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Carsharing:Auto, öffne dich

Fahrzeuge zum Teilen werden mit Kundenkarten oder per App geöffnet. Die Technik ist eine deutsche Erfindung von 1992: Das Unternehmen Invers ist weiter am Markt - als Softwarehersteller.

Uwe Latsch hat viele Anbieter kommen und gehen sehen. Ein Carsharing-Konzept zu entwickeln, sagt der Elektroingenieur, sei nun mal nicht leicht. Dabei wächst der Markt: Zum Jahresanfang 2019 zählte der Carsharing-Bundesverband BCS 2,46 Millionen Menschen in Deutschland, die bei einem solchen Unternehmen angemeldet sind - ein Sechstel mehr als im Vorjahr. Doch während manche Kunden erst jetzt die Vorzüge des Autoteilens entdecken, ist Latsch seit bald 30 Jahren dabei, als Nutzer und als Unternehmer: Der Siegener entwickelte als Erster eine Technik, die die Mietautos aufschließt.

Latsch, heute 56, war 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Nachrichtenwesen der Universität Siegen und ökologisch überzeugt, wie er sagt: "Ich bin überall mit dem Fahrrad hingefahren und das im bergigen Siegerland." Doch ab und zu brauchte der Radler eben doch mal ein Auto und so überlegte er gemeinsam mit Kollegen, sich eines zu teilen. Da die Gruppe aber keinen Schlüssel hin- und herreichen wollte, musste eine technische Lösung her.

Die erste Lösung bestand aus Telefonkarte, Pager, Infrarotsender - damals modernste Technik

Latsch entwickelte dazu eine Telefonkarte weiter. Damit sollte sich der Nutzer im Auto anmelden, die Wegfahrsperre deaktivieren und die Automiete bezahlen; ein Infrarotsender öffnete die Fahrzeugtüren, die Buchungen wurden per Pager übermittelt. "Wir haben mit der damals modernsten Technik etwas Neues entwickelt", so der Elektroingenieur.

Zu der Zeit gab es in Berlin schon Carsharing, dort wurde 1988 mit Stattauto der erste deutsche Anbieter gegründet. Für die Nutzung wurden Fahrtenbuch und Schlüssel übergeben.

Ein Toyota-Autohändler in Siegen hörte von Latschs Projekt und stellte dem Tüftler einen Wagen, Modell Corolla, zum Ausprobieren zur Verfügung - der Projektname: COCOS, Carsharing Organization and Communication System. Die Universität machte daraus eine größere Veröffentlichung. So wurden die Stattauto-Betreiber aus Berlin, Köln und Bremen aufmerksam, ein holländischer Carsharing-Anbieter wurde der erste Kunde des 1994 gegründeten Betriebs. Noch war Invers mit seiner Technik der Einzige und in einem sehr kleinen Markt unterwegs. "Populär wurde das Thema erst 2001, als die Deutsche Bahn mit unserer Technik ins Carsharing einstieg", so Latsch. "Damit war klar, dass das nicht nur eine Nische für Ökos ist, sondern eine moderne Dienstleistung."

Carsharing-Autos im Tiefgeschoss am Münchner Flughafen: Mehr als zwei Millionen Menschen in Deutschland sind bei Anbietern wie Car2Go und Drive Now angemeldet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Auf 20 200 Fahrzeuge können Kunden in Deutschland inzwischen zugreifen, diese Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um 2250 gestiegen. Mehr als die Hälfte der Wagen wird stationsbasiert vermietet, das heißt, sie haben einen festen Standort im Stadtgebiet, an dem Nutzer sie nach der Fahrt wieder abstellen müssen. Bei dieser Variante ist Stadtmobil der größte Anbieter, in mehr als 180 Städten verfügbar. Die anderen Fahrzeuge sind im Free-Floating unterwegs: Sie können innerhalb eines bestimmten Radius überall abgestellt werden. Hier sind mit Car2Go und Drivenow zwei Unternehmen am stärksten vertreten, die großen Autoherstellern gehören. Hinter Car2Go steht Daimler, hinter Drivenow BMW - beide wollen sich zukünftig unter einem Dach mit dem Namen Share Now zusammentun.

Invers entwickelte mit Car2Go das erste Free-Floating, also die Technik, mit der der Betreiber seine Fahrzeuge wiederfinden konnte. Sowohl Car2Go als auch Drivenow starteten in ihren Pilotphasen mit Invers-Technik, bauten sich aber später eigene Systeme. Das Unternehmen aus Siegen hat derzeit weltweit einen Marktanteil von 40 Prozent bei geteilten Autos, bei Elektrorollern sogar 50 Prozent.

Heute ist Invers schon lange nicht mehr nur ein elektronischer Türöffner, sondern hat sich zum Softwareunternehmen gewandelt. Es bietet ein "Shared Mobility"-Betriebssystem, als Paket bestehend aus: Hardware im Fahrzeug, einer Software, die damit kommuniziert und einer App, in der Nutzer ihre Fahrten buchen können. Zudem lassen sich per App die Autotüren öffnen und schließen. Das Ganze wird als sogenannte Whitelabel-Lösung vertrieben, Unternehmenskunden können die Produkte also mit dem eigenen Namen und Design versehen. Für den Einbau der Technik arbeitet Invers mit Autohäusern als Partner, manche Autohersteller verbauen die Teile auch direkt.

70 Prozent der mehr als 100 Mitarbeiter arbeiten in der Entwicklung und Betreuung der Technologie. 30 Prozent kümmern sich um Personal, Marketing, Vertrieb. "Wir wollen am Puls der Zeit bleiben, um die Technik anzupassen, zurzeit etwa auf E-Roller und E-Scooter." Das Unternehmen ist inhabergeführt, mittelständisch und finanziell unabhängig - so müsse man keine Investoren beeindrucken, so Latsch.

Latsch selbst ist technischer Geschäftsführer, er hat sich 2012 aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich zurückgezogen und die operative Führung an den Volkswirt Alexander Kirn übergeben. Das Unternehmen wächst jährlich um 30 Prozent, macht einen Umsatz im zweistelligen Millionenbereich. 250 Mobilitätsanbieter in mehr als 30 Ländern arbeiten mit den Siegenern zusammen - ein Geschäft, das auf langjährige Partnerschaften angelegt ist, schließlich verbauen die Unternehmenskunden nicht ständig neue Technik in ihren Fahrzeugen.

Das erste Teil-Auto mit der neuen Technik: Uwe Latsch (l.) präsentiert 1992 mit Vertretern der Universität Siegen seine Erfindung.

(Foto: Andreas Werthebach/Universität Siegen)

"Für uns ist Shared Mobility noch lange nicht ausgeschöpft. Das ist ja gerade erst aus den Kinderschuhen heraus in die Professionalisierung gekommen", sagt Latsch. Zumal sich die Angebote bisher noch auf die Großstädte beschränken: An 740 Standorten in Deutschland gibt es Carsharing, zählt der Bundesverband BCS. Doch dem ADAC-Monitor "Mobil auf dem Land" von November 2018 zufolge haben 90 Prozent der Bewohner ländlicher Gebiete noch nie ein Carsharing- oder Dorfauto-Angebot genutzt. Da ist also noch viel Luft nach oben. Zudem ist ein Führerschein vielen jungen Menschen weniger für die private Mobilität wichtig, sondern eher, weil sie ihn für den Beruf brauchen - der Sharing-Gedanke sei bei den jungen Leuten gesetzt, so Latsch.

Doch auch technisch gibt es weiteres Potenzial. Invers arbeitet daran, die Technologie an neue Fahrzeugtypen anzubinden. Außerdem muss der Mobilfunkempfang in Tiefgaragen weiterentwickelt werden: In Metropolen wie etwa Tokio gibt es kaum Möglichkeiten, Autos am Straßenrand abzustellen, da bleiben nur Standorte unter der Erde.

Das Siegener Unternehmen müsse wachsen, weil der Markt wachse, sagt Latsch. Auch neue Anbieter drängen ins Geschäft, Start-ups etwa. Wer bleibt, wird sich zeigen. Latsch jedenfalls hat schon viele kommen und gehen sehen.