Umweltschutz:Chemiekonzerne tun zu wenig gegen gefährliche Substanzen

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Umweltschutz: Gefährliche Chemikalien wie PFAS finden sich fast überall - auch in Löschschaum.

Gefährliche Chemikalien wie PFAS finden sich fast überall - auch in Löschschaum.

(Foto: Marius Schwarz/imago)

Stoffe aus der PFAS-Gruppe sind praktisch unzerstörbar und stecken in vielen Produkten. Sie sind ein Risiko für Mensch und Natur. Nun machen nicht mehr nur Umweltschützer Druck auf die Hersteller, sondern auch Investoren.

Von Elisabeth Dostert

Chemiekonzerne tun nicht genug, um weniger gefährliche Substanzen zu produzieren und damit die Risiken für Mensch und Umwelt zu senken. Herstellung und Verbreitung von Stoffen wie per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS oder PFC, müssten aber schnell zurückgefahren werden, darauf drängen nun große Investoren und die schwedische Umweltorganisation Chem Sec gemeinsam.

PFAS sind wasser-, öl- und schmutzabweisend, sie sind chemisch und thermisch stabil. Es ist eine große Gruppe von Chemikalien mit mehreren Tausend Substanzen - und ein gutes Geschäft für die Konzerne. Die Stoffe stecken in Textilien und Kosmetika, Pflanzenschutz- und Feuerlöschmitteln und vielen anderen Produkten. In der Umwelt werden die PFAS aber kaum abgebaut, schreibt das Umweltbundesamt auf seiner Internetseite: "Einige PFAS reichern sich in der Umwelt und in Organismen an und wirken zudem gesundheitsschädigend." Menschen und Tiere nehmen sie mit Nahrung oder Trinkwasser auf, die Stoffe verteilten sich im Blutplasma, in der Leber und in den Nieren. Selbst in Polargebieten wurden sie inzwischen in Algen, Seevögeln und Pinguinen nachgewiesen.

Die Chemiekonzerne wollen aber von solchen gefährlichen Stoffen nicht lassen, zeigt eine Studie der internationalen Umweltorganisation Chem Sec mit Sitz in Göteborg. Seit drei Jahren veröffentlicht sie eine Rangliste der weltweit größten Chemiekonzerne auf Basis ihrer Auswirkungen auf die Umwelt und den Umgang mit gefährlichen Chemikalien. Für den Chem Score werden Punkte in verschiedenen Kategorien vergeben, etwa dafür wie viele gefährliche Substanzen das Unternehmen noch im Portfolio hat. Die Organisation orientiert sich dabei an der Einstufung der EU-Chemikalienagentur ECHA für "besonders besorgniserregende Stoffe". Als solche gelten Substanzen, die zum Beispiel krebserregend sind, das Erbgut verändern und besonders langlebig sind wie die PFAS, sagt Chem-Sec-Expertin Sonja Haider. Für jeden Konzern werden die Ergebnisse detailliert veröffentlicht.

Am besten schneidet demnach in diesem Jahr die thailändische Firma Indorama mit 30 Punkten ab. Die volle Punktzahl von 48 erreicht keiner der 54 Konzerne. In der Liste finden sich auch deutsche Konzerne wie BASF (Platz 19), Bayer (Platz 39) und Covestro (Platz 10). Nur vier Unternehmen haben laut Chem Sec eine Ausstiegsstrategie für gefährliche Stoffe: Indorama, Sabic, Yara und Solvay.

"Auch ich habe PFAS im Blut"

Entsprechend harsch fällt das Urteil von Chem-Sec-Expertin Haider über die Bemühungen der Konzerne aus: Die weltweite Chemieindustrie verschließe die Augen vor der sich ausbreitenden Verschmutzung durch Chemikalien. "Die meisten Unternehmen ergreifen kaum oder gar keine Maßnahmen, um gefährliche Chemikalien aus dem Verkehr zu ziehen, trotz der Risiken für die öffentliche Gesundheit, die Umwelt und den Unternehmenswert." Haider hat sich testen lassen: "Auch ich habe PFAS im Blut", sagt sie.

In den USA häufen sich die Klagen gegen Konzerne im Zusammenhang mit PFAS, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Es gebe Tausende gegen Firmen wie Dupont - im Chem-Sec-Ranking auf dem letzten Platz - und 3M (Platz 38). Bloomberg zitiert einen Richter mit den Worten, dass die Urteile, falls sie zu Lasten der Beklagten ausfielen, existenzbedrohend sein könnten.

47 Fondsmanager, acht Billionen Dollar verwaltetes Vermögen

In seiner Mitteilung zitiert Chem Sec aus einem Brief von 47 Fondsmanagern, die zusammen für ein verwaltetes Vermögen von acht Billionen Dollar stehen: Sie fordern die größten Chemie-Konzerne der Welt auf, öffentlich zu machen, welche gefährliche Chemikalien sie produzieren und in welchen Mengen. In der EU müssen die Unternehmen Chemikalien bereits registrieren lassen und Angaben zum Verbleib in der Umwelt machen. Zudem sollten die Firmen, statt auf strengere gesetzliche Vorschriften zu warten, die sich dies- und jenseits des Atlantiks abzeichneten, lieber aktiv Ausstiegsstrategien entwickeln. Das Schreiben vom 16. September liegt auch der SZ vor. Unter den Unterzeichnern finden sich unter anderem Axa Investment Managers, Bailard und Trillium Asset Management.

Zeitgleich mit dem Schreiben erhielten die Konzerne von Chem Sec die vorläufige Rangliste. "Mehr als 30 Unternehmen haben reagiert, so viele wie nie zuvor", sagt Haider: Mit einigen habe es einen sehr intensiven Austausch gegeben. "Die haben um jeden Punkt und eine bessere Platzierung gekämpft." Haider, die auch im Münchner Stadtrat sitzt, ist gelernte Investmentbankerin, hat sich aber vor mehr als 20 Jahren entschieden, Umweltorganisationen zu beraten.

Der Druck auf die Konzerne aus den Reihen der Investoren wächst, nicht nur von solchen, die das Schreiben unterzeichnet haben. Die Gefahren, die mit der Produktion und Verarbeitung von PFAS einhergehen, seien groß, sagt Martina Weber, Nachhaltigkeitsanalystin bei Union Investment: "Die langfristigen Schäden für Mensch und Natur sind immens." Bestimmte PFAS haben ihr zufolge vor allem in den USA Boden und Grundwasser in "großem Ausmaß" verseucht. Die Hauptproduzenten von PFAS schließe Union Investment für seine nachhaltigen Publikumsfonds aus.

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