China:Für Evergrande tickt die Uhr

Daily Life In China's Evergrande Community

Ein Passant vor einem Evergrande-Projekt in der chinesischen Großstadt Wuhan. Der Konzern profitierte vom Bauboom in dem Land.

(Foto: Getty Images)

Der angeschlagene Immobilienkonzern aus China muss bis zum Wochenende 83,5 Millionen Dollar aufbringen - sonst ist das Unternehmen pleite.

Von Christoph Giesen, Peking

Viel Zeit bleibt nicht mehr: Bis Samstag muss der hochverschuldete chinesische Immobilienkonzern Evergrande 83,5 Millionen Dollar auftreiben, um die Zinsen für eine Anleihe endlich zu begleichen. Eigentlich hätte das Unternehmen den fälligen Betrag bereits am 23. September überweisen müssen, die formelle Zahlungsunfähigkeit tritt laut den zugehörigen Verträgen jedoch erst nach dem Ablauf einer Frist von 30 Tagen ein. Diese endet nun am Samstag, dann wäre Evergrande, der zweitgrößte Immobilienentwickler in der Volksrepublik, offiziell pleite.

Hinter dem Firmenimperium steht der Milliardär Xu Jiayin, der sich selbst meist Hui Ka Ya nennt. Nach seiner Karriere in einem staatlichen Stahlwerk gründete er das Unternehmen 1996 und profitierte dabei nicht nur von besten Beziehungen zur Kommunistischen Partei, sondern auch vom Bauboom in China. 2017 wurde er vom Wirtschaftsmagazin Forbes zum reichsten Mann Asiens gekürt. Doch dann erließ die chinesische Aufsicht in den vergangenen Monaten Hunderte neue Regeln und beschränkte die Kreditaufnahme, um für Abkühlung auf dem Häusermarkt zu sorgen. Nicht nur die Preise gerieten unter Druck, sondern auch Immobilienunternehmen; Kreditausfälle und Firmenpleiten folgten. Jetzt sitzt Evergrande auf etwa 300 Milliarden Dollar Schulden. Im Vergleich dazu klingen Zinsen in Höhe von 83,5 Millionen Dollar nahezu winzig, und eigentlich hatte Evergrande einen Plan, wie man die Zahlungsunfähigkeit abwendet. Die konzerneigene Immobilienverwaltung Evergrande Property Service sollte für 2,6 Milliarden Dollar teilverkauft werden.

Seit dem 4. Oktober waren deshalb die Aktien von Evergande in Hongkong vom Handel ausgesetzt worden. Am Mittwoch teilte Evergrande jedoch mit, dass der Teilverkauf der Dienstleistungssparte an die Hooplife Technology Group, eine Tochtergesellschaft der Investment-Holding Hopson Development, gescheitert sei. Basierend auf Informationen aus verschiedenen Quellen habe man Grund zu glauben, dass der Käufer die Voraussetzung für die Abgabe eines allgemeinen Angebots für Aktien der Evergrande Property Services nicht erfüllt habe, heißt es in der Börsenmitteilung von Evergrande. Ursprünglich wollte Hopson 51 Prozent an dem Gebäudeverwaltungsgeschäft von Evergrande übernehmen. Der Gesamtwert wurde auf mehr als 40 Milliarden Hongkong-Dollar taxiert, umgerechnet 4,4 Milliarden Euro.

Der Kurs der Evergrande-Aktien bricht ein

Seit diesem Donnerstag werden die Evergrande-Papiere wieder in Hongkong gehandelt und prompt ist der Kurs um 12,5 Prozent eingebrochen. Die Sorge vieler Anleger und Investoren vor dem Kollaps ist groß, einige Fachleute warnen gar vor einer "Ansteckungsgefahr" für die gesamte chinesische Wirtschaft, da die Verschuldung von Evergrande so hoch ist. Die chinesische Behörden betonen unterdessen, dass die Risiken im Immobiliensektor kontrollierbar seien, so etwa die Zentralbank in der vergangenen Woche. Am Montag versicherte das Pekinger Statistikamt, alles sei in Ordnung. Und nun gibt selbst der für Wirtschaftsfragen zuständige Vizepremier Liu He zu Protokoll, dass alles im Lot sei. Die Botschaft an die Chinesen: Kein Anlass zur Sorge.

1995 machten Immobilieninvestitionen etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. 2019 waren es dreizehn Prozent, und die chinesische Wirtschaftskraft hat sich seit Mitte der Neunzigerjahre mehrmals verdoppelt, schreibt der amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff in einer Studie. "Im internationalen Vergleich ist das Ausmaß des chinesischen Immobilienbooms sicherlich beispiellos." Berücksichtigte man zudem noch die Aktivitäten der Baufirmen, der Stahl- und Zementwerke sowie der dazu gehörigen Dienstleistungsunternehmen, sei der Immobiliensektor für 29 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung verantwortlich, schätzt Rogoff - deutlich mehr als in vielen anderen Ländern. Ein Einbruch des Immobilienmarktes, ausgelöst durch Panikverkäufe nach einer Evergrande-Pleite, könnte deshalb verheerende Auswirkungen haben: Etwa 60 Prozent der chinesischen Vermögen sind in Beton anlegt, in den Vereinigten Staaten ist es gerade mal ein Viertel.

Wie also wird es weitergehen? Denkbar ist eine Zerschlagung von Evergrande. Wer eine Anleihe gezeichnet hat, wird sehr wahrscheinlich leer ausgehen. In China selbst könnten regionale Regierungen und Behörden dann einzelne Wohnanlagen verwalten und fertigbauen, um zu verhindern, dass chinesische Immobilienbesitzer ihre Vermögen abschreiben müssen. Denn derzeit werkelt der Konzern an gut 1000 Neubauprojekten im Land. Und für etwa 1,4 Millionen Wohnungen, die es zum Großteil noch gar nicht gibt, hat Evergrande Vorkasse verlangt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB