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Bundesamt für Materialforschung:Behörde wirft RWE schlechte Wartung vor

Spröder Stahl an sanierten Strommasten ist offenbar doch mitverantwortlich für den tagelangen Stromausfall im Münsterland.

Michael Bauchmüller und Hans-Jörg Heims

Das geht aus einer Untersuchung des Bundesamtes für Materialforschung (BAM) hervor.

Westfälischer Strommast nach üppigen Schneefällen.

(Foto: Foto: dpa)

Das Amt hatte im Auftrag der Bundesnetzagentur untersucht, wie es zu dem Blackout im Münsterland kommen konnte. Nach heftigen Schneefällen waren Ende November fünf RWE-Fernleitungen im Münsterland schwer beschädigt worden und Strommasten reihenweise eingeknickt. 250.000 Menschen waren ohne Strom, einige von ihnen bis zu 50 Stunden lang.

Offenbar nicht alle Teile ausgetauscht

Anders als von RWE bisher dargestellt, ist offenbar nicht allein die extreme Wetterlage Schuld für den Zusammenbruch, sondern unzureichend sanierte Strommasten.

"Das Primärversagen", heißt es in einem zusammenfassenden Bericht des BAM-Gutachtens, sei an einem "gemäß RWE-Sanierungskonzept sanierten Mast an einer versprödeten Diagonale aus Thomasstahl" aufgetreten. Bei der Sanierung hatte das Unternehmen offenbar nicht alle belasteten Thomasstahl-Teile ausgetauscht.

Thomasstahl, der als besonders spröde gilt, wurde bis in die sechziger Jahre auch für Strommasten verwandt. Hätte RWE bei der Sanierung alle tragenden Teile aus Thomasstahl ersetzt, "kann vermutet werden, dass der Mast das Wetterereignis ,Münsterland 2005" überlebt hätte", heißt es in dem Bericht. Das RWE-Sanierungskonzept müsse überprüft werden, fordern die Gutachter. Anfang Juni soll sich die Wirtschaftsministerkonferenz mit dem Zustand der deutschen Strommasten befassen. Allein RWE hat seit 2002 rund 60 Prozent seiner 44 000 Strommasten saniert.

RWE hatte im Februar ein Gutachten des Essener Baustatikers Georg Thierauf vorgelegt. Nach Auffassung des Gutachters führten vor allem die Wetterbedingungen zum Zusammenbruch der Stromversorgung. Auch moderne Strommasten hätten einer solchen Belastung nicht standhalten können. RWE hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass alte Masten sukzessive modernisiert oder ausgetauscht würden.

Verbraucherschützer erneuerten ihre Kritik an dem Energieversorger. "Offensichtlich ist der betriebswirtschaftliche Druck so stark, dass nur noch das notwendigste gemacht wird", sagte Holger Krawinkel, Energie-Experte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Ein RWE-Sprecher sagte, man verfüge bisher nur über einige mündliche Zwischeninformationen. Das vollständige Gutachten liege dem Unternehmen bisher nicht vor, weshalb man zu Details der Untersuchung keine Stellung nehme. Aus den vorliegenden Informationen ergebe sich aber, dass das BAM offenkundig die Einschätzung des von RWE beauftragten Gutachters stütze. Ein schuldhaftes Verhalten von RWE sei jedenfalls nach wie vor nicht festzustellen.

Bei RWE geht man daher davon aus, dass eventuelle Schadenersatzklagen keinen Erfolg haben. Der Essener Energiekonzern hatte zur Regulierung von Schäden durch den Stromausfall fünf Millionen Euro in einen Härtefallfonds eingezahlt. Daraus wurden bisher nach Unternehmensangaben 4,5 Millionen Euro ausgezahlt. Darüber hinaus entstand dem Konzern ein Schaden von etwa 42 Millionen Euro.

Auch die zuständige Aufsichtsbehörde, das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium, wollte sich zu den neuen Erkenntnissen nicht äußern, so lange das Gutachten ihr nicht vorliegt.

© SZ vom 27.4.2006
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