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Britische Bank in Geldnot:Finanzminister pochen auf Regelverschärfung

Erstmals ist eine große britische Bank in den Sog der Hypothekenkrise geraten. Die EU-Finanzminister erwarten zunächst keine starken Auswirkungen der Krise auf Europas Konjunktur, rufen aber nach schärferen Regeln.

Das hat es in Europa lange nicht gegeben: Vor Filialen der britischen Hypothekenbank Northern Rock bildeten sich am Freitag Menschenschlangen. Vereinzelt gab es Berichte über Schlägereien. "Ich will mein Geld schnellstmöglich abziehen", sagte einer der Wartenden vor einer Londoner Niederlassung.

Besorgte Kundschaft: Vor den Filialen der britischen Hypothekenbank Northern Rock bildeten sich am Freitag lange Menschenschlangen.

(Foto: Foto: AFP)

Obwohl Northern Rock nicht nennenswert am zusammengebrochenen US-Markt für zweitklassige Hypothekenkredite engagiert ist, leidet die Bank, einer der größten britischen Baufinanzierer, besonders stark unter der Krise. Sie ist auf Mittel angewiesen, die sich Institute untereinander am Geldmarkt leihen. Dieser Markt ist nahezu ausgetrocknet, da die Banken einander aus Misstrauen nur noch zögerlich Geld verleihen. Dies führte bei Northern Rock zu dem Engpass. Die Aktie sackte um ein Viertel ab.

Nur kurzfristige Hilfe nötig

Die Bank of England betonte, Northern Rock sei zahlungsfähig und benötige lediglich kurzfristige Hilfe. Finanzminister Alistair Darling erklärte, keinem weiteren Institut müsse unter die Arme gegriffen werden. "Es gibt ausreichend Geld im System, die Banken leihen es sich nur kurzfristig untereinander nicht in dem Maße aus, wie es Institute wie Northern Rock nötig hätten", sagte er.

Bankaktien gerieten an den Börsen weltweit unter Druck. In Deutschland verloren Commerzbank, Deutsche Bank und Postbank zwischen einem und vier Prozent. Die Aktie des deutschen Baufinanzierers Interhyp verlor fast ein Drittel an Wert. Interhyp hatte seine Gewinnprognosen und die Erwartung für das Finanzierungsvolumen im laufenden Geschäftsjahr nach unten korrigiert. Das Münchner Unternehmen vergibt nicht selbst Immobilienkredite, sondern vermittelt Privatkunden die für sie günstigsten Tarife. Der Interhyp-Sprecher sagte: "Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der US-Hypothekenkrise und unserem operativen Geschäft oder dem privaten Wohnungsbau in Deutschland." Eine Verbindung sei nur auf der emotionalen Seite herzustellen. Auch Kerstin Vitvar, Analystin der Unicredit, sieht in der angespannten Marktlage einen Grund für die Verluste: "Allerdings hatte Interhyp bereits im letzten Jahr Prognosen nach unten korrigiert - das ist nicht gut für das Vertrauen."

Konjunkturrisiken nehmen zu

Die Finanzmarktturbulenzen bestimmten auch das erste Treffen der EU-Finanzminister seit Ausbruch der Krise. "Die Risiken für die Konjunktur sind gestiegen", sagte Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker. "Die Ungewissheit nimmt zu", betonte Währungskommissar Joaquin Almunia. Zum jetzigen Zeitpunkt erwarten beide aber keine starke Bremswirkung für das Wachstum. Almunia revidierte die Konjunkturprognose für den EU-Raum für dieses Jahr leicht um 0,1 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent nach unten. Für nächstes Jahr erwartet er bisher keine Veränderungen. Der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos befürchtet dagegen einen Dämpfer für den Aufschwung als Folge der US-Hypothekenkrise und des Euro-Höhenfluges. "Es ziehen am Konjunkturhimmel Wolken auf", sagte der CSU-Politiker am Freitag zum Abschluss der Haushaltsdebatte im Bundestag.

Einige Finanzminister fordern neue Regeln, um eine Ausweitung der Krise zu vermeiden. "Die angespannte Lage am Kreditmarkt kann nur durch mehr Informationen über die hochkomplexen Finanzprodukte überwunden werden", sagte Österreichs Ressortchef Wilhelm Molterer. "Wir müssen über Regeln für mehr Transparenz diskutieren". Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, verteidigte seine Liquiditätsspritzen für den Markt. "Die Fehler einiger dürfen nicht zu Lasten vieler gehen", sagte Trichet in Anspielung auf die Investments einiger Banken in Papiere, in denen Forderungen aus riskanten Krediten gebündelt sind.

Streit gab es um die französische Haushaltspolitik. Juncker forderte die französische Regierung auf, die Neuverschuldung schneller auf null zu drücken. Die EU-Finanzminister hatten im April beschlossen, ihre Haushalte bis 2010 auszugleichen. Frankreich plant einen Stopp der Neuverschuldung erst für 2012.