China:Die Spielzeug-Schmiede der Welt

Schon 70 Prozent aller Spielsachen tragen das Etikett "Made in China" - produziert wird fast ausschließlich für das Ausland.

Von Kai Strittmatter

(SZ vom 18.12.03) — Es war einmal eine Zeit, da kamen der Christbaum aus dem Wald, Ravensburger Spiele aus Ravensburg und die blonde Barbie aus einer Puppenmanufaktur in Japan. Das war vor der Entdeckung Chinas durch die westliche Industrie. Also bevor das Land das wurde, was manche schon die "Werkbank der Welt" nennen.

Heute produziert allein Shenzhen, das südchinesische Wachstumswunder (und Partnerstadt der deutschen Spielzeug-Metropole Nürnberg), Plastik-Christbäume für eine Milliarde Dollar im Jahr. Und schätzungsweise jedes zweite Spielzeug, das deutsche Familien an Heiligabend unter ihren Baum legen, stammt aus China. Das ist im globalen Vergleich nicht einmal Spitze: Weltweit tragen schon 70 Prozent allen Spielzeugs das Etikett "Made in China".

Lange Tradition

Deutschland hat eine lange Tradition in der Spielzeugherstellung und ist noch immer stark in der Branche. In der Bundesrepublik aber stagnierte die Produktion im zurückliegenden Jahrzehnt. In China hingegen ging es steil nach oben. Noch 1990 meldete das Land keine zwei Milliarden Dollar an Spielzeug-Exporten - im vergangenen Jahr waren es der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge schon knapp zehn Milliarden.

Fast ein Zehntel davon geht nach Deutschland. Der Aufstieg Chinas zum weltgrößten Spielzeug-Hersteller ist eingebettet in das rasante Wachstum der gesamten Exportwirtschaft in den letzten Jahren: Für das erste Halbjahr 2003 meldeten Chinas Exporteure ein Plus von mehr als 30 Prozent.

Billige Arbeitskräfte

Dabei darf man eines nicht übersehen: Hier drücken keineswegs chinesische Firmen ihre Produkte auf den Weltmarkt; Schätzungen zufolge geht mehr als die Hälfte des chinesischen Exports auf das Konto ausländischer Firmen. Sie alle sind nach China gewandert vor allem aus einem Grund: weil es dort billige Arbeitskräfte im Überfluss gibt.

Es sind also amerikanische, japanische und auch deutsche Waren, die aus China in alle Welt gehen. Für die Spielzeugindustrie gilt das noch mehr als für andere Branchen. In den sechziger Jahren ließen die großen US-Konzerne zunächst in Japan produzieren (die erste Barbie-Puppe des Herstellers Mattel erblickte 1959 dort das Licht der Welt), hernach zogen sie weiter nach Südkorea, Taiwan und Hongkong, stets dorthin, wo Arbeitskraft noch billiger zu haben war.

Übliches Muster

Und schließlich landeten sie in China. In der Regel funktioniert die Produktion heute nach folgendem Muster: Die amerikanische (japanische, deutsche) Firma bestellt bei einem Hongkonger Lieferanten; der wiederum beauftragt seine Vertragsfabrik in China. Dass eine Firma zu hundert Prozent in europäischer Hand ist (siehe oben), ist die Ausnahme.

In den letzten Jahren explodierte die Zahl solcher Fabriken in China. Die Konkurrenz und damit die Preisdrückerei ist riesig: Zwischen acht- und zehntausend Spielzeugfabriken soll es mittlerweile in China geben, in deren Hallen sind zwischen zwei und drei Millionen Menschen damit beschäftigt, der Welt hinterglasbemalte Christbaumkugeln, singende Nussknacker und blinkende Weihnachtsmann-Mützen zu bescheren.

Wandern deshalb aus Deutschland Arbeitsplätze ab? Klaus Heidel von der kirchlich finanzierten "Werkstatt Ökonomie" in Heidelberg, ein kritischer Beobachter von Chinas Spielzeugindustrie, glaubt das nicht: "Man kann auch anders herum argumentieren", sagt er. "Zum Beispiel im Fall der Modell-Eisenbahnen: Da könnten die deutschen Hersteller ohne die billige Zulieferung elektronischer Teile aus China vielleicht gar nicht überleben."

Kaum eigene Marken

Fast immer ist die Spielzeug-Herstellung Lohnarbeit fürs Ausland. Der staatlichen Presse zufolge produzieren nur 200 der vielen tausend Firmen für den heimischen Markt; eigene Marken, die auch für den Export taugen, hat China bislang kaum entwickelt.

Chinesisches Spielzeug sei "altmodisch", klagt Xinhua. Angesichts des großen Geschäfts, das da über ihr Land abgewickelt wird, wurmt das die Chinesen natürlich, und so bemühen sie sich, dies zu ändern: Die Fakultät für Spielzeugdesign an der Technischen Universität Tianjin, Chinas erste, meldete dieses Jahr, ihr würden die Absolventen aus den Händen gerissen: "Ich weiß gar nicht, wie wir mit der Nachfrage Schritt halten sollen", sagt Dekan Jin Guifang.

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