Süddeutsche Zeitung

Immobilien:China droht ein Immobilien-Schock

Die Regierung in Peking greift in der Wirtschaft durch. Ein gigantischer Immobilienkonzern steht deshalb nun am Abgrund - mit ungeahnten Folgen.

Von Christoph Giesen, Peking

Es ist noch gar nicht so lange her, da war die Welt des Hui Ka Yan, 62, noch in bester Ordnung: 2017 kürte ihn Forbes zum reichsten Chinesen, auf 45 Milliarden Dollar taxierte das Magazin sein Vermögen damals. Er durfte beim Nationalen Volkskongress in Peking sprechen: "In den vergangen 30 Jahren haben private Unternehmen in China bei null angefangen", sagte Hui im Frühjahr 2018, "von klein zu groß, von schwach zu stark". Und sein Fußballklub war Serienmeister in der chinesischen Super-League, von 2011 bis 2017.

Hui hält 71 Prozent an Evergrande, so heißt sein Immobilien- und Mischkonzern. Doch plötzlich stellt sich eine Frage, die die Erfolge der Vergangenheit überstrahlt: Wie lange gibt es das Unternehmen noch? Die Schuldenlast ist gewaltig, mehr als 300 Milliarden Dollar sollen es sein.

Hui, geboren 1958 in der zentralchinesischen Provinz Henan, hatte nach dem Studium zunächst ein Stahlwerk geleitet. In den frühen Neunzigerjahren zog er nach Shenzhen, jenem ehemaligen Fischerdorf an der Grenze zu Hongkong, das nach der wirtschaftlichen Öffnung Chinas zur Sonderwirtschaftszone erklärt worden war. Hier im Süden baute er sich sein Reich. 1996 gründete er in der Provinzhauptstadt Guangzhou seine Firma Evergrande. Seitdem gibt es kaum eine chinesische Stadt, in der sein Konzern nicht baute, Einkaufszentren und Hochhäuser hochzog. Ein Milliardenkonglomerat.

Am Mittwoch setzte die Ratingagentur Fitch die Bonitätsbewertung für den Konzern und zwei seiner Töchter wegen der Gefahr von bevorstehenden Zahlungsausfällen herab. "Die Herabstufung spiegelt unsere Ansicht wider, dass ein Ausfall in irgendeiner Form wahrscheinlich erscheint", heißt es in der Begründung. "Wir glauben, dass das Kreditrisiko angesichts knapper Liquidität, rückläufiger Vertragsverkäufe, des Drucks verspäteter Zahlungen an Lieferanten und Auftragnehmer und begrenzter Fortschritte bei der Veräußerung von Vermögenswerten hoch ist." Die langfristige Bonitätsnote lautet nun "CC". Viele Schrottpapiere haben eine bessere Bewertung.

Vor gut einer Woche hatte Evergrande selbst vor Ausfallrisiken gewarnt, falls es dem Unternehmen nicht gelingen sollte, die Bautätigkeit wieder aufzunehmen, Beteiligungen zu verkaufen und Kredite zu erneuern. Denn genau das fordert die Politik in Peking von den Immobilienkonzernen. Diese Ansage kamen wie auch bei den jüngsten staatlichen Eingriffen in der Bildungs- und der Internetbranche ohne große Vorankündigung. Die chinesische Aufsicht erließ Hunderte neue Regeln und beschränkte Kreditaufnahme sowie Grundstückskäufe, um für Abkühlung auf dem Häusermarkt zu sorgen. Doch nicht nur die Preise gerieten unter Druck, sondern auch Immobilienunternehmen. Kreditausfälle und Firmenpleiten folgten. "Die Märkte sollten sich auf eine deutlich stärkere Verlangsamung des Wachstums, mehr Kredit- und Anleiheausfälle und möglicherweise Aufruhr an den Aktienmärkten gefasst machen", warnt der Nomura-Chefökonom Ting Lu. "Solch drakonische Maßnahmen hat es noch nicht gegeben", sekundiert Steven Huang vom Immobilienbroker Lianjia in Shanghai.

Die "drei roten Linien" nennt die Propaganda die neuen finanztechnischen Vorgaben für die Baukonzerne. Das Verhältnis von Verbindlichkeiten zu Vermögenswerten muss erstens geringer sein als 70 Prozent. Der Nettoverschuldungsgrad darf zweitens nicht höher als 100 Prozent betragen und schließlich wird drittens ein Verhältnis von liquiden Mitteln zu kurzfristigen Verbindlichkeiten gefordert, das größer als Faktor eins sein muss. Was nach trockener Finanzarithmetik klingt, ist für Evergrande ein Desaster, im April riss der Konzern alle drei Vorgaben. Das Unternehmen darf deshalb keine neuen Kredite mehr aufnehmen.

Die an der Börse in Hongkong notierten Aktien des Konzerns fielen am Mittwoch zeitweise auf ein Sechs-Jahres-Tief. Seit Monatsbeginn haben sie 15 Prozent eingebüßt, das Minus seit Jahresbeginn beträgt mehr als 76 Prozent. "Wir gehen davon aus, dass der Weg des Schuldenabbaus des Unternehmens holprig sein wird, was zu hohen Preisnachlässen für Immobilienverkäufe und möglichen Veräußerungen von Vermögenswerten führen könnte", schreiben die Analysten von Goldman Sachs in einer aktuellen Studie. Probleme hat Evergrande auch am Anleihen-Markt: Zwar hat das Unternehmen keine Anleihen mit einer Laufzeit bis 2021, dennoch schätzt die Ratingagentur Fitch, dass der Konzern allein im September Zinszahlungen von 129 Millionen Dollar aufbringen muss, bis Jahresende sollen gar 850 Millionen Dollar sein.

Lieferanten fordern ebenfalls Geld: Laut Börsenunterlagen schuldet der Konzern etwa der Firma Skshu Paint umgerechnet 87 Millionen Dollar. Investoren fürchten bei einem Zusammenbruch von Evergrande Schockwellen für das chinesische Bankensystem. "Die riesige Bilanz wird einen echten Dominoeffekt auf China haben", warnt Nomura-Ökonom Ting Lu. "Wenn Finanzinstitute Geld verlieren, werden sie die Kreditvergabe an andere Unternehmen und Sektoren einschränken."

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