Caritas Sorge um die Vorsorge

Die Pensionskasse der Caritas ist in großer Finanznot. Das Minus ist beträchtlich und kann nicht durch Eigenkapital gedeckt werden. Nun müssen sich die Mitarbeiter des Sozialwerks auf drastische Leistungskürzungen einstellen.

Von Matthias Drobinski, Köln

Schick sieht es aus, das Haus an der Dürener Straße in Köln, wo die Pensionskasse der Caritas residiert. Es hat sanfte Rundungen, die Fassade ist gläsern, innen wie außen ist das Gebäude gediegen, aber nicht protzig, wie es sich gehört für ein Unternehmen, das Zusatzversicherungen für den katholischen Sozialträger anbietet, einen der größten Arbeitgeber Deutschlands: Es soll Vertrauen wecken und Solidität vermitteln, im Rahmen der christlichen Bescheidenheit natürlich. Olaf Keese, der Vorstandsvorsitzende, sagt jedoch trocken: "Das kostet". Die Glasfront frisst im Sommer teuren Klimaanlagenstrom, und jeder überflüssigerweise ausgegebene Euro ist einer zuviel.

Die Caritas-Pensionskasse ist nämlich in höchster Finanznot. Das Geschäftsjahr 2017, das jetzt erst abgeschlossen werden konnte, weist ein Minus von 142,5 Millionen Euro aus, davon sind 122,8 Millionen Euro nicht durch Eigenkapital gedeckt. Vor ziemlich genau einem Jahr, am 11. Mai 2018, verbot die Aufsichtsbehörde Bafin der Kasse die Aufnahme von Neukunden, weil sie den damals vorgelegten Sanierungsplan "unzureichend" fand. Am 8. August hat sie die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb widerrufen. Dagegen klagt die Pensionskasse vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt; der Ausgang ist ungewiss. Keese ist erst seit dem 1. Januar Chef der Pensionskasse, als Aufräumer und Retter. Bei der mit der Caritas-Kasse eng verbundenen Kölner Pensionskasse mit 3000 Mitgliedern sieht die Lage nicht besser aus.

Im Caritas-Jugendheim in Garmisch-Partenkirchen wurden 2015 minderjährige Flüchtlinge betreut. Rechts im Bild die Betreuerinnen.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Am Mittwoch und Donnerstag haben nun die Mitglieder-Vertreterversammlungen der beiden Kassen einem Sanierungskonzept zugestimmt, das für die Versicherten deutliche Leistungskürzungen mit sich bringt. Bei der Caritas-Pensionskasse betragen sie insgesamt 122,8 Millionen Euro, bei den Kölnern 48,3 Millionen Euro, im Durchschnitt ist das eine Kürzung von fast 20 beziehungsweise mehr als zwölf Prozent für die insgesamt 55 000 Rentner und Anwärter. Welche Kürzung dem Einzelnen ins Haus steht, muss noch individuell berechnet werden. Fest steht, dass sie für die Rentner vom 1. Januar 2020 an kommen wird, für die Anwärter wird die Rentenanwartschaft rückwirkend zum 1. Januar 2018 reduziert. "Für die meisten Zusatzversicherten wird der Dienstgeber einspringen", sagt Keese. Für manche aber, die als Selbständige eingezahlt haben oder deren Arbeitgeber nicht mehr existiert, bedeuten die Kürzungen tatsächlich Einschnitte in der Zusatzrente, in die sie im schlimmsten Fall viele Jahre eingezahlt haben. "Es gab keine andere Wahl", sagt Keese. So hätten das auch die Versicherten-Vertreter gesehen und dem Konzept einstimmig beziehungsweise bei der Kölner Pensionskasse bei einer Gegenstimme zugestimmt. Dies sei "entscheidend für die Sicherheit der Versicherungsleistungen".

Die traurige Geschichte der beiden Kassen, die in der Branche zu den kleineren Anbietern zählen, ist zum einen die Geschichte aller Pensionskassen, denen es umso schlechter geht, je länger weltweit die Zinsen niedrig sind. 45 der 137 deutschen Pensionskassen stehen unter der erweiterten Aufsicht der Bafin, teilte das Bundesfinanzministerium im vergangenen Juli auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hin mit; 27 Kassen hätten in den vergangenen zehn Jahren ihre Verrentungsfaktoren zulasten der Mitglieder verändert. Auch die große kirchliche Zusatzversorgungskasse KZVK mit 1,2 Millionen Verträgen hatte 2015 ein Loch von sieben Milliarden Euro, das aber durch eine grundlegende Reform und mit einer neuen Aufsichtsstruktur geschlossen werden konnte.

142,5 Millionen...

...Euro beträgt das Minus der Caritas-Pensionskasse im Jahr 2017. Davon sind 122,8 Millionen Euro nicht durch Eigenkapital gedeckt. Vor einem Jahr verbot die Aufsichtsbehörde Bafin der Kasse die Aufnahme von Neukunden, weil sie den damaligen Sanierungsplan unzureichend fand. Wenig später widerruft sie sogar die Erlaubnis zum Geschäftsbetrieb. Dagegen klagt die Pensionskasse vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt. Der Ausgang ist ungewiss.

Bei der Caritas-Pensionskasse haben jedoch, wie es in Caritas-Kreisen heißt, teils haarsträubende eigene Fehler zu der riesigen Deckungslücke beigetragen. Offenbar ging der alte Vorstand mit viel zu optimistischen Annahmen über die Zinsentwicklung und die künftige Altersstruktur der Versicherten durch die Jahre und hoffte, dass die Zeiten irgendwie besser würden. Schon 2006 habe es einen Fehler bei der Formel gegeben, mit der die Chancen und Risiken einer Versicherung hochgerechnet werden, aus der sich dann Beiträge, Rückstellungen und Auszahlungen ergeben. Der sei sehr lange unentdeckt geblieben. Und dann habe es, durchaus nicht untypisch für kirchliche und kirchennahe Betriebe, ein zu großes Vertrauen zwischen Vorstand, Risikomanagement und Revision gegeben; Offenbar prüft die Caritas-Pensionskasse jetzt, ob und gegen wen sie Schadenersatzansprüche stellen könnte.

Keese möchte, angesprochen auf die Informationen, nicht ins Detail gehen, er dementiert aber auch nicht, dass schwere Fehler gemacht worden sein könnten. Er schließt aber aus, dass es jetzt noch verborgene Risiken geben könnte: Das Sanierungskonzept, erarbeitet in enger Abstimmung mit der Bafin beruhe auf "einer intensiven Analyse der wirtschaftlichen Situation und der Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre", heißt es in der Pressemitteilung der Pensionskasse zu dem Kürzungskonzept.

Klamme Kassen

2016 warnte die Finanzaufsicht Bafin zum ersten Mal öffentlich vor großen Problemen bei den Pensionskassen. Ihre Lage sei sehr viel ernster als die der Lebensversicherer. Beide leiden unter den niedrigen Zinsen. Aber die Pensionskassen decken ausschließlich lebenslange Renten ab und haben deshalb keinen Ausgleich aus anderen Geschäften, während die Lebensversicherer auch das Todesfallrisiko und die Berufsunfähigkeit absichern. In Deutschland gibt es 136 Pensionskassen mit 170 Milliarden Euro Kapitalanlagen. Die meisten waren einst von Arbeitgebern gegründet worden, um die betriebliche Altersversorgung für Mitarbeiter zu organisieren. Deshalb appellierte die Bafin mehrmals an die Arbeitgeber, in die von ihnen initiierten Kassen Geld nachzuschießen. Auch wenn sie dazu rechtlich nicht verpflichtet sind, ist das doch im Interesse der Arbeitgeber. Denn fällt eine Pensionskasse aus, müssen sie die zugesagten Ansprüche ihrer Mitarbeiter im Alter selbst erfüllen. Inzwischen hat eine Reihe von Arbeitgebern Millionensummen nachgeschossen. Anfang 2018 waren 45 Pensionskassen unter der verstärkten Aufsicht der Bafin, heute sind es noch 31. Probleme haben vor allem Pensionskassen, bei denen Mitarbeiter vieler verschiedener Arbeitgeber bezugsberechtigt sind, und solche, bei denen der Arbeitgeber nicht mehr existiert. Die Caritas-Pensionskasse und die Kölner Pensionskasse sind nicht die ersten, die ihre Leistungen kürzen. Schon 2016 hatte die Neue Leben Pensionskasse, die zum Talanx-Konzern gehört, den Schritt angekündigt. Auch die Pensionskasse Deutsche Steuerberater-Versicherung ist in großen Schwierigkeiten. Andere Pensionskassen wurden oder werden an Abwicklungsspezialisten verkauft. Die Eigner der Einzelhandelsgruppe C & A haben die stillgelegte Pensionskasse Prudentia an die Frankfurter Leben verkauft, die zur chinesischen Fosun-Gruppe gehört. Auch die Axa hat an die Frankfurter verkauft, hier handelt es sich um die Pro bAV-Pensionskasse. Herbert Fromme

Die Zusatzrenten sind nun sicher, betont Keese. Nur die Kasse selber wird künftig kleiner und kleiner werden, bis der letzte Pensionsempfänger stirbt. Keine schöne Perspektive für die Beschäftigten, die in den vergangenen Monaten hart gearbeitet haben. Vielleicht gibt es ja eine Marktlücke, heißt es in dem Unternehmen - mit der Restrukturierung einer Zusatzversorgungs-Kasse habe man jetzt Erfahrung. Die könnten bald noch andere Kassen benötigen.