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Kupfergeld:Ein Aus der kleinen Centmünzen tut niemandem weh

Es geht bei der Abschaffung der Kleinstmünzen nicht nur um ein paar Cent. Es geht um mehr.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Für eine Abschaffung der Münzen gibt es gute Gründe. Und ein Angriff auf das Bargeld wäre sie auch nicht - im Gegenteil.

Seit 2002 kann man in der Euro-Zone mit Ein- und Zweicentmünzen zahlen. Und seit 2002 diskutieren Menschen, ob man diese Münzen braucht. Viele mögen sie. Vielleicht, weil man mit ihnen jeden Betrag ganz genau bezahlen kann. Vielleicht aber auch, weil der Mensch seit jeher eine Schwäche für Nostalgie und Possierliches hat. Andere mögen die Centmünzen dagegen nicht. Zum Beispiel, weil sie das Portemonnaie bleischwer machen können, die Gesäßtaschen mancher Mitbürger zur optischen Zumutung verkommen lassen und weil die Münzen den Einzelhandel auch noch zum Wettstreit mit Gaga-Preisen animieren. Wieder andere haben sich ganz einfach an sie gewöhnt. Gab ja auch schon Ein- und Zweipfennigstücke!

Manchmal ist es aber Zeit, solche lieb gewonnenen Gewohnheiten zu hinterfragen - auch wenn das Thema emotional besetzt ist, wie zuletzt die Debatte um den 500-Euro-Schein zeigte. Es ist richtig, dass die neue EU-Kommission nun erwägt, die Ein- und Zweicentmünzen aus dem Verkehr zu ziehen und damit nicht vor erwartbarer Kritik zurückschreckt. Kritik, die schon jetzt laut wird und oft eher auf wilden Spekulationen als auf sachlichen Argumenten beruht.

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Das mögliche Ende der Mini-Münzen wird schon jetzt zum Alarmsignal stilisiert, sei es in der Politik oder in den Kommentaren im Internet. Die Centmünzen sind nur der Anfang, später wird dann das ganze Bargeld abgeschafft - so lautet in etwa die Argumentation. Bislang gibt es allerdings kein Anzeichen dafür, dass der Plan so etwas wie der Anfang vom Ende des Bargelds ist. Man kann deshalb nur hoffen, dass Politiker die anstehende Debatte sachlich führen anstatt irrationale Ängste zu schüren.

Dass Münzen aus dem Verkehr gezogen werden, ist kein einmaliger Vorgang. Im Euro-Land Finnland hat man sich von den Ein- und Zweicentmünzen ganz schnell verabschiedet, in Belgien, Irland und den Niederlanden spielen sie im Alltag ebenfalls keine Rolle mehr. Und auch in anderen Währungsräumen gibt es Beispiele für Münzen, die abgeschafft wurden und bis heute nicht vermisst werden: Im Archiv der Rundfunkanstalt BBC lässt sich beispielsweise nachlesen, warum die britische Regierung im Jahr 1984 das Aus für den "halben Penny" beschloss: "Das Schicksal der Halfpenny-Münze", heißt es dort, "war besiegelt, als ihre Herstellung teurer wurde als ihr Wert".

Bei der kleinsten Euromünze, dem Eincentstück, ist das heute schon genauso. Sie zu prägen kostet mehr, als diese Münze wert ist. Die Notenbanken legen also Geld drauf, wenn sie Geld machen. Und auch bei der Zweicentmünze liegen die Herstellungskosten nur knapp unter dem Nennwert.

Die Abschaffung der Münzen könnte die Bargeld-Liebe der Deutschen sogar stärken

Und viele der Münzen erfüllen ja nicht mal einen praktischen Zweck. Bis zu 80 Prozent befinden sich laut Schätzungen nicht im normalen Umlauf, sondern schlummern friedlich in Europas Sofaritzen und Einmachgläsern. Die Menschen horten die Münzen. Und oft genug tun sie das nicht, weil sie das Geld sparen wollen, sondern weil die Münzen im Geldbeutel eine kleine Plage sind.

Natürlich ist Geld nicht allein zum Ausgeben da, eine Münze kann und soll auch rumliegen und den Wert erhalten dürfen, das ist in der Euro-Zone so festgelegt. Es ist allerdings unsinnig, dass Notenbanken jedes Jahr Milliarden Centstücke prägen, die den Großteil ihres Daseins dann aber gar nicht verwendet werden und sich als echte Wertanlage wohl nur für Menschen eignen, die über einen Dagobert-Duck-artigen Tresor verfügen.

Wehtun würde eine Abschaffung der Ein- und Zweicentmünzen niemandem. Und ein Angriff auf das Bargeld wäre sie auch nicht. Im Gegenteil: Eine sinnvollere Einteilung der Münzwerte könnte die Liebe der Menschen zum Bargeld vielleicht sogar festigen. Wenn die Mini-Münzen verschwunden sind, wird auch manch anstrengendes Supermarktkassen-Erlebnis verschwunden sein, das wohl jeder kennt. Man kann dem Vordermann, der minutenlang in seinem Geldbeutel kramt, um die 3,96 Euro für seine vier Teile passend zu zahlen, ja gar nicht böse sein. Er will ja auch nur seinen "Kupferschmarrn" loswerden. Aber trotzdem müssen alle hinter ihm warten. Und das muss doch wirklich nicht sein.

Immer wieder wird beklagt, dass die Menschen sich nicht mehr dafür interessieren, was in Brüssel passiert. Der neue Vorschlag der EU-Kommission würde den Alltag vieler Europäer besser machen, wenn auch nur ein ganz kleines bisschen. Es geht also nicht nur um ein paar Cent. Es geht um mehr.

© SZ vom 29.01.2020/vit
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