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DIW-Chef Klaus Zimmermann:Der Einmischer

Mittelschicht in Not? Rente mit 70? Mehrwertsteuer von 25 Prozent? Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hat klare Vorstellung davon, wie es in Deutschland weitergehen muss. Lesen Sie den Chat nach.

Wer lobt, lobt gerne so, wie er selbst belobigt werden möchte. Wenn also der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, den Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman den "wahrscheinlich Sprachgewaltigsten der gegenwärtigen Ökonomenklasse, dessen scharfzüngige Kommentare in der Politik gefürchtet werden wie das Weihwasser durch den Teufel" nennt, dann zeigt es vielleicht auch, wie Zimmermann selbst gerne ist: kantig.

DIW-Chef fordert Mehrwertsteuererhoehung um sechs Prozentpunkte

Mehrwertsteuer von 25 Prozent? DIW-Chef Zimmermann hat kein Problem damit.

(Foto: ddp)

Der DIW-Chef schätzt den Streit, darum geht er ihm nicht aus dem Weg. Streit bedeutet eben auch, sich einzumischen, eine eigene Meinung zu haben - und sie auch zu vertreten. Sein Institut beispielsweise ist es, das besonders eindringlich vor der hässlichen Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland warnt und bereits Statuspanik ausmacht: Die Mittelschicht fürchte den Absturz.

Darum fordert das DIW, dass die Regierung gegensteuern und das Geld beisammenhalten solle. Und zwar schnell, weil es angesichts der steigenden Überalterung immer schwieriger werde, zu sparen.

"Bittere Wahrheit"

Er scheut dabei nicht vor kontroversen Positionen zurück: Er drängt darauf, dass die Leute später in Rente gehen, das sei "die bittere Wahrheit", wie er es in einem Interview formulierte. 2060 sei es für die Rente mit 70 viel zu spät. Auch die Mehrwertsteuer soll erhöht werden. Nicht ein bisschen, nein, gleich um sechs Prozentpunkte soll es nach oben gehen, auf 25 Prozent.

Und warum hat Deutschland 16 Bundesländer mit ihren 16 Regierungsapparaten? Zimmermann ist der Ansicht, dass die Zahl drastisch auf zehn reduziert werden könnte. Damit wäre die Politik aufgefordert, mal an sich selbst zu sparen.

Am meisten vermisst Zimmermann jenseits des Spar-Klein-Kleins und Groß-Kleins aber ein klares Signal von Kanzlerin Merkel - so, wie es Schröder mit der Agenda 2010 vorgemacht hat. Eine Agenda 2020, die zeigt, was sich die Regierung vorgenommen hat und schaffen will.

Zum Beispiel: Wie wird Merkel das Wirtschaftswachstum stimulieren? Zimmermann fordert, dass Frauen der Ein- und Aufstieg in Unternehmen erleichtert aber auch die Zuwanderung von Arbeitskräften aus anderen Ländern unterstützt wird. Eine Studie der Bank Goldman Sachs zeige, dass das Bruttosozialprodukt um neun Prozent steigen könnte, wenn das Potential an weiblichen Arbeitskräften voll ausgeschöpft wird. Der Anteil der erwerbstätigen Frauen liege in Deutschland zwar über dem Schnitt der EU-Staaten, er sei aber deutlich niedriger als in den Niederlanden oder in Skandinavien.

"Empirisch denkender Ökonom"

Traditionell gilt vielen das DIW noch als linksliberal, doch Zimmermann will das nicht stehen lassen: Das DIW, sagt der Chef, steht für Unabhängigkeit. Darum lässt sich Zimmermann auch nicht auf die klassischen Rechts-/Links-Positionen festnageln - selbst wenn er einmal bekannte, dass er "im Herzen keynesianisch angehaucht" sei. Zimmermann sieht sich selbst als "empirisch denkenden Ökonomen", also als einen, der seine Urteile an beobachtbaren Daten festigt, nicht an Ideologien. Das gilt auch und gerade für sein Spezialgebiet Arbeitsmarkt.

Zimmermann streitet aber nicht nur um Positionen in der Wirtschaftswissenschaft, er streitet auch ums eigene Haus. Der Rechnungshof kritisierte vor einiger Zeit, dass Zimmermann zu viel Geld ausgegeben habe, doch dieser hält dagegen: "Die Kritik sei überzogen", sagt er. Der Rechungshof habe einiges von seiner Kritik zurücknehmen müssen.

Klaus Zimmermann, der Mann mit Kante, der Einmischer, der Unabhängige - lesen Sie hier den Chat mit ihm nach.