Kaum hat Nanda Bergstein, Co-Chefin des Baden-Württemberger Start-ups Camm Solutions, die Bühne betreten, legt sie ein Stück Folie in ein Glas Wasser. Während Bergstein in den folgenden zwei Minuten beim Pitch-Wettbewerb des SZ Nachhaltigkeitsgipfels über die Vorzüge des Plastikersatzes „Camm“ referiert – biologisch abbaubar, keine Ewigkeitschemikalien, kein Mikroplastik –, verrührt sie die Folie im Wasser zu einer milchig-gallertartigen Masse. „Und zum Abschluss trinke ich das jetzt“, sagt Bergstein und nimmt einen tiefen Schluck. „Schmeckt scheußlich, aber wie soll man sonst zeigen, dass es nicht ungesund ist.“
Dass Bergstein damit den Pitch-Wettbewerb für sich entschieden hat, liegt nicht nur an der überzeugenden Präsentation, sondern auch an der Relevanz des Problems, dem sich das 2019 gegründete Start-up angenommen hat. Denn jährlich werden mehr als 450 Millionen Tonnen Plastik produziert und nur neun Prozent davon wiederverwendet. Das Ergebnis: Millionen Tonnen Plastik landen in der Umwelt und im Meer und werden dort zu Mikroplastik zersetzt. Dieses findet sich nicht nur auf den Gipfeln der Berge und dem Boden des Ozeans, sondern auch im menschlichen Organismus – mit unabsehbaren gesundheitlichen Folgen.
Das Start-up vom Bodensee will dieses Problem nun mit seinen Plastikersatzstoffen angehen. Sechs Jahre lang hat das Camm-Team geforscht, entwickelt und nach der Übernahme der Bioplastikfirma „Green Cycles“ im spanischen Valencia die Produktionskapazitäten dort auf ein industrielles Niveau gebracht. Mit Erfolg: „Wir sind vor sechs Monaten wirklich im Mainstream, im Markt angekommen“, sagt Bergstein, „denn wir sind kommerziell wettbewerbsfähig mit herkömmlichen Plastikverpackungen.“
Umweltschutz ist Bergstein auch ein persönliches Anliegen
Aber nicht nur Verpackungsfolie kommt aus dem spanischen Produktionszentrum von Camm Solutions. Beschichtete Pappbecher und Luftpolsterverpackungen gehören ebenso zum Sortiment. „Wir verbinden die Camm-Folie gerne mit Papier oder Zellulose, und zwar auf eine Art und Weise, die im Altpapierstrom entsorgt werden kann“, sagt Bergstein. Denn beim Recycling der beschichteten Papierstoffe löst sich die Folie einfach auf und übrig bleibt nur das Papier, ganz ohne giftige Rückstände oder Mikroplastik.
Für Bergstein ist Umweltschutz aber nicht nur eine ökonomische Herausforderung, sondern auch ein persönliches Anliegen. Ein Teil ihrer Familie komme aus Indien, sagt sie, dort verbrachte sie auch einen Teil ihrer Jugend. Sie sah dort, was Verschmutzung durch Plastikmüll mit der Umwelt macht – und verschrieb sich der Nachhaltigkeit. 15 Jahre lang trat sie dafür bei Tchibo ein und war dort verantwortlich für die ökologische und soziale Transformation der Lieferkette. „Das hat mich aufs Fachliche vorbereitet, nicht aber auf die Unsicherheiten beim Unternehmensaufbau“, sagt Bergstein.
Dass Camm Solutions inzwischen die Phase der großen Unsicherheiten zwischen erster Produktentwicklung und industrieller Produktion hinter sich hat, merkt man auch an den Zielen für die nächsten Jahre. „Wir produzieren aktuell 7000 Tonnen im Jahr – daraus kann man 100 000 Tonnen Verpackung machen – und das verdoppeln wir nächstes Jahr“, sagt Bergstein. „Und dann geht es eigentlich jedes Jahr mit der doppelten Menge weiter.“
