Immobilienkrise:China will die Nachfrage mit günstigeren Krediten stärken

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Immobilienkrise: Wohnkomplex des Evergrande-Konzerns in Peking. Das Unternehmen musste den Bau bereits verkaufter Häuser wegen Zahlungsunfähigkeit einstellen.

Wohnkomplex des Evergrande-Konzerns in Peking. Das Unternehmen musste den Bau bereits verkaufter Häuser wegen Zahlungsunfähigkeit einstellen.

(Foto: Noel Celis/AFP)

Der chinesische Immobiliensektor befindet sich in der schlimmsten Krise seit Jahren. Die Regierung versucht, mit Zinssenkungen entgegen zu wirken. Doch das ist wenig effektiv.

Von Florian J. Müller

Mit weiteren Zinssenkungen und Sonderkrediten unterstützt Chinas Regierung den angeschlagenen Immobiliensektor. Die Zentralbank senkte den Leitzins für einjährige Kredite um fünf Basispunkte auf 3,65 Prozent und den Leitzins für fünfjährige Kredite um 15 Basispunkte auf 4,30 Prozent. Dadurch soll die Nachfrage bei den wegen der strengen Corona-Politik verunsicherten Verbrauchern wieder angekurbelt werden. Außerdem will die Regierung rund 29 Milliarden Dollar an Sonderkrediten für unfertige Bauprojekte ausgeben, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg schreibt. Damit will sie verhindern, dass der Kreditboykott unzufriedener Hauskäufer weiter um sich greift.

Der Immobiliensektor ist für die chinesische Wirtschaft extrem wichtig. Er macht Schätzungen zufolge 20 bis 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Jahrzehntelang kannten die Immobilienpreise in China nur eine Richtung: nach oben. Die Immobilienkonzerne feuerten den Markt weiter an, indem sie Wohnungen bereits verkauften, bevor sie überhaupt zu bauen anfingen. Dabei verschuldeten sie sich heftig. Um eine Blase zu verhindern, erließ die Regierung Ende 2020 harte Schuldenregeln, woraufhin einige der größten Konzerne wie Evergrande ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen konnten und den Bau bereits verkaufter, aber nicht fertiggestellter Häuser einstellten.

Daraufhin hörten Tausende betroffene Käufer in Dutzenden Städten aus Protest auf, ihre Kredite abzubezahlen. Es droht eine Finanzkrise bei den Banken, die sehr viele Immobilienkredite in den Büchern stehen haben. Die Immobilienpreise fallen zudem schon seit knapp einem Jahr, weshalb die Ersparnisse der Mittelschicht wegschmelzen. Rund zwei Drittel ihrer Rücklagen stecken in Immobilien. Dementsprechend droht eine soziale Krise. Schließlich leiden auch die Lokalregierungen, die mit dem Verkauf von Grundstücken einen großen Teil ihres Haushalts bestreiten.

Die Regierung versucht seit Beginn des Jahres, durch eine schrittweise Lockerung der Geldpolitik sowie gezielte Finanzspritzen für notleidende Konzerne den Markt wieder ins Laufen zu bringen. Allerdings ist ihr Spielraum nicht groß. Zum einen muss sie aufpassen, dass nicht zu viel Geld in Umlauf gerät und die allgemeine Teuerungsrate anzieht. Zum anderen macht ein Senken der Leitzinsen chinesische Anleihen weniger attraktiv, da andere internationale Leitbanken die Zinsen zuletzt deutlich angehoben haben. Analysten zufolge sind die Maßnahmen der Regierung wenig wirksam, da der Markt nicht unter zu wenig Angebot, sondern unter dem fehlenden Vertrauen der Käufer leidet. Der einfachste Weg aus der Krise wäre demnach ein Ende der Null-Covid-Politik. Doch dafür gibt es derzeit keine Anzeichen.

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