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Chinesische Wirtschaft:Chinas Reise in die Moderne

Vor 20 Jahren brach der Politrentner Deng Xiaoping zu einer Fahrt in den Süden Chinas auf. Mit dieser Tour zwang er die Regierung, die Wirtschaft zu liberalisieren. Die Reise ist der zweite Gründungsmythos der Kommunistischen Partei.

Am Morgen des 19. Januars 1992 kommt der Zug in der Provinzhauptstadt Guangzhou an. Zwei Tage zuvor war Deng Xiaoping am Pekinger Hauptbahnhof mit seiner Familie in Richtung Süden abgefahren. Dengs Reise, glauben die meisten Politiker, ist bloß ein mehrwöchiger Urlaub. Bestimmt entflieht der Alte, der zwei Jahre zuvor sein letztes wichtiges Amt abgegeben hat, mal wieder dem grimmigen Winter in Peking. Sie irren. Die Reise des Politrentners, das wird sich später herauskristallisieren, ist viel mehr, sie ist der zweite Gründungsmythos der Kommunistischen Partei. Dengs südliche Tour ist heute fast genauso wichtig wie Maos Langer Marsch.

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Ein Foto von Deng Xiaoping auf einem Vogel- und Blumenmarkt in der Stadt Nanjing: Er ist der Schutzheilige des Kapitalismus chinesischer Prägung.

(Foto: Getty Images)

Nach einem kurzen Halt in Guangzhou geht es am gleichen Tag weiter nach Shenzhen. Zehn Jahre zuvor war Shenzhen nicht mehr als ein größeres Fischerdorf, direkt an der Grenze zu Hongkong gelegen. Seitdem Deng Shenzhen zur Sonderwirtschaftszone erklärt hat, boomt der Ort, Fabriken entstehen, Tausende Wanderarbeiter kommen. Heute ist Shenzhen eine der größten Städte Chinas. Deng bleibt einige Tage in der Stadt und lässt sich herumführen.

1992 ist die Lage in China ernst, das Land ist gezeichnet von den Krisen der vergangenen Jahre. 1988 löst eine Inflation Panik aus. Ein Jahr später walzen Panzer in Peking die Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens nieder. Wenige Monate nach dem Tian'anmen-Massaker müssen Chinas Kommunisten auch noch den Untergang des Ostblocks mitansehen. China, Nordkorea und Kuba, das sind die letzten verbliebenen sozialistischen Staaten. Anfang der 90er Jahre ist sich die Mehrheit der Genossen im Ständigen Komitee des Politbüros, dem mächtigsten Gremium Chinas, einig, es sei zu risikoreich, den Reformprozess fortzusetzen. Statt einer sachten marktwirtschaftlichen Öffnung wollen Pekings Hardliner zur Planwirtschaft zurückkehren.

Deng Xiaoping ist damals weit über 80. Er hat nach Maos Tod die Reformen angestoßen, er war es, der China wieder an den Rest der Welt ankoppelte. Deng ist anderer Meinung als die herrschenden Kader in Peking. Eine Rückkehr zur Planwirtschaft, ist sich Deng sicher, bedeutet das Ende der Kommunistischen Partei. Ohne den Reformprozess, ohne eine wirtschaftliche Öffnung sei eine Revolution nur noch eine Frage der Zeit.

Er kämpft für seine Ideen; seine vielen Versuche, die Machthaber umzustimmen, sind in Biographien detailliert nachzulesen. Erst probiert er, die erste Garde in Einzelgesprächen zu überzeugen, er doziert über Marktwirtschaft, freien Handel, Wachstum. Vergeblich.

Am 3. März 1990 bestellt er Chinas Führung ein. "Warum unterstützt uns das Volk?" fragt er Parteichef Jiang Zemin, Premier Li Peng und Staatspräsident Yang Shangkun bei einem Treffen. Ohne auf eine Antwort zu warten, gibt er die Antwort: "Weil sich die Wirtschaft entwickelt hat." Er schießt eine zweite Frage nach: "Was aber, wenn das Wachstum plötzlich stagnieren sollte oder die Zuwachsraten jährlich nur bei vier bis fünf Prozent liegen, vielleicht sogar nur bei zwei bis drei Prozent, welche Effekte hätte das?" Und wieder gibt er die Antwort selbst: "Es wäre nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern auch ein politisches!" ruft er. Nichts geschieht.

1991 fordert Deng unter dem Pseudonym Huangfu Ping in einer Shanghaier Parteizeitung die wirtschaftliche Öffnung Chinas. Die Volkszeitung, das Sprachrohr der Partei, zerpflückt die Idee in ihren Leitartikeln.

Seine Reise nach Süden, das weiß Deng, ist vielleicht die letzte Chance, China wieder auf Reformkurs zu bringen. Er muss den Druck auf das Politbüro erhöhen, er muss sie zu Reformen zwingen. Und das gelingt ihm. Mit Hilfe der Hongkonger Presse und einem geheimen Treffen in der Küstenstadt Zhuhai.

Weil Dengs Fahrt als Urlaubsreise angekündigt worden war, hat die Nachrichtenagentur Xinhua nur einen Reporter und einen Fotografen mitgeschickt. Doch schon bald werden die Hongkonger Medien aufmerksam, dutzende Journalisten kommen über die Grenze. Aus Guangzhou reisen lokale Medienvertreter an. Nach wenigen Tagen begleitet ein Pulk von 50 bis 60 Journalisten Deng bei seinen Erkundungen in Shenzhen.

Würde er den Parteichef mit Hilfe des Militärs stürzen?

Die Hongkonger Journalisten berichten eifrig über die Reise, sie protokollieren seine Reden über die wirtschaftliche Öffnung Chinas. Das Hongkonger Fernsehen übertragt Sondersendungen. Millionen Chinesen können das Hongkonger Fernsehsignal empfangen. Die Presse in Peking schweigt. Weder die Volkszeitung noch das Staatsfernsehen gehen auf Dengs Reise ein. Order von ganz oben. Deng macht sich derweil auf den Weg nach Zhuhai, die Grenzstadt zu Macao, das damals noch portugiesisch verwaltet wird. In Zhuhai hat Deng ein Treffen mit einigen Mitgliedern der Zentralen Militärkommission eingefädelt.

Der Kommission untersteht die chinesische Volksbefreiungsarmee mit ihren Millionen Soldaten. Bis 1989 war Deng selber noch Vorsitzender der Militärkommission, inzwischen leitet Parteichef Jiang Zemin das Gremium. Doch Jiang ist nicht nach Zhuhai eingeladen, stattdessen ist Staatspräsident Yang Shangkun anwesend, zwei ranghohe Generäle und Qiao Shi, einer der Konkurrenten Jiangs. In den offiziellen chinesischen Darstellungen wird das Planungstreffen in Zhuhai mit keinem Wort erwähnt, niemand soll wissen, welche Machtkämpfe innerhalb der Parteiführung ausgetragen wurden. Jiang realisiert schnell, welchen Grund das Treffen hat. Würde Deng alles auf eine Karte setzen? Würde Deng versuchen, den Parteichef mit Hilfe des Militärs zu stürzen?

Gleich nach dem Treffen lässt sich Jiang von einem der Teilnehmer einen Tonbandmitschnitt aushändigen. Spätestens jetzt realisiert er, dass mit Yang und Qiao zwei bedeutende Kader auf Dengs Kurs eingeschwenkt sind. Außerdem berichtet die ausländische Presse über die Reise, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Diskussion Peking erreicht.

Während Deng nach Shanghai weiterreist, debattiert das Politbüro über Dengs Medienoffensive und das Geheimtreffen in Zhuhai. Sitzung auf Sitzung folgt.

Fast zwei Monate nachdem Deng in Peking in den Zug gestiegen ist, beschließt das Politbüro am 10. März 1992 das sogenannte Dokument Nummer 2. Die Reformen sollen beibehalten werden. Deng Xiaoping hat den Machtkampf gewonnen. Am Tag darauf berichtet Xinhua zum ersten Mal über Dengs Reise.

1992 wächst Chinas Bruttoinlandsprodukt um 14,2 Prozent, ein Jahr später sind es 13,5 Prozent. Viele westliche Firmen kommen zurück. Lagen die ausländischen Direktinvestitionen 1992 bei vier Milliarden Dollar, stecken ausländische Konzerne nach Dengs Reise im Schnitt mehr als 35 Milliarden Dollar pro Jahr in die chinesische Wirtschaft.

20 Jahre nach Dengs Tour ist klar: Chinas Abkehr von der Planwirtschaft hat sich gelohnt, das Land ist zu einem ökonomischen Schwergewicht geworden. Es geht vielen Chinesen besser als vorher. Auch Dengs zweites Ziel, die Macht der Kommunistischen Partei zu stärken, wurde erreicht. Trotzdem hat Dengs Erfolgsmedizin einige gefährliche Nebenwirkungen. Nicht alle Chinesen haben vom Wachstum gleichermaßen profitiert. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in China enorm groß. Und mit diesen Nebenwirkungen hat die heutige Führung zu kämpfen.

20 Jahre nach Dengs Reise steht China nun vor dem Wandel vom Billiglohnland zur Industrienation. Die Gehälter steigen, die ersten Firmen wandern ab, nach Indien, Vietnam oder Bangladesch. Parteichef Hu Jintao spricht schon seit Jahren davon, die Lücke zwischen Arm und Reich schließen zu wollen, brauchbare Konzepte legt er nicht vor. Stattdessen argumentiert er ideologisch. China müsse zu einer "harmonischen Gesellschaft" reifen. Scheitert die kommenden Führungsgeneration an der zweiten Transformation, könnte Hu als Chinas Breschnew in die Geschichte eingehen.