Autoindustrie:Der Kampf um Rekorde ist vorbei

Bugatti Chiron auf einer Automesse

Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe für jeden Bugatti-Eigentümer: Putzen und Polieren.

(Foto: Uli Deck/picture alliance/dpa)

Bugatti stand im VW-Konzern für Luxus, Größenwahn und Maßlosigkeit - nun trennt man sich von der Marke, zumindest teilweise.

Von Max Hägler, München

Es wäre ein Leichtes, diese Nachricht vom Montag zu ignorieren: Volkswagen gibt Bugatti weitgehend in fremde Hände, lässt also ab vom Luxus, was soll's, der Konzern aus Wolfsburg bleibt dennoch Europas größter Autohersteller. Tatsächlich hat die französische Automanufaktur Bugatti im vergangenen Jahr ja nur 77 Wagen verkauft. Ein entbehrliches Geschäft, das auch nur kleine schwarze Zahlen schreibt, trotz der siebenstelligen Fahrzeugpreise. Einerseits.

Andererseits ist es ein massiver Kulturbruch, wenn Bugatti nun in einem Joint Venture zwischen Porsche und der weitgehend unbekannten kroatischen Firma Rimac aufgeht, wie die Manager der Firmen am Montag gemeinsam mitteilten. VW bleibt über die Tochter Porsche zwar beteiligt, aber eben nicht mehrheitlich: Bugatti sei nun "keine Marke im Volkswagen-Konzern" mehr, erklärte Porsche-Finanzchef Lutz Meschke.

Um die Tragweite dessen zu verstehen, worüber Meschke und Porsche-Chef Oliver Blume in einer Telefonschalte berichteten, lohnt ein Besuch der Autostadt in Wolfsburg, im Automobilmuseum des VW-Konzerns. Alle Marken werden hier gefeiert in größeren oder sehr großen Pavillons. Doch die beeindruckendste Ausstellungsstätte ist bislang jene von Bugatti. Ein feingezirkelter Grashügel, der an die Höhlenbehausungen der Hobbits erinnert. Schreitet man durch das Tor nach unten, funkelt und glitzert es im Scheinwerferlicht: Ein Bugatti Veyron steht da, versilbert. Daneben sein Benzin-Motor. Sonst nichts.

Die Idee sei gewesen, "ein Automobil und dessen Motor als Ausweis des technologisch Möglichen zu schaffen", heißt es auf der Erklärtafel. In 2,5 Sekunden komme das Gefährt auf 100. In 7,3 Sekunden auf 200. In 16,7 Sekunden auf 300. Nur hinten raus schwächelt das Auto ein wenig: Knapp eine Minute dauert es, bis die 400 erreicht sind. Lange Zeit wäre man wohl der Höhle verwiesen worden, hätte man solche Kritik angebracht. Denn der Veyron ist kein Sportwagen, auch kein Supersportwagen. Es ist ein Hypersportwagen. Das ist ernst. Volkswagen wirbt mit: Das Auto. Und Bugatti ist das Über-Auto. Mehr geht nicht.

Die Legende besagt, dass Ferdinand Piëch das Aggregat mit 16 Zylindern ersonnen habe

Zumindest hat das einer der prägendsten Männer des Konzerns so gesehen. Die Legende besagt, dass Ferdinand Piëch selbst das 16-Zylinder-Aggregat ersonnen habe. Stärker als alles in der Welt sollte es sein. Tatsächlich ist noch der Briefumschlag erhalten, auf dessen Rückseite Piëch den Motor skizziert hat. Die Firma Bugatti wurde so wiederbelebt und vor gut 20 Jahren eingereiht in Piëchs Sammlung: Zwölf Marken waren es am Ende seiner Ära.

Damals galt: Größer, Schneller, Weiter. Es war die Zeit, als sie bei Volkswagen glaubten, alles erreichen zu können. Es war die Haltung, die dazu beigetragen haben dürfte, dass geschummelt wurde, wenn die Physik Grenzen setzte, so wie beim Dieselskandal.

Und nun wird dieses große Symbol der Maßlosigkeit aus dem Blickfeld geschoben, weil es nicht mehr ins Heute passt. Der derzeitige Konzernchef Herbert Diess ist zwar auch ein schneller Fahrer, ein begeisterter Ingenieur, aber für Volkswagen insgesamt hat er anderes im Sinn; er debattiert mit Fridays-for-Future-Aktivisten, jagt keine Rekorde mehr, will die Transformation gelingen lassen. VW soll insgesamt vor allem für Elektromobilität stehen, fordert er. Da passt Bugatti nicht mehr, dieses Sehnsuchtsobjekt für Verbrennerfanatiker, das war schon seit einigen Monaten bekannt.

Allerdings haben sie es geschickt verwertet, für ein interessantes Geschäft: Der Konzern reichte Bugatti an Porsche weiter. Porsche wiederum konnte diese Marke einbringen in eine neue gemeinschaftliche Firma namens Bugatti-Rimac, die sie als Minderheitsgesellschafter mit dem erst zwölf Jahre alten Start-up Rimac gegründet haben. Die Kroaten bauen ebenfalls Hypercars, allerdings elektrische, in einer Güte, die Porsche schon länger imponiert. Wer das Sagen hat, ist für den Moment klar: Die Stuttgarter waren an die Adria gereist zur Pressekonferenz, nicht andersherum. In Piëch-Zeiten wäre so etwas undenkbar gewesen, dass man so mit einem Partner zusammenarbeitet.

Porsche hat schon vor einigen Jahren in die Kroaten investiert

Doch die Zeiten haben sich geändert. Porsche-Chef Oliver Blume und sein Kollege Meschke gestehen zu, dass andere auch Autos bauen können, womöglich sogar besser und schneller in gewissen Aspekten. Schon seit einigen Jahren ist Porsche deshalb bei Rimac auch direkt investiert, dessen Gründer Mate Rimac sie hoch lobten am Montag: Die in einer Garage entstandene Firma pflege eine andere Herangehensweise an technologischen Herausforderungen und habe sich eine hohe Expertise in Digitalisierungsthemen erarbeitet. Insofern sei das "ein fantastischer Tag für Automobilfans in aller Welt", sagte Blume, und - was sollte er auch anderes sagen - ein "Win-Win" für alle drei. Gemeinsam werde man voneinander lernen und ikonische Hypercars bauen.

Die Bugatti-Modelle dürften damit über kurz oder lang auch Elektromotoren bekommen. Wie es indes weitergeht mit dem Veyron in der Autostadt, ist unklar. Man wolle jetzt erst einmal die nötigen kartellrechtlichen Fragen klären und dann Ende des Jahres die gemeinsame Firma mit Sitz in Zagreb zum Laufen bringen, hieß es am Montag.

© SZ
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