Übernahme Autozulieferer Grammer steht vor Verkauf an Chinesen

Mitarbeiter arbeiten in der Produktion beim Autozulieferer Grammer an Fahrersitzen.

(Foto: dpa)

Die Firma Jifeng will den Konzern aus der Oberpfalz übernehmen - obwohl der viel größer ist. Moralisch gäbe es bei dem Deal einen großen Verlierer.

Von Christoph Giesen, Peking, und Uwe Ritzer, Amberg

Ningbo Jifeng, ohnehin schon Großaktionär beim Sitzehersteller Grammer, will den vor mehr als 100 Jahren als Sattlerei gegründeten Autozulieferer aus Amberg in der Oberpfalz übernehmen. Jifeng will den Aktionären ihre Anteile mit einem Aufschlag von 17 Prozent über dem bisherigen Aktienkurs abkaufen - das Unternehmen wäre Jifeng damit 772 Millionen Euro wert. Ein entsprechender Investorenvertrag sei am Dienstag unterschrieben worden, teilte das Unternehmen in Amberg mit. Sowohl Aufsichtsrat und Börse als auch die Arbeitnehmer reagierten positiv. Jifeng habe schon im Vorfeld freiwillig weitreichende Garantien gegeben, sagte der Amberger IG-Metall-Chef Horst Ott. Vereinbart wurde, dass Grammer selbständig und börsennotiert bleibt, das Management und die Struktur möchte Jifeng erhalten.

Die Übernahme des Herstellers von Nutzfahrzeugsitzen und Innenausstattungen durch die Chinesen hat auch - zumindest moralisch - einen großen Verlierer: die bosnische Investorenfamilie Hastor. Sie wollte Grammer vor gut einem Jahr gegen den Willen des Managements und der Arbeitnehmervertreter übernehmen, scheiterte damit jedoch auf der Hauptversammlung. Gegen deren Beschlüsse laufen zwar noch Klagen Hastors vor dem Nürnberger Oberlandesgericht, doch die Verfahren ziehen sich. Derweil sorgt man in Amberg für klare Verhältnisse: Jifeng, vor einem Jahr als weißer Ritter in der Übernahmeschlacht mit Hastor als Aktionär an Bord geholt, wurde zum Wunschpartner.

Das chinesische Unternehmen ist deutlich kleiner als Grammer

Und doch ist es ein bemerkenswerter Deal: Grammer hat mit Kopfstützen und Mittelkonsolen für Autos sowie mit Sitzen für Traktoren, Baumaschinen und Lastwagen im vergangenen Jahr 1,8 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. In Deutschland beschäftigt das Unternehmen 3 000 Mitarbeiter, weltweit sind es 15 000. Das chinesische Unternehmen, das 1996 in der Nähe der ostchinesischen Hafenstadt Ningbo gegründet wurde, produziert Kopfstützen und Armlehnen vor allem für Autobauer aus der Volksrepublik und ist deutlich kleiner als Grammer - 2017 betrug der Umsatz 250 Millionen Euro.

Sieben Mal weniger. Dennoch heißt es: Die Finanzierung sei gesichert. Denn die Autohersteller und ihre Zulieferer werden in Peking als Schlüsselindustrie eingestuft und sind Teil der "Made in China 2025"-Strategie. Zehn Branchen hat die Zentralregierung ausgewählt, in denen Firmen aus der Volksrepublik bis dahin führend sein sollen. Mindestens 300 Milliarden Dollar an staatlicher Unterstützung stehen dafür bereit, um dieses Ziel zu erreichen. Wo Innovation nicht selbst gelingt, soll zugekauft werden. Vor allem Deutschland mit seinem Mittelstand und den vielen Weltmarktführern ist in den Fokus geraten.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass China seine eigenen Industrien vor ausländischem Zugriff schütze, aber im Westen immer mehr Schlüsseltechnologien einkaufe. In den vergangenen vier Jahren haben demnach Unternehmen aus der Volksrepublik hierzulande 175 Firmen übernommen oder Beteiligungen erworben, vornehmlich an Technologiefirmen - beim Autobauer Daimler genauso wie beim Roboterhersteller Kuka. Und jetzt auch bei Grammer.

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