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Chemieindustrie:Deutliches Minus

Die Geschäfte im drittgrößten deutschen Industriezweig sind 2019 deutlich schlechter gelaufen als ursprünglich erwartet. Schon Ende März 2020 soll Evonik-Chef Christian Kullmann Lobbyist Hans Van Bylen ablösen.

Von Elisabeth Dostert, Frankfurt

Das Jahr 2019 ist für die deutschen Chemie- und Pharmaunternehmen deutlich schlechter gelaufen als ursprünglich erwartet. Vor Jahresfrist ging der Verband der chemischen Industrie (VCI) noch von einem Produktionsplus von 1,5 Prozent aus. Mehrmals hat er im Jahresverlauf die Prognose korrigieren müssen. Wie es jetzt aussieht, endet das Jahr mit einem Minus von 7,5 Prozent. "Die erhoffte Belebung ist ausgeblieben", sagt VCI-Präsident Hans Van Bylen am Dienstag in Frankfurt.

Der Umsatz werde in diesem Jahr um fünf Prozent auf 193 Milliarden Euro sinken. Gemessen am Umsatz ist die chemisch-pharmazeutische Industrie nach Autoindustrie und Maschinenbau der drittgrößte Industriezweig in Deutschland. Und ein wichtiger Arbeitgeber: Derzeit beschäftigten die Firmen knapp 465 000 Mitarbeiter, o,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2010 habe die Industrie 50 000 zusätzliche Arbeitsplätze aufgebaut, so Van Bylen. Aber "der Trend zum Beschäftigungsaufbau läuft aus". Eine Prognose für das Jahr 2020 wollte er nicht geben. Konzerne wie BASF und Bayer, haben bereits angekündigt, in den nächsten Jahren einige Tausend Stellen streichen zu wollen, viele davon auch in Deutschland.

Der Produktionseinbruch im zu Ende gehenden Jahr hat konjunkturelle und geopolitische Gründe, aber auch statistische. So erwartet allein die an sich "wenig konjunktursensitive" Pharmaindustrie einen Rückgang um 16,5 Prozent. 2018 war die Produktion ungewöhnlich hoch ausgefallen, weil der Pharmakonzern Abbvie in Ludwigshafen die Herstellung seiner neuen Hepatitis-C-Wirkstoffe zeitweise stark ausgeweitet hatte. Die Chemieindustrie allein geht für 2019 von einem Rückgang um 2,5 Prozent aus, sie leidet unter dem Handelsstreit zwischen China und den USA und der Schwäche der Autoindustrie, einer ihrer wichtigsten Abnehmer. Während die Pharmaindustrie 2020 mit einem Produktionsplus von rund zwei Prozent wieder auf ihren "langfristigen Trend" einschwenken dürfte, erwartet Van Bylen für die Chemieindustrie ein Minus von einem halben Prozentpunkt. Insgesamt geht er für 2020 von einem Wachstum um 0,5 Prozent aus.

Mit "tiefer Sorge" sieht VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup die Spannungen in der großen Koalition in Anbetracht der Herausforderungen, die sich Deutschland stellten wie die EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 und den Klimaschutz. Es wäre "Gift", wenn sich die große Koalition in den nächsten vier, fünf Monaten vornehmlich mit sich selbst beschäftigen würde, sagte der frühere Bayer-Manager Große Entrup: "Rauft Euch zusammen und macht weiter."

Wie der Verband am Dienstag bekannt gab, wird VCI-Präsident Van Bylen früher als geplant sein Amt Ende März 2020 aufgeben. Nachfolger soll der bisherige Vizepräsident Christian Kullmann, Vorstandschef von Evonik Industries, werden. Van Bylen war im September 2018 für zwei Jahre gewählt worden. Die Satzung des VCI schreibt vor, dass sein Präsident eine "aktive Funktion" in einem Unternehmen ausübt. Da Van Bylen Ende des Jahres als Vorstandsvorsitzender beim Konsumgüter-Konzern Henkel ausscheidet, gibt er auch wie in den vergangenen Tagen schon spekuliert worden war, das Lobby-Amt ab. Der Nachfolger soll am 25. März gewählt werden.

© SZ vom 04.12.2019

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