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Flucht des Automanagers:Ghosn erhebt schwere Vorwürfe gegen Japans Justiz

Carlos Ghosn gibt nach seiner Flucht aus Japan eine Pressekonferenz

Der ehemalige Nissan-Chef Carlos Ghosn am 8. Januar 2020 vor seiner mit Spannung erwarteten Pressekonferenz in Beirut, Libanon.

(Foto: Joseph Eid/AFP)

Der Automanager legt nach seiner Flucht aus Ostasien einen bizarren ersten öffentlichen Auftritt hin. Er verrät nicht, wie er aus Japan entkommen ist, kritisiert aber die dortigen Haftbedingungen.

Der ehemalige Auto-Topmanager Carlos Ghosn hat bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit seiner Flucht aus Japan schwere Vorwürfe gegen die japanische Justiz erhoben. Die Haftbedingungen in Japan seien ein "Hohn" auf Menschenrechte und -würde, sagte er. Desweiteren freue er sich darauf, aufzudecken, was er an unfairer Behandlung durch die japanischen Staatsanwälte erfahren habe. Ghosn wirft ihnen ausdrücklich vor, ihm gedroht zu haben, um ihn zu einem Geständnis zu zwingen. "Ich bin nicht vor der japanischen Justiz geflohen. Ich bin vor der Ungerechtigkeit geflohen.", sagte er auf der Pressekonferenz.

Wer sich erhofft hat, bei Ghosns Auftritt zu erfahren, wie er aus Japan entkommen ist, wird aber enttäuscht. "Ich bin nicht hier, um darüber zu reden, wie ich Japan verlassen habe. Ich bin hier, um über das Warum zu sprechen" sagte er. Aus seiner Sicht sei das Verfahren gegen ihn politisch gesteuert und korrupt. Ihm sei deswegen keine andere Wahl geblieben als zu fliehen, sagt er und spricht in dem Zusammenhang von der "schwersten Entscheidung meines Lebens."

Die Gelegenheit des öffentlichen Auftritts nutzte Ghosn, um erneut alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückzuweisen. In keinem anderen demokratischen Land der Welt käme man wegen derartiger Vorwürfe ins Gefängnis. Darüber hinaus seien die Vorwürfe "unwahr", wiederholte er in Beirut. "Ich hätte überhaupt nicht verhaftet werden sollen", erklärte er. "Ich stehe nicht über dem Gesetz und begrüße die Gelegenheit, die Wahrheit ans Licht zu bringen."

Der ehemalige Vorstandschef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi ist am 19. November 2018 in Tokio festgenommen und angeklagt worden. Er wird beschuldigt, als Nissan-Verwaltungsratschef Finanzdokumente gefälscht und Untreue begangen zu haben. Ihm wird vorgeworfen, seine Vergütung nicht in der tatsächlichen Höhe gemeldet zu haben.

Im April 2019 ist er unter strengen Auflagen auf Kaution aus der Untersuchungshaft in Japan entlassen worden. Unter anderem wurde ihm verboten, das Land zu verlassen. Doch am 29. Dezember flüchtete er in den Libanon. Dabei soll der 65-Jährige sich in einer Kiste versteckt haben, wie japanische Medien unter Berufung auf Ermittlerkreise berichteten. Zu der Flucht mit einem Privatjet hätten ihm zwei Amerikaner verholfen. Japan bezeichnet die Ausreise als illegal. Ghosn hat die französische, die brasilianische und die libanesische Staatsangehörigkeit

© SZ.de/dpa/AP/mxh/mkoh

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