preis der Zutaten ein entscheidendes Kriterium ist, sondern auch die CO₂-Werte, wird sich wandeln. Denn die Betreiber stellen schnell fest: Die größte Wirkung lässt sich mit Gemüsegerichten ohne Fleischbeilage erzielen. Das verlangt jedoch neue Rezepte, und den Mut, anders zu kochen, weil am Ende für hungrige Gäste vor allem eines zählt: Es muss schmecken.

Dass derzeit gleich mehrere große Cateringfirmen wie Dussmann, Sodexo und Apleona an einer CO₂-Kennzeichnung arbeiten, ist Zeichen für eine Zeitenwende. Zusammen versorgen sie täglich Hunderttausende. Den Firmen geht es nicht nur um billige Effekthascherei. Sie wollen das Messen ihres CO₂-Ausstoßes zur täglichen Routine machen. Wie andere Unternehmen in der Wirtschaft müssen sie ihre Emissionen senken, will Deutschland seine Klimaziele erreichen. Doch das kostet Geld. Eine Investition, dies sich auch lohnen muss.

Verbraucher können von der CO₂-Kennzeichnung nur profitieren

Emissionen zu berechnen ist komplex, wie das Beispiel einer Tomate zeigt. Ob diese nun aus der Dose, einem niederländischen Gewächshaus oder aus Südamerika kommt, wirkt sich höchst unterschiedlich aus. Auch Anbau, Dünger, Pestizide, Transporte, Lagerung und Verpackung spielen eine Rolle. All dies fließt in Datenbanken und Software-Programme ein, mit denen sich jede Rezeptur schnell und einfach berechnen lässt. Anwender in der Küche bekommen so die Möglichkeit, ihre Einkäufe zu optimieren, und zwar so, dass sich die Klimabilanz verbessert.

Falsch wäre es, zu erwarten, dass solche Systeme schon perfekt funktionieren, denn die Aufbauarbeit ist längst nicht abgeschlossen. Doch Datenbanken, wie sie die Schweizer Firma Eaternity und andere anbieten, werden präziser und zuverlässiger. Auch für die Lebensmittelindustrie werden sie wichtig. Hinter den Kulissen erfassen viele Hersteller ihre Emissionswerte sehr genau. Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, bis solche Informationen auf Verpackungen im Supermarkt stehen. In welcher Form, ist noch unklar. Es fehlen dafür einheitliche und verlässliche Regeln. Doch das lässt sich lösen.

Fest steht, Verbraucher können von einer CO₂-Kennzeichnung für Lebensmittel nur profitieren. Schließlich ist sie ein wichtiges Hilfsmittel, um die eigene Klimabilanz zu verbessern.

© SZ vom 25.02.2020/vit
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