Wenn der Bund künftig stärker in Verteidigung, Infrastruktur und Klimaprojekte investieren will, soll dies vorrangig durch neue Kredite in Milliardenhöhe geschehen. Das nötige Kapital wird sich der Staat über den Verkauf von Bundesanleihen an den Kapitalmärkten beschaffen. Zuständig für die Abwicklung ist die Bundesfinanzagentur – eine eher unscheinbare Behörde mit Sitz am Stadtrand von Frankfurt.
Doch wie werden die Märkte auf diese Schuldenaufnahme reagieren? Könnte das Vertrauen in Deutschland als verlässlichen Schuldner schwinden – mit steigenden Zinskosten als Folge? Während zahlreiche Kritiker von einer „gefährlichen Schuldenorgie“ sprechen, erwartet Tammo Diemer, Geschäftsführer der Bundesfinanzagentur, eine anhaltend hohe Nachfrage nach deutschen Staatsanleihen. „Internationale Investoren sind sehr angetan von der Strategie, den fiskalischen Spielraum zu erweitern“, sagte Diemer am Montagabend bei einem Treffen mit Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. Geldgeber würden die geplanten Ausgaben auch als Chance sehen, dass Deutschland dringend nötige Investitionen nachholt. Geplant ist, in den kommenden zwölf Jahren rund 500 Milliarden Euro für Infrastrukturprojekte aufzunehmen. Weitere 400 Milliarden Euro sollen in Verteidigung und sicherheitspolitische Maßnahmen fließen. In vielen Branchen können Unternehmen deshalb auf volle Auftragsbücher hoffen, das erleichtert auch ihnen Investitionen.
Nach der Grundgesetzänderung im März, die unter anderem neue Sondervermögen wie den Bundeswehrfonds ermöglichte, waren die Renditen für Bundesanleihen allerdings erst einmal deutlich angestiegen. Das löste Sorgen aus, dass der höhere Schuldenstand dauerhaft mit spürbar höheren Zinskosten verbunden sein könnte. Da die Zinsen für Staatsanleihen auch auf andere Kreditarten wie Immobilienkredite durchschlagen, bekamen etwa Immobilienkäufer die Auswirkungen schnell zu spüren. Inzwischen sind die Bund-Renditen jedoch wieder gesunken – unter anderem wegen der Unsicherheit an den US-Finanzmärkten nach dem Zoll-Chaos. Das ließ deutsche Staatsanleihen als gute Alternative zu US-Staatsanleihen erscheinen.

Sondervermögen:Der Mann, der dafür sorgt, dass Deutschland ein vorbildlicher Schuldner bleibt
Tammo Diemer muss als Geschäftsführer der Bundesfinanzagentur die Kredite für den Bund managen.
Die jüngsten Verwerfungen an den US-Kapitalmärkten hätten viele Investoren beunruhigt: „Die politische Unsicherheit kommt nicht gut an“, sagte Diemer. „Wenn US-Staatsanleihen fällig werden, werden sich Portfoliomanager fragen, ob sie weiterhin in Dollar investiert bleiben oder ob sich ihr Schwerpunkt in Richtung einer anderen Währung verschoben hat.“ Auch Marktindikatoren sprächen klar dafür – der Euro habe deutlich an Wert gewonnen, die Kurse von US-Staatsanleihen sind im Vergleich zu deutschen Anleihen gesunken. Das deute darauf hin, dass der Euro in den Portfolios internationaler Investoren an Gewicht gewinne – zulasten des Dollar. Ein abrupter Wechsel sei jedoch nicht zu erwarten. „Investoren verkaufen nicht massenhaft Dollar-Anleihen, sondern lassen diese bei Fälligkeit auslaufen und bauen ihr Euro-Engagement schrittweise aus“, so Diemer.
In dieser Frage richten sich derzeit alle Blicke auf China. Das Land investiert seinen Handelsbilanzüberschuss mit den USA traditionell in US-Staatsanleihen und hält dort derzeit rund 750 Milliarden Dollar. Immer wieder wird spekuliert, Peking könnte diese Bestände im Zollstreit als Druckmittel nutzen und auf den Markt werfen. Diemer sieht dafür keine Anzeichen: „Ich gehe davon aus, dass die chinesische Zentralbank ihren bisherigen Kurs fortsetzt.“ Bereits seit Jahren reduziere sie ihr Engagement in Dollar-Anleihen und baue parallel ihr Euro-Portfolio aus.
Das Interesse der Investoren an einem einheitlichen Euro-Anleihemarkt sei hingegen bislang begrenzt, sagt Diemer. Kapitalgeber hätten sich an die bestehende Struktur gewöhnt – und schätzten sie sogar. „Es gibt keine Investoren, die sagen: Das ist ganz furchtbar“, so Diemer. Vielmehr werde der fragmentierte Markt mit seinen vier großen Emittenten – Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – als Vorteil gesehen: Diese deckten rund 75 Prozent des Staatsanleihemarkts der Euro-Zone ab und böten ein breites Spektrum an Bonitäten und Renditen, aus dem Investoren nach eigener Risikoneigung wählen könnten.
Im Jahr 2024 nahm die Bundesfinanzagentur in 123 Auktionen insgesamt 438,5 Milliarden Euro neue Schulden auf. Für 2025 plant der Bund zunächst mit einer niedrigeren Summe von rund 380 Milliarden Euro. Die Zinskosten des Bundes werden dabei dieses Jahr voraussichtlich bei knapp 30 Milliarden Euro liegen – weniger als im Vorjahr (34 Milliarden Euro). Grund für den Rückgang ist jedoch eine geänderte Buchungssystematik: Künftig werden die Zinskosten gleichmäßig über die Laufzeit der Anleihen verteilt – reale Einsparungen ergeben sich daraus nicht.
Bevor die Finanzagentur in größerem Umfang neue Schulden für die geplanten Sondervermögen aufnimmt, muss die künftige Bundesregierung in konkreten Wirtschaftsplänen festlegen, wofür die Mittel eingesetzt werden sollen. „Für 2025 erwarten wir, dass unsere Liquiditätsreserven ausreichen, um den Finanzierungsbedarf zu decken“, sagte Diemer. Die neuen Anleihen für das Sondervermögen sind allerdings nicht zweckgebunden. „Der Anleger hat Anspruch auf Zinsen und Rückzahlung – aber keinen Anspruch darauf zu erfahren, in welches Projekt der Erlös geflossen ist“, so Diemer. Er selbst spricht lieber von „Schulden“ und „Extra-Haushalten“ als von „Sondervermögen“ – ein Begriff, der zuletzt häufig als beschönigend kritisiert wurde. Diemer sieht das anders: Die Bezeichnung sei historisch gewachsen und sei bereits im Zuge der deutschen Wiedervereinigung verwendet worden.

