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Celonis:Einhorn auf Wachstumskurs

Alexander Rinke, Martin Klenk und Bastian Nominacher (von links), die Gründer und Chefs von Celonis.

(Foto: Robert Haas)

Das Münchner Software-Unternehmen Celonis wächst und wächst. Prozesse in Firmen zu durchleuchten, ist ihm inzwischen zu wenig. Es will die erkannten Probleme nun auch lösen helfen.

Von Helmut Martin-Jung, München

Alexander Rinke gerät kein bisschen aus der Fassung, wenn er gefragt wird, ob das denn noch alles so funktioniere: Als Gründer ein Unternehmen zu führen, das längst kein Start-up mehr ist. Celonis, mehr als drei Milliarden Börsenwert, 1200 Mitarbeiter, ist eine Münchner Erfolgsgeschichte. Aber wie ist es nun: Klappt das mit dem Gründungsteam als Führungsmannschaft? Meistens tut es das ja nicht. Doch Rinke lässt daran keinen Zweifel: "Es ist wahnsinnig spannend, mitzuwachsen", sagt er, "wir haben mit drei Leuten angefangen, jetzt sind wir 1200 und Mitte bis Ende nächsten Jahres sollen es 2000 sein."

Die Begeisterung nimmt man ihm ab, aber er sagt auch: "Man muss gute Leute reinnehmen." Und die drei Gründer, die noch als Studenten die Idee zu ihrem Unternehmen hatten, holen sich zudem Rat von gestandenen Profis, in einem Beirat, dem sogenannten CEO Council, sitzen Menschen wie Michael Dell, Chef der gleichnamigen IT-Firma oder Keith Block, der Ex-Chef des Cloud-Konzerns Salesforce. "Man muss sich mit Erfahrung umgeben", sagt Rinke dazu.

Erfahrungen hat Celonis im Lauf seiner nunmehr zehnjährigen Geschichte schon einige gesammelt und das eigene Angebot entsprechend angepasst und erweitert. Begonnen hat alles, wie Rinke das so schön einfach erzählt, mit einer Art Röntgenapparat für Unternehmen. Die von Celonis entwickelte Software durchleuchtet die Prozesse eines Unternehmens anhand der Daten von deren IT-Systemen und kann mithilfe künstlicher Intelligenz Flaschenhälse und Schwachstellen entdecken. Zehntausende solcher Bilder entstehen dabei und liefern wertvolle Erkenntnisse.

Etwa, dass Rechnungen doppelt bezahlt werden, das passiere bei jeder hundertsten, weil bei der manuellen Erfassung Fehler passieren. Oder wenn es um Lieferzeiten geht - nur 42 Prozent kämen pünktlich beim Kunden an. Nur die Erkenntnis zu liefern, wurde Celonis und deren Kunden aber mit der Zeit zu wenig. Deshalb strebt man nun auch an, dass die Celonis-Software selbst Teil der Prozesse wird, und Steuerungsfunktionen übernimmt. Zum Beispiel, um Warnungen auszugeben, wenn sich abzeichnet, dass eine Lieferung wohl nicht rechtzeitig fertig wird.

Anbieter von Unternehmenssoftware wie etwa SAP müssen sich - zumindest vorerst - aber keine Sorgen machen. "Das ist kein Verdrängungswettbewerb", sagt Rinke, "aber man kann nicht in die bestehenden Systeme alle Innovationen einbauen." Celonis verstehe sich eher als eine Ergänzung. Noch sei die Digitalisierung auch noch am Anfang, auch wenn das manchmal anders erscheine.

Langfristig wollen die Gründer und Chefs von Celonis zu einer Plattform für Veränderung werden. Das gelte ganz besonders für den Bereich Nachhaltigkeit. Viele der eigenen Mitarbeiter seien noch jung und sähen das Thema als äußerst wichtig an und seien dabei sehr passioniert. Ihnen gehe es nicht mehr darum, bloß die Effizienz von Unternehmen immer weiter zu steigern, sondern auch auf Dinge wie den ökologischen Fußabdruck zu sehen. "Der wird schon bald auf Produkten stehen", glaubt Rinke.

Die Expansion des Unternehmens geht weiter schnell voran, die wichtigsten Märkte sind nach wie vor Deutschland und die USA, sowie Großbritannien, Frankreich, Spanien, aber auch aus Japan gibt es großes Interesse. Rinke findet es schade, dass es in Deutschland nur wenige Start-ups gibt, die einen ähnlichen Erfolg hingelegt haben. Zwar habe sich die Möglichkeit, Geld zu bekommen, inzwischen verbessert. Die Szene der Risikokapitalgeber sei aber nicht so professionell wie in den USA und sie denke nicht so langfristig, sieht er als einen wichtigen Grund dafür. Und: "Die Beträge stehen in keinem Verhältnis zu dem, was an Innovationen bewirkt werden könnte. Das muss sich ändern."

Schuld daran sei auch ein Mentalitätsproblem. "Unsere Skepsis steht uns im Weg, langfristige Visionen zu verfolgen", sagt Rinke und fordert mehr Mut dazu. Am oft gescholtenen deutschen Bildungssystem liege es jedenfalls nicht, das sei ausgezeichnet.

© SZ
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