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Chemieindustrie:Im Ruhrpott statt in Singapur

Tennis Geschäft

Der Kunststoff Polyamid 12 von Evonik steckt auch in Tennisschlägern.

(Foto: Daniel Maurer/dpa)

Evonik profitiert vom 3-D-Druck-Boom. Deshalb baut der Chemiekonzern nun eine neue Kunststofffabrik - nicht in Asien, sondern im westfälischen Marl.

Von Benedikt Müller, Essen

Dass Auto-Karosserien heute viel weniger wiegen als früher, dazu hat auch Evonik seinen Teil beigetragen: Der Chemiekonzern ist ein führender Hersteller des Kunststoffs Polyamid 12 - und fast alle Autohersteller dieser Welt haben ihre alten Benzinleitungen aus Stahl in den vergangenen Jahren durch Polyamid-Rohre ersetzt. Dieser Kunststoff ist leicht und dennoch zäh, verträgt Hitze gut und rostet nicht. Er steckt deshalb nicht nur in Autos, sondern etwa auch in großen Öl- und Gasleitungen, in Tennisschlägern - und kommt neuerdings auch als Pulver in 3-D-Druckern zum Einsatz.

Weil sich Evonik stetes Wachstum auf diesen Märkten erhofft, will der Konzern nun etwa 400 Millionen Euro in eine neue Polyamid-Fabrik investieren. Dies gab das M-Dax-Unternehmen am Mittwoch in Essen bekannt. Der neue Produktionsstrang soll aber weder in den USA noch in Singapur entstehen, wie zwischenzeitlich überlegt wurde, sondern: im westfälischen Marl. "Wir planen die größte Investition von Evonik in Deutschland", sagt Vorstandschef Christian Kullmann.

Die neue Kunststoff-Fabrik soll etwa 150 Hightech-Arbeitsplätze für Chemiker und Facharbeiter in Marl schaffen. Dies treibe den Strukturwandel in der Stadt am nördlichen Rand des Ruhrgebiets voran, in der im Jahr 2015 die letzte Steinkohlenzeche Auguste Victoria dichtgemacht hatte.

"Wir haben in Marl hervorragend ausgebildetes Fachpersonal", begründet Kullmann die Standortwahl. Für Evonik arbeiten in den alten Hüls-Chemiewerken bereits etwa 6000 Menschen in der Stadt, hinzu kommen einige Tausend Beschäftigte in anderen Betrieben des dortigen Chemieparks. "In Städten wie Marl, in denen noch viele Industriebetriebe und die nötige Infrastruktur vorhanden sind, ist es einfacher zu wachsen", sagt Evonik-Bereichsvorstand Claus Rettig. Zudem hätten hohe Baukosten gegen die USA als Standort gesprochen.

Mit dem neuen Produktionsstrang, der in knapp drei Jahren in Betrieb gehen soll, will Evonik seine Kapazität auf dem Polyamid-Markt um gut 50 Prozent ausbauen. Der Ruhrkonzern setzt vor allem darauf, dass sich der 3-D-Druck weiter durchsetzen wird: Bei dieser Technik trägt ein Beschichter winzige Pulverschichten auf eine Druckplatte auf. Dann bestrahlt ein Laser millimetergenau jene Stellen, die zusammenschmelzen sollen. So entstehen Schicht für Schicht Bauteile, etwa auch mit Hohlräumen oder komplizierten Verzweigungen, wie man sie vorher am Computer entworfen hat. Viele Einzelteile lassen sich mit dieser Technik bereits günstiger und leichter formen als mit herkömmlichen Spritzguss-Verfahren.

Doch der 3-D-Druck wird zusehends zum Milliardenmarkt: Erste Autohersteller und Zulieferer drucken Ersatzteile aus. Flugzeugbauer tüfteln an leichten Teilen, die Schicht für Schicht gefertigt werden. Und Medizintechniker drucken Prothesen, die sie zuvor am Computer dem Röntgenbild des Kunden anpassen. Evonik profitiert von diesem Trend, indem der Konzern Polyamid-Pulver für 3-D-Drucker herstellt - künftig auch in der zusätzlichen Fabrik in Marl.

Das Chemieunternehmen ist vor gut zehn Jahren aus den sogenannten "weißen" Aktivitäten des Bergbaukonzerns Ruhrkohle AG (RAG) entstanden. Evonik erwirtschaftete zuletzt einen Jahresgewinn von 717 Millionen Euro, vor allem mit Geschäften der alten Chemiekonzerne Degussa und Hüls. Mit den Dividenden von Evonik finanziert die RAG-Stiftung die Ewigkeitslasten des Steinkohle-Bergbaus im Ruhrgebiet.

© SZ vom 15.03.2018

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