China Mächtiger Genosse

Wang Qishan ist engster Vertrauter von Präsident Xi Jinping.

(Foto: Jason Lee/Reuters)

Peking schickt Wang Qishan, einen hochrangigen Vertreter, in die Schweiz. Der Vizepräsident vertritt Staats- und Parteichef Xi Jinping.

Von Christoph Giesen, Peking

Zeitlich liegt Davos nicht sonderlich günstig, zumindest, wenn man Chinese ist. In zwei Wochen steht das Frühlingsfest an - in China so wichtig wie Weihnachten und Ostern zusammen. Das halbe Land macht sich dann auf die Reise nach Hause zur Familie, als Spitzenpolitiker ist man da unabkömmlich. Trotzdem schickt Peking auch in diesem Jahr wieder einen hochrangigen Gast in die Schweizer Alpen. 2017 kam Staats- und Parteichef Xi Jinping persönlich, als Ehrengast hielt er eine Rede. Diesmal reist Wang Qishan an, Xis engster Vertrauter.

Im vergangenen Frühjahr wurde der 70-Jährige vom Nationalen Volkskongress zum Vizepräsidenten Chinas gewählt - er ist seitdem Xis Stellvertreter, der chinesische Mike Pence also. Vor allem aber ist er der Krisenmanager der Kommunistischen Partei, und er versteht auch etwas von Wirtschaft. In den Neunzigerjahren leitete Wang die erste Investmentbank Chinas, natürlich ein staatliches Institut. Später war er Parteichef von Hainan, jener Tropeninsel, auf der Deutsche-Bank-Großaktionär HNA seinen Sitz hat. 2003 wurde Wang zum Bürgermeister von Peking ernannt. Erst half er dort, die tödliche Lungenseuche SARS in den Griff zu bekommen, dann organisierte er die Olympischen Spiele 2008.

Als die Weltfinanzkrise auch die Volksrepublik zu erfassen drohte, wurde Wang zum Vizepremierminister für Wirtschaft und Finanzen berufen. Häufig flog er nach Washington und verhandelte mit dem damaligen Finanzminister Henry Paulson, zum Teil auf Englisch, das er im Unterschied zu vielen Spitzenkadern spricht. Paulson und er hatten sich bereits als Investmentbanker kennen - und schätzengelernt: Paulson arbeitete damals für Goldman Sachs, Wang für ein staatliches Institut. 2012 holte Xi Wang an seine Seite und machte ihn zum Vorsitzenden der Disziplinarkommission der Partei. Manche sagen, Wang sei "der Griff am Messer Xi Jinpings" gewesen. Hunderttausende Kader fielen in der von Wang orchestrierten Antikorruptionskampagne zum Opfer.

Nach dem letzten Parteitag 2017 schied Wang aus Altersgründen aus dem Ständigen Ausschuss des Politbüros, der Machtzentrale in China, formell aus. An den Sitzungen des Gremiums soll Wang dennoch recht regelmäßig teilnehmen, erzählt man sich in Peking. Von Zeit zu Zeit empfiehlt Wang den Genossen auch Bücher zur Lektüre. Mindestens die halbe Führungsriege hat deshalb "Der alte Staat und die Revolution" von Alexis de Tocqueville gelesen. In dem 1856 erschienenen Buch werden die Ursachen, aber auch das Scheitern der französischen Revolution analysiert. Etwas optimistischer ist Wangs jüngster Buchtipp: "Sternstunden der Menschheit" von Stefan Zweig. 14 Porträts von Personen, die den Lauf der Weltgeschichte verändert haben. Manche von ihnen, weil sie Erfolg hatten, andere wiederum, weil sie grandios scheiterten.