Chris Boos im Interview "Am besten, Sie leisten sich drei Handys"

"Ein Dreijähriger kann bessere Dialoge führen": Chris Boos über Sprachassistenz-Systeme.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Arago-Gründer Chris Boos über die Furcht vor künstlicher Intelligenz, feige Unternehmen und wie man sich davor schützt, vom Staat überwacht zu werden.

Interview von Elisabeth Dostert und Helmut Martin-Jung

Die T-Shirts, die Chris Boos trägt, sind eine Botschaft. Als er die SZ-Redaktion in München besucht, steht auf leuchtend pinkem Stoff "Do epic shit" (Mach krassen Scheiß). Der Gründer der auf künstliche Intelligenz (KI) spezialisierten Firma Arago wirkt furchtlos. Angst um seine Daten hat er jedenfalls nicht. Stattdessen erzeugt er viele.

SZ: Herr Boos, wie alt waren Sie, als Sie Ihr erstes Programm geschrieben haben?

Chris Boos: Acht Jahre. Ich konnte Kreise auf einem Bildschirm erzeugen.

Und Ihre Kumpels in der Schule und Ihre Eltern waren schwer beeindruckt?

In der Schule galt ich als Nerd, das waren damals in den Achtzigern Außenseiter. Meine Eltern waren total unbeeindruckt. Die haben mich zwar gefördert, mich aber auch ermahnt, nicht immer nur vor der Kiste zu sitzen.

Wann ging es zum ersten Mal um künstliche Intelligenz?

Als mein Onkel und ich 1995 unsere Firma Arago gegründet haben. Bis 2013 haben wir für das erste kommerzielle Produkt gebraucht, unsere KI-Plattform Hiro. Da waren wir dann auch reif für einen Investor.

Und Sie wählten KKR, einen US-Finanzinvestor, der sonst bei Besteckherstellern und Autozulieferern einsteigt.

Damit hatte keiner gerechnet, dass bei uns ein etablierter Investor wie KKR einsteigt. Aber die Hightechs verstehen wir schon, wir wollten lernen, wie die alte Wirtschaft mit KI umgeht. Wir brauchen fünf Minuten, um Google zu erklären, was wir machen, aber fünf Monate, um es der Telekom zu erklären. Da war KKR der richtige Partner.

Heute reden alle über KI.

Das nervt mich total.

Dank Hollywood fürchten manche sogar, Maschinen hätten wegen KI bald ein eigenes Ich, mit eigener Meinung und Bewusstsein.

Ich kenne niemanden, der an so etwas arbeitet oder auch nur wüsste, was man tun müsste, um so einen Rechner zu entwickeln. Wir wissen viel zu wenig darüber, wie unser Gehirn funktioniert. Das bisher größte künstliche neuronale Netz hat eine Milliarde Neuronen. Um das laufen zu lassen, brauchen Sie ein halbes Atomkraftwerk. Das Gehirn eines Menschen hat 86 Milliarden Neuronen und läuft mit 20 Watt. Und im Gehirn laufen auch noch jede Menge chemische Prozesse ab.

Wie groß ist das neuronale Netz eines selbstfahrenden Autos?

Nicht so sonderlich groß. Fahren ist super einfach.

Warum sind dann nicht mehr autonome Autos auf den Straßen?

Wir hegen starke Sicherheitsbedenken. Safety first bedeutet, die Maschine darf nie einen Menschen totfahren. Dann darf man aber niemals ein solches Fahrzeug auf die Straße lassen, weil es dieses Risiko immer gibt. Für ein Fahrzeug, das im Straßenverkehr weniger Schaden anrichtet als ein Mensch, haben alle Hersteller schon die Technik in der Schublade. Ich bin schon vor zwei Jahren in den USA mit einem solchen Auto gefahren.

Tesla?

Nein, Google. Das funktioniert sehr gut. Das funktioniert auch schon in Ingolstadt. Wenn durch selbstfahrende Autos die Zahl der Verkehrstoten um zehn Prozent sinkt, wäre das doch schon gut. Autonome Autos können die Zahl der Verkehrstoten halbieren. Das wäre doch eine richtig gute Sache.

Was hält uns noch auf?

Alle großen Industrienationen hängen mehr oder weniger vom Auto ab. Selbstfahrende Autos würden das Wirtschaftssystem auf den Kopf stellen. Heute kaufen Sie ein Auto, und 80 Prozent der Zeit steht es herum und rostet. Wenn man die Auslastung eines Autos auf 70 Prozent hochdrehen könnte, dann brauchen Sie 70 Prozent weniger Autos. Für die Art und Weise, wie wir Autoindustrie betreiben, wäre das nicht gut. Alle denken, die Welt bricht zusammen.

Tut sie nicht?

Wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer. Entweder ein anderer demontiert uns und oder wir demontieren uns durch Unterlassen selbst. Eigentlich müssten die Deutschen die Allerersten sein, die autonome Fahrzeuge auf die Straße bringen.

Was macht die Sache so schwer?

Die große Frage ist: Wie schaffen wir die Transformation? Auf der einen Seite haben wir die unglaublichen Effizienzgewinne durch KI. Auf der anderen Seite werden etablierte Konzerne angegriffen. Die Bank fühlt sich angegriffen von Finanz-Start-ups und Facebook, die Autohersteller von Google und Tesla. Die alte Industrie hat ein lineares Modell, die neue ein exponentielles. Die einen dürfen sich keine Fehler erlauben, den anderen werden Fehler leicht verziehen.

Das bedeutet?

Etablierte Konzerne stehen mächtig unter Druck, müssen sich neu erfinden, sofort. Dafür brauchen sie Menschen mit Erfahrung. Nur Menschen können neue Geschäftsmodelle erfinden. Das Geld dazu hätten die Etablierten auch, weil sie ja die Effizienzgewinne hernehmen können, aber den Konzernen fehlt der Mut. Sie trauen sich noch nicht mal einer Führungskraft zu erklären, dass sie morgen etwas anderes machen muss.

Was erledigen künftig Maschinen?

Das, was Menschen nicht so leichtfällt. Sprache hingegen ist zum Beispiel für Maschinen eine komplizierte Sache. Wenn Ihnen jemand sagt, ein Computer habe ein Buch verstanden, bindet er Ihnen einen Riesenbären auf. Es gibt keine Maschine, die Gelesenes versteht oder es vielleicht sogar schreiben könnte, das wird so schnell nicht gehen.

Gilt das auch für Übersetzungen?

So fing die KI mal an, auf der Dartmouth-Konferenz 1956. Die stellten sich das ganz einfach vor, weil Sprache doch total logisch sei. Es war dann doch nicht ganz so einfach. Sprache ist magisch. Wir sind noch weit weg davon, Sprache am Computer nachbauen zu können.

Wie weit?

Sehr weit. Aber irgendwann wird die Rechenpower auch groß genug sein, um Sprachverständnis erzeugen zu können.

Es gibt aber doch schon Sprachassistentinnen wie Alexa von Amazon?

Das sind doch traurige Blechkästen. 80 Prozent der Antworten sind: Ich kann dir leider nicht helfen. Ein Dreijähriger kann bessere Dialoge führen und sich dabei gleichzeitig noch die Zähne putzen.

Reden wir bei der Diskussion über KI womöglich über die falschen Fragen?

Wir diskutieren hochintellektuell über die Frage, was ein selbstfahrendes Auto tun soll, wenn es vor die Wahl gestellt wird, eine alte Frau oder ein Baby umzufahren.

Was sollte es denn tun?

Philosophisch ist die Frage nicht zu beantworten, nur ökonomisch. Ist uns das Baby als künftige Arbeitskraft und Rentenzahler wichtiger oder die alte Frau, weil wir ihre Erfahrung brauchen? Wie die Antwort auch immer ausfällt: Sie handeln immer unmoralisch. Das ist eine spannende Diskussion, aber zum heutigen Zeitpunkt völlig irrelevant. Wir reden über futuristische Dinge, aber nicht über das Naheliegende.

Das da wäre?

Wir arbeiten seit 200 Jahren daran, immer mehr Arbeit durch Maschinen erledigen zu lassen. Mit der künstlichen Intelligenz, die es heute schon gibt, kann man 80 Prozent aller Arbeiten erledigen, die wir heute tun. Und zwar nicht, weil die Computer so viel schlauer geworden sind, sondern weil wir die Arbeit so organisiert haben, dass sie für Maschinen gut zugänglich ist. Darüber müssen wir reden.

Was ist noch nötig, damit KI funktioniert?

Wir brauchen in Deutschland und Europa eigene Datenpools. Die gibt es nur im Silicon Valley und in China und vielleicht noch in Russland. Wenn man daran glaubt, dass KI eine Schlüsseltechnologie ist, muss man einen Datenpool in Europa schaffen.

Wieso gibt es noch keinen?

Es fehlt uns an der richtigen Mentalität, sowohl bei den Leuten, die Daten abgeben könnten, als auch bei denen, die sie nutzen könnten. Die Amerikaner sagen: Collect it all, sammle alles. Das war hier noch nie ein Thema. Wenn man eine Maschine haben will, die alles können soll, aber keine Evolution hinter sich hat, die nie im Kindergarten war oder eine Schule besucht hat, muss man sie mit Daten füttern, damit sie lernt, wie die Welt funktioniert. Wir brauchen einen Datenpool.

Was hindert uns?

Wir diskutieren darüber, ob Datenpools gut oder böse sind. Das ist aber irrelevant, die Menschen haben sich doch längst entschlossen, Google und Facebook zu nutzen. Zum ersten Mal führen Kunden eine industrielle Revolution an, nicht Unternehmen.

Aber viele fürchten die Datensammler.

Es wundert mich immer wieder, warum die Leute so große Angst davor haben, ihre Daten den Konzernen zu geben. Aus den sozialen Netzwerken von Google und Facebook können Sie wieder austreten. Es wird dagegen viel zu wenig darüber geredet, wie viel Daten Staaten über uns Menschen sammeln, und aus denen können Sie nicht austreten.

Was ist Ihre persönliche Konsequenz?

Ich erzeuge ganz viele Daten. Klingt komisch, ist aber total rational.

Können Sie das erklären?

Sie werden es nicht schaffen, keine Daten zu erzeugen. Je weniger Daten Sie erzeugen, desto leichter sind Sie zu extrahieren. Wenn Sie sehr viele Daten erzeugen, ist es ziemlich teuer, sich ein Bild von Ihnen zu machen. Je mehr Daten Sie erzeugen, umso besser. Am besten, Sie leisten sich drei Handys, und ab und zu geben Sie eins davon den Kindern mit.

Chris Boos, geboren 1972, hat an der TU Darmstadt und an der ETH Zürich studiert. 1995, als künstliche Intelligenz als wenig aussichtsreich galt, gründete er die Firma Arago und leistete erst einmal jahrelange Grundlagenarbeit. Heute ist Arago einer der Pioniere der künstlichen Intelligenz.