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Bruttoinlandsprodukt:Forscher jagen die Schattenwirtschaft

Schattenwirtschaft

Bequem Zuhause die Haare schneiden lassen: mobile Dienstleister kassieren gerne bar und ohne Beleg.

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Ein Dealer schreibt keine Rechnung. Wer sich zu Hause die Haare schneiden lässt, zahlt gerne bar. Wie viel Schattenökonomie steckt in der deutschen Wirtschaft?

Wie viel geschmuggelter Tabak ist in Deutschland im Umlauf? Die Antwort liegt im Müll. Monatlich lässt der Deutsche Zigarettenverband 12 000 Schachteln sammeln. Dann wird gezählt, ob die Packungen ein deutsches Steuersiegel tragen oder ein ausländisches - oder gar keins. So lässt sich hochrechnen, wie viel geschmuggelten Tabak die Deutschen ungefähr konsumieren.

Solche Methoden helfen Ökonomen, die erforschen wollen, wie groß die Schattenwirtschaft ist. Dominik Enste vom Institut der Deutschen Wirtschaft beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Er arbeitet gemeinsam mit Friedrich Schneider von der Universität Linz. Auch repräsentative Umfragen zu Schwarzarbeit sind für sie hilfreich. Sie schätzen: Insgesamt macht die Schattenwirtschaft 12,2 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Der größte Posten darunter ist Schwarzarbeit.

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Mit der Koralle durch den Zoll

Kokain, verbotene Waffen oder auch Schwarzarbeiter werden in der Regel bar bezahlt. Deswegen ist die Bargeldmenge eine wichtige Kenngröße für die Forscher. Enste und Schneider vergleichen, wie viele Güter offiziell mit Bargeld bezahlt werden, und schauen dann, wie viel Bargeld tatsächlich in Umlauf gekommen ist. Die Differenz erlaubt Rückschlüsse, wie viele illegale Geschäfte abgewickelt werden.

Auch die groben Daten ermöglichen es, Trends zu entdecken. Der Anteil inoffizieller Geschäfte an der jährlichen Wirtschaftsleistung war im Jahr 2003 am höchsten. Seitdem schrumpft die Schattenökonomie. Denn seit 2003 bietet die offizielle Wirtschaft mehr Möglichkeiten, Geld zu verdienen. "Weniger Menschen müssen im illegalen Sektor arbeiten", sagt Enste. Auch die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 hätten die Schattenwirtschaft schrumpfen lassen. Die illegale Beschäftigung könnte aber wieder zunehmen. Denn nicht alle Flüchtlinge bekommen auf dem offiziellen Arbeitsmarkt einen Job.

Die Ergebnisse erlauben auch einen internationalen Vergleich. In den USA und Großbritannien sind die Schattenbereiche relativ klein. Das liege auch daran, sagt Enste, dass die Volkswirtschaften weniger stark reguliert seien. Dort sei quasi alles erlaubt, was nicht explizit verboten ist. In südeuropäischen Staaten dagegen werde traditionell viel am Staat vorbei gewirtschaftet. Märkte seien offiziell stärker reguliert, doch staatliche Einrichtungen kontrollierten nicht streng genug. Gesetze würden zwar immer wieder verschärft, außerdem gebe es Razzien gegen illegale Beschäftigung, sagt der Ökonom. "Im Privathaushalt muss man jedoch kaum mit Bestrafung rechnen."

Die höchste Schattenwirtschaftsquote hat den Berechnungen zufolge Polen. Das habe geschichtliche Gründe, sagt der Ökonom. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks mussten erst neue staatliche Strukturen entstehen. Als diese errichtet waren, hätte es sich in Polen bereits eingebürgert, viele Geschäfte inoffiziell abzuwickeln.

Viele Ökonomen kritisieren die Ergebnisse von Enste und Schneider. Der Vorwurf: Ihre Zahlen basierten auf Modellen, von denen niemand wisse, wie treffsicher sie die Realität abbilden. Enste lässt die Kritik nicht auf sich sitzen: "Wenn jemand eine bessere Methode hat, um die Schattenwirtschaft zu untersuchen, dann gerne", sagt er. Er wolle der Politik mit seiner Arbeit zeigen: Regeln für die Wirtschaft bringen nur dann etwas, wenn die Menschen sich auch daran halten. "Ansonsten wandert die Arbeit einfach in den inoffiziellen Sektor ab."

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