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China:Ducken und Anbiedern

A policeman directs the traffic at a busy street of downtown Shanghai

Warten auf sein Kommando: Ein Polizist regelt in Schanghai den Verkehr.

(Foto: Carlos Barria/Reuters)

Firmen, die sonst für ihre Rechte kämpfen, werden hier kleinlaut. Wer Geld verdienen darf, bestimmt die Partei.

Weltweit aktive Firmen benötigen gleich mehrere Identitäten. Uber ist so ein Beispiel. Um Geld zu verdienen, schlüpft der Fahrservice wahlweise in die Rollen des Dr. Jekyll oder des Mr. Hyde. Als vor einigen Jahren in Washington einer seiner Fahrer festgenommen wurde, rief das Unternehmen seine Anhänger zu Protestaktionen auf. In China verhält sich Uber dagegen ganz anders. Als die Behörden kürzlich das Auto eines Mitbewerbers beschlagnahmen wollten, warnte Uber seine Fahrer per SMS davor, sich an möglichen Protesten zu beteiligen. Man sei strikt gegen jede Form von Protest und ermutige stattdessen zu einer rationalen Form der Kommunikation, um Probleme zu lösen, hieß es.

Es ist ein Zwiespalt: hier Kämpfer für Recht und Gleichbehandlung, dort die Advokaten öffentlichen Friedens. Die Rollenverteilung orientiert sich am politischen System des Standorts. Die Volksrepublik China als autoritäre Einparteien-Diktatur zwingt die Firmen dazu, ihren Vorgaben ohne Wenn und Aber zu folgen. Mangelnde Rechtssicherheit macht die Firmen zudem abhängig vom guten Willen der Partei und lässt ihnen wenig Spielraum. "Uber biedert sich bei der chinesischen Regierung extrem an", sagt Andy Xie, früherer Chefökonom für Asien Pazifik bei Morgan Stanley, der heute selbständig in Hongkong arbeitet. Doch auch andere müssten sich den Kräfteverhältnissen im Land beugen. "Nirgendwo sonst winken so große Profite. Also werden sich auch alle anderen Firmen immer anpassen", so Xie.

Uber hat es dabei schwerer als andere, weil lokale Behörden in China am Taxigeschäft mitverdienen. Uber dagegen zahlt ihnen nichts, und das nervt die Behörden. "Hier geht es um die ureigenen Interessen der Partei. Das könnte dazu führen, dass Uber in China scheitern wird", glaubt der Ökonom. Das Unternehmen operiert zwar öffentlich, ohne belangt zu werden. Doch Fahrer des beliebten, weil billigsten Uber-für-alle-Service, die in Shanghai erwischt werden, zahlen satte Geldstrafen - bis zu 4500 Euro. Die Chauffeure bitten Passagiere deshalb, sich als Freund auszugeben, sollte die Polizei mal nachfragen.

Nicht alle ausländischen Firmen aber stecken in so einem Dilemma. Wer Konsumgüter verkauft, läuft theoretisch weniger Gefahr, die wirtschaftlichen Interessen von Partei oder Ämtern unmittelbar zu kreuzen. Westliche IT-Konzerne dagegen wie Facebook oder Google empfinden die Genossen auch als direkte politische Bedrohung. Deswegen haben all die Schmeicheleien von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bisher nicht gefruchtet. Er lernt Chinesisch, verteilt die Reden von Staatschef Xi Jinping zur Lektüre an Freunde und lädt Chinas Internetaufsicht in die Firmenzentrale nach Kalifornien ein. Doch Facebook bleibt gesperrt.

Auch deutsche Manager loben bisweilen Pekings Politik über den grünen Klee

Immer wieder geraten Topmanager internationaler Firmen öffentlich ins Schwärmen, wenn sie über Chinas autoritäre Regierung sprechen. Nestlés Ex-China-Chef Roland Decorvet sagte einst: "Es gibt keine Regierung der Welt, die in den letzten Jahren einen so guten Job gemacht hat wie die chinesische." Sie habe so viele Gesetze zur Lebensmittelsicherheit auf den Weg gebracht, "weil sie klüger ist als die anderen". Banker Lloyd Blankfein von Goldman Sachs meinte erst vergangene Woche, er wache morgens auf und staune über die "täglich neuen Liberalisierungen" in China. Dabei ist der schleppende Reformprozess im Land schon lange in die Kritik geraten.

Auch deutsche Unternehmen hinterlassen bisweilen den Eindruck, Pekings Politik über den grünen Klee zu loben. Der Automobilbauer Audi beispielsweise nennt China seine zweite Heimat, wohlwissend, dass Peking solche Äußerungen wohlwollend zur Kenntnis nimmt. Ulrich Grillo, Vorsitzender des Bundes Deutscher Industrie (BDI), erinnerte deshalb seine Mitglieder schriftlich daran, dass planwirtschaftliche Eingriffe "im Widerspruch zu Prinzipien stehen, auf deren Fundament unsere marktwirtschaftliche Ordnung aufbaut". Die Firmen müssten sich der Signale bewusst sein, die sie mit ihren Begeisterung für das chinesische System aussenden. Deswegen sei mehr Zurückhaltung angemessen.

Autohersteller streifen lieber das Büßerhemd über, als über ihre Sicht der Dinge zu diskutieren

Die Betroffenen wollen den Vorwurf allzu großer Sympathiebekundungen für die Diktatur nicht auf sich sitzen lassen. "Wir vertreten überall auf der Welt die gleichen Werte. Wir haben eine hervorragende Geschäftsentwicklung erlebt, ohne uns auch nur irgendwie zu verbiegen", versichert Boschs China-Chef Peter Tyroller. Bei Audi spricht man von jahrzehntelanger Verpflichtung und Hingabe am Standort China. Aber übermäßig schmeichelnd? "Nein!" Fakt ist jedoch, dass die Firmen das Thema öffentlich ungern besprechen, weil sie sich dann auf politisches Terrain bewegen. Doch im Unterschied zu demokratischen Ländern, in denen sie Parteien und Politiker kritisieren und ihnen Vorwürfe machen, hört man in China nichts dergleichen.

Sie haben gelernt, den Mund zu halten. Autohersteller wie Mercedes oder Volkswagen müssen sich Millionenstrafen oder Diffamierungen gefallen lassen und streifen lieber das Büßerhemd über, ohne ihre meist kontroverse eigene Darstellung eines Sachverhaltes zu vermitteln. Eine Tugend, die in China offenbar gut ankommt. "Deutsche Unternehmen genießen einen guten Ruf und hohen Respekt", sagt Professor Klaus Meyer von der China European International Business School (CEIBS) in Shanghai. Kritische Kommunikation werde allenfalls über die Handelskammern formuliert. Vor allem die EU-Kammer kritisiert Peking für die Ungleichbehandlung ihrer Mitglieder. Doch im Alleingang vorzupreschen, wagt niemand. Dabei nehmen die Sorgen eher zu. "Bei den Unternehmen herrscht subjektiv der Eindruck, mehr unter Beobachtung zu stehen als lokale Firmen", sagt Meyer.

Ex-Morgan-Stanley-Ökonom Xie hat einen Tipp für alle, die das Gefühl haben, der Partei in die Quere zu kommen. Er empfiehlt die Integration eines hochrangigen Parteifunktionärs in den Vorstand oder den Aufsichtsrat. Er sagt: "Für Uber ist das die einzige Chance."

© SZ vom 23.06.2015

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