bedeckt München 17°
vgwortpixel

Bundesbank in Europa:"Der Geist ist nicht erloschen"

Axel Weber, der Vorgänger von Weidmann als Bundesbankchef, trat 2011 aus Protest zurück. Jürgen Stark, der damalige Chefvolkswirt der EZB, folgte wenige Monate später. Weidmann geht in den Clinch und weiß viele Deutsche hinter sich. Doch bei den ganz großen Entscheidungen macht Draghi mit einer komfortablen Mehrheit das, was er für richtig hält.

"Jens Weidmann ist dazu verurteilt, Stabilität zu predigen. Die Bundesbank wird immer mit einem erhobenen Zeigefinger auftreten. Europa braucht eine solche Bundesbank auch, als letzte Instanz", sagt David Marsh, der die Geschichte der Bundesbank seit Jahrzehnten verfolgt. "Die alte Bundesbank ist nicht mehr da. Die Mitarbeiter von heute haben keine nostalgischen Gefühle, das ist eine neue Generation. Aber der Geist ist nicht erloschen", sagt der frühere britische Journalist.

Die Bundesbank ist ein Mythos. In der Erinnerung vieler Deutscher steht die Institution bis heute für die Stabilität der D-Mark. Deutschland entwickelte sich von den 1950er Jahren an international zum wirtschaftlichen Riesen und blieb doch politisch ein Zwerg. Die Deutschen mögen im Ausland unbeliebt gewesen sein, doch die D-Mark war begehrt. Das gab Selbstvertrauen. "Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle an die Bundesbank", sagte Jacques Delors, Präsident der Europäischen Kommission, im Jahr 1992.

Die Bundesbank steht nicht allein da mit ihrer Angst vor Bedeutungsverlust. Alle Nationalbanken kämpfen um ihre Pfründe. Viele Aufgaben, die früher jede nationale Bank vorgehalten hat, werden nun in Schwerpunkten gebündelt, dann übernimmt eine Notenbank die Arbeit aller. Und wer was machen darf, darüber wird hinter den Kulissen eisern gekämpft.

EZB hat die Hosen an

Als der französische Notenbankchef Christian Noyer im vergangenen Herbst gegen die EZB-Entscheidung votiert hat, Kreditverbriefungen (ABS-Papiere) zu kaufen, so tat er das nicht aus Prinzip. "Er hatte kein Problem mit dem ABS-Programm als solches, aber er wollte nicht, dass die EZB das zentral macht, sondern dass die Franzosen es umsetzen dürfen", sagt jemand, der in der Sitzung dabei war.

Die EZB hat auch auf dem Feld der Bankenaufsicht nun die Hosen an. Sie überwacht die wichtigsten Institute Europas. Das hatte auch Konsequenzen für die Bundesbank. Im Tagesgeschäft mit der EZB besitzt die Finanzaufsicht Bafin die Oberhoheit. Das hat der Bundestag so beschlossen. Bundesbank und Bafin sind nicht mehr gleichberechtigt.

"Weidmann ist beleidigt, dass die Bundesbank jetzt nur mehr die zweite Geige in der Bankenaufsicht spielt", sagt einer, der ihn gut kennt. Bundesbankvorstand Andreas Dombret fragte selbst jüngst öffentlich, "welche Rolle die Bundesbank eigentlich in der neuen Aufsichtsstruktur" einnehme und beklagte den Verlust von einem "Stück Einfluss" bei der Bankenaufsicht.

Bundesbank-Kenner Marsh bezeichnet das Verhältnis von Draghi und Weidmann als "Symbiose". Weidmann sei Draghis Gegenargument, wenn Politiker die Geldschleusen noch viel weiter öffnen wollten. "Wenn Draghi nüchtern darüber nachdenkt, sieht er, dass Weidmann mehr recht als unrecht hat."

© SZ vom 20.01.2015/bero

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite