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China:"Jeder belügt jeden"

Wie schlimm ist Chinas Krise wirklich? Die offiziellen Zahlen geben darüber wenig Aufschluss. Nicht einmal Peking vertraut darauf.

Von Christoph Giesen, Peking

Kaum hat Chinas Statistikamt am Freitag die Wachstumszahlen für das erste Quartal veröffentlicht, meldet sich auch schon der amerikanische Ökonom Christopher Balding beim Kurznachrichtendienst Twitter zu Wort: "Bemerkenswert, wie stabil die chinesischen BIP-Daten sind. Genauso stabil wie Bernie Madoffs Renditen", zitiert er einen Unbekannten. Um 6,7 Prozent ist Chinas Wirtschaft in den ersten drei Monaten gewachsen. Es ist der langsamste Anstieg seit dem ersten Quartal 2009, als die Wirtschaft nach dem Beginn der Weltfinanzkrise deutlich eingebrochen war.

Eine halbe Stunde nach dem gehässigen ersten Tweet legt Balding nach, fast genauso pointiert: "Wie groß sind die Sorgen in Peking und was steckt hinter dem Wachstum?", twittert er. Die Antwort liefert er gleich selbst: "Der Bestand an Krediten ist um 18 Prozent gestiegen. Neue Kredite gar um 25 Prozent." Chinas Wirtschaft wächst also fast nur noch auf Pump? Unstrittig ist, dass die Kommunistische Partei eine starke Wirtschaft braucht. Sie ist ihre Legitimation, um die Macht in China auszuüben.

Die Kredite sind tatsächlich gewaltig gestiegen. Die Zentralbank hatte im Februar ihre ohnehin lockere Geldpolitik ausgeweitet und fordert seitdem von den Geschäftsbanken weniger Sicherheiten. Laut Zentralbank vergaben Chinas Institute im März Kredite im Wert von 1,37 Billionen Yuan (etwa 188 Milliarden Euro), im Februar waren es noch 727 Milliarden Yuan.

Gegen Mittag laufen dann die ersten Texte der Nachrichtenagenturen über die Ticker. In Deutschland ist es noch sehr früh am Morgen. Das Wachstum werde durch eine "ungeheuer schnell steigende Kreditvergabe" angefeuert, warnt Balding. Dass die Kredite ständig steigen, ohne dass notwendige Reformen vorangetrieben werden, sei ein "langfristiges Problem" Chinas, das aber nicht angepackt werde. Ein gefragter Mann, dieser Christopher Balding.

File photo of a labourer having his dinner under his shed at a construction site of a residential complex in Hefei

Ob er in der Statistik vorkommt? Ein Arbeiter beim Abendessen in einer Zeltstadt in der chinesischen Provinz Anhui.

(Foto: Jianan Yu/Reuters)

Seit 2009 lehrt er der an der staatlichen Peking Universität, einer der einflussreichsten Hochschulen Chinas, dennoch ist just er einer der schärfsten Kritiker der chinesischen Wirtschaftspolitik. "Die Zentralregierung plant mit einer jährlichen Wachstumsrate von mindestens 6,5 Prozent. Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Die aktuelle Wachstumsrate dürfte irgendwo zwischen zwei und vier Prozent liegen", sagt Balding. Zwei Prozent statt 6,7 Prozent? Sind die chinesischen Daten wirklich so mies?

"Irgendwann fragten mich meine Studenten, ob ich die staatlichen Zahlen glaube", sagt Balding. Also setzte er sich hin und begann die Datenqualität zu analysieren. "Sie ist schrecklich. Und das nicht nur wegen schlechter Buchführung. Mein Eindruck ist, dass eine Menge Statistiken manipuliert werden", sagt er. "Manche lokale Regierungen rechnen die Ergebnisse ihrer staatlichen Unternehmen schön, um in Peking zu gefallen, andere wiederum verheimlichen gute Zahlen, um finanzielle Unterstützung zu bekommen. Jeder belügt jeden."

Auch Chinas Premier Li Keqiang glaubt den eigenen Wachstumszahlen nicht, 2007 erzählte er das amerikanischen Diplomaten. Er schaue sich lieber drei andere Indikatoren an: Den Energieverbrauch, die Kreditvergaben und die Eisenbahnfrachttonnen. Als Ende 2010 mit der Veröffentlichung der amerikanischen Botschaftsdepeschen Lis Misstrauen bekannt wurde, widmete der Economist Li einen eigenen Keqiang-Index. Derzeit liegt dieser deutlich unter den offiziellen Wachstumszahlen.

Christopher Balding

Sucht nach Anhaltspunkten: Christopher Balding.

(Foto: OH)

"Der Keqiang-Index ist interessant", findet auch Balding, "im vergangenen Jahr wuchs Chinas Wirtschaft fast sieben Prozent. Die Energieproduktion veränderte sich allerdings kaum. Das ist ein Widerspruch." Hat Chinas Industrie auf einmal damit begonnen, Energie zu sparen? Waren die Sommermonate kühler als sonst, sodass die Klimaanlagen in den großen Städten nicht so regelmäßig eingeschaltet werden mussten? Oder stimmen die Konjunkturzahlen schlichtweg nicht? Fragen, die sich Balding fast jeden Tag stellt. Einen Großteil seiner Zeit verbringt er inzwischen damit, geeignete Zahlen in China zu finden.

"Bevor ich einen Datensatz nutze, überprüfe ich die Plausibilität", erklärt er. "Ein Beispiel: Wenn die jährliche Schuhproduktion in China um drei Prozent steigt, der Zwischenhandel um vier Prozent zulegt und letztlich die Absatzzahlen eine Steigerung um fünf Prozent aufweisen, dann bin ich glücklich, denn diese Daten sind plausibel." Das ist aber nicht immer der Fall. "Zu meinen Lieblingsstatistiken gehören die Inflationszahlen. Demnach gaben die Chinesen zwischen 2000 und 2012 fürs Wohnen lediglich sechs Prozent mehr aus", sagt er und lächelt. Er weiß, man muss nur einen Immobilienmakler fragen, um herauszufinden, dass diese Zahl nicht stimmen kann. Wohnungen in Peking und Shanghai kosten inzwischen fast so viel wie in London oder New York.

Bei seinen Plausibilitätschecks ist Balding kürzlich auf eine beachtliche Lücke gestoßen: Schaut man sich die Zahlen des Zolls an und vergleicht sie mit den Daten der Banken für Auslandsüberweisungen, dann tut sich eine gewaltige Kluft auf. Die Werte für Importgüter, die der Zoll ermittelt, sind demnach deutlich niedriger als die Summen, die ins Ausland transferiert werden. In den vergangenen zwölf Monaten haben nach Baldings Berechnungen etwa 500 Milliarden Dollar die Volksrepublik verlassen. Es ist die größte Kapitalflucht der Welt. "Was wir dort sehen, ist wie Chinas Mittelklasse versucht, ihr Vermögen ins Ausland zu schaffen - durch Import-Export-Manipulation."

Laut Gesetz dürfen jährlich nur umgerechnet 50 000 Dollar pro Person China verlassen. Deshalb greifen viele auf einen Trick zurück. Sie gründen Unternehmen und betreiben Handel. Eine kleine Firma bekommt dann zum Beispiel statt der georderten Waren im Gegenwert von zwei Millionen Dollar nur Güter für eine Million geliefert, der Rest des Geldes wird auf ein Konto im Ausland eingezahlt. Ist es möglich, den Geldabfluss zu kontrollieren? "Man müsste jedes Schiff, jeden einzelnen Container überprüfen und dann den realen Wert der Waren in diesen Containern kennen." Das sei nicht zu stemmen, glaubt der Wirtschaftswissenschaftler Balding. Die Funktionäre in Peking wiegeln ab. "Regierungsbeamte behaupten, der Grund, weshalb das Geld China verlasse, sei lediglich die aktuelle Wirtschaftslage", sagt Balding. Er aber bezweifle das: "Was wir sehen, ist ein Vertrauensvotum gegen Peking."

© SZ vom 16.04.2016
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