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Buch "Antifragilität" von Nassim Taleb:Triumphierend und ein bisschen übergeschnappt

Wenige Monate später erklärte die Investmentbank Lehman Brothers ihren Bankrott, und es begann eine weltweite Finanzkrise. Nassim Nicholas Taleb jedoch war auf einen Schlag reich, sehr reich. - Wie sich das wohl angefühlt hat?

Vielleicht ein bisschen so, als hätte Galilei den Papst auf der Straße getroffen, als der gerade zerknirscht aus der Sternwarte kam. Oder als hätte Kolumbus nach vielen Wochen auf See endlich Land gesehen - und dafür von Isabella von Kastilien sofort ein "Like" kassiert. Alle hatten unrecht. Ich hatte recht. Und habe nie wieder Geldsorgen.

Genauso liest sich das Buch "Antifragilität": Triumphierend, ein bisschen übergeschnappt, und immer noch sauer: Hier, ihr "Experten", das ist mein Stinkefinger. Nassim Nicholas Taleb ärgert sich, weil er zwar recht behalten hat, seine Erkenntnisse sich aber trotzdem nicht durchgesetzt haben. Das Finanzsystem ist immer noch viel zu mächtig: Anstatt auf überschaubare Größe zu schrumpfen, sind die Banken noch größer und mächtiger geworden.

Das System hat vorgeführt, wie fragil es ist

Dabei tragen die entscheidenden Spieler immer noch keine Verantwortung: Wenn sie ihre Wetten verlieren, springt der Steuerzahler für sie ein. Außerdem ist das Finanzsystem immer noch zu verknüpft: Es genügt der Untergang einer einzigen Bank, um alle in den Abgrund zu reißen. Das System hat dramatisch vorgeführt, wie fragil es ist - und doch geschieht nichts, um daraus zu lernen und seine "Antifragilität" zu erhöhen.

Dabei zeigt die Natur, wie es geht: mit Redundanz. Menschen haben zwei Nieren, damit eine ausfallen kann. Ein Staat besteht aus vielen Ameisen, sodass manche sterben können. Überhaupt ist die Natur so eingerichtet, dass jeder Brand, jede Trockenheit und jede Epidemie sie am Ende fitter macht. In diesem evolutionären Sinne ist "Antifragilität" sogar mehr als Robustheit oder Resilienz; sie hält Schläge nicht nur aus, sie wird durch sie stärker.

Grandioser Irrsinn

Interessant ist dabei, dass der Professor für "Risk Engineering" solche Antworten weniger in mathematischen Finten findet als in der klassischen Philosophie - allen voran bei dem von ihm verehrten Stoiker Seneca. Den vielen Intellektuellen, die in jüngster Zeit versucht haben, die Finanzwirtschaft mit geistesgeschichtlichen Mitteln verständlich zu machen - etwa Joseph Vogl, Frank Schirrmacher oder Slavoj Žižek -, kommt Taleb damit entgegen: Er tritt direkt aus dem Auge des Sturms und übersetzt seine Erfahrungen jetzt in Philosophie.

Wie sich das liest, zeigt am besten vielleicht die Kurzbeschreibung des 15. von 25 Kapiteln: "Die Geschichte der Technik wird neu geschrieben. In der Wissenschaft wird Geschichte von Losern verfasst; eine Erkenntnis, die mir in meinem Tätigkeitsbereich aufging, und wie man diese Einsicht generalisieren kann. Schaden Kenntnisse in Biologie der Medizin? Die Rolle glücklicher Zufälle wird unterschlagen. Wodurch zeichnet sich ein guter Unternehmer aus?"

Grandioser Irrsinn also. Der Loser, der das verfasst hat, wird am Ende wohl wieder richtig absahnen.

© SZ vom 15.03.2013/rela
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