Büropflanzen Paul ist traurig

Ein Bildband zeigt Büropflanzen als Wesen mit Herz und Seele. Der Lebensraum ist zu dunkel, die Pflege wird oft vernachlässigt und manchmal werden sie auch einfach als Möbelstücke wahrgenommen oder vollkommen übersehen.

Von Ekaterina Kel

Paul, der Weihnachtskaktus, botanisch auch Schlumbergera, stand in den Büroräumen eines Unternehmens für Computerspiele in einem Hochhaus am Berliner Alexanderplatz. Der Medienkünstler Frederik Busch hat ihn dort entdeckt, abgelichtet und dem unscheinbaren Gewächs den Namen Paul gegeben. Die Blätter hingen ganz welk herunter, sahen abgemagert und vernachlässigt aus. Aber die Pflanze hat sich mit den bestehenden Verhältnissen arrangiert.

So geht es vielen Büropflanzen: Der Lebensraum ist zu dunkel, die Pflege wird oft vernachlässigt und manchmal werden sie auch einfach als Möbelstücke wahrgenommen oder vollkommen übersehen. Aber sicher nicht von Busch, der mit seiner Kamera über neun Jahre lang in mehr als 50 Betrieben unterwegs war, um ebendiese Büropflanzen zu porträtieren. In dem Bildband "German Business Plants", der nun im Kehrerverlag erschienen ist, sind 52 davon abgebildet. "Sie werden oft als Produkt wahrgenommen, das man grün kauft und das funktionieren soll", sagt Busch. "Aber das sind Lebewesen." Sobald sie eine gewisse Körperhaltung einnehmen, allen schwierigen Lebensverhältnissen zum Trotz, erkenne Busch in den Gewächsen menschliche Attribute. Zum Beispiel der Weihnachtskaktus, der seine Triebe heruntersacken lässt. "Paul ist traurig", lautet Buschs Titel für dieses Bild. Oder das riesengroße Fensterblatt, botanisch Monstera deliciosa, das sich in einer Ecke unter einem alten Fernseher fläzt wie ein übermüdeter Kollege. "Dagmar mag kein Fernsehen", lautet die Bildunterschrift.

Die Vornamen sind Ergebnisse einer langen ästhetischen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Pflanzenwesen. "Lässt sich etwas Menschliches darauf projizieren?", ist immer die erste Frage. So entsteht der Satz, die nähere Beschreibung. Und erst danach kommt der Vorname. Diese schmunzelnden Kompositionen aus Bild, Text und Name lauten dann etwa: "Ute leidet unter Tagträumen" oder "Siegfried schämt sich". Sie sollen laut Busch Anspielungen auf die Typologie verschiedener Büromitarbeiter sein und den üblichen Flurfunk, den man in jeder Firma zu hören bekommt.

Buschs Bilder sind dokumentarische Arbeiten, die Pflanzen hat er immer an ihren echten Standorten aufgenommen. Seine Recherche war durchaus abenteuerlich: Auf offizielle Anfragen reagierten die Unternehmen meistens mit Absagen, Busch vermutet, dass sie indirekte Unternehmenskritik befürchteten. Deshalb habe er sich oft nach Feierabend von Freunden und Bekannten hereinschmuggeln lassen oder nutzte die Gelegenheit, bei Auftragsarbeiten in den Pausen Fotos von den Pflanzen zu machen. So entstand seine Studie menschlich-pflanzlicher Beziehungen an Orten, die der Natur vollkommen entrückt sind.