Brexit:Die Finanzbranche würde nach dem Brexit viele Privilegien verlieren

Für die Firmen im Königreich sind die anderen europäischen Staaten die wichtigsten Exportmärkte. Banken aus aller Welt nutzen Niederlassungen in London, um Kunden auf dem ganzen Kontinent zu bedienen. Dank des EU-Binnenmarktes reicht den Finanzkonzernen ihre britische Lizenz; diese wird überall anerkannt. Da die britische Regierung nach der Übergangsphase 2021 Binnenmarkt und Zollunion verlassen will, werden diese Geschäfte wohl schwieriger.

Zwar würde ein Freihandelsvertrag sicherstellen, dass keine Zölle eingeführt werden. Mit Kanada hat die EU so ein Abkommen nach sieben Jahre dauernden Gesprächen abgeschlossen. Das würde aber nicht verhindern, dass die wichtige britische Dienstleistungsbranche - etwa die Finanzfirmen - die Privilegien verliert, welche die Mitgliedschaft im Binnenmarkt bietet. Londons Banken bräuchten dann eine zusätzliche Genehmigung aus einem EU-Staat. Dafür müssen die Konzerne auf dem Festland Abteilungen ausbauen, zulasten der britischen Filialen. Die Bank of England schätzt, dass der Brexit mindestens 10 000 Finanzjobs kosten wird.

Die Briten streben ein Partnerschaftsmodell an. Doch davon will die EU nichts wissen

Der Abschied vom Binnenmarkt belastet auch Industriebetriebe, zum Beispiel in der Pharma- und Chemiebranche. Erkennt Brüssel britische Zulassungen nicht mehr an, müssten die Konzerne Produkte noch einmal in der EU genehmigen lassen. Ein weiteres Problem: Weil das Land nicht in der Zollunion bleiben will, werden in Zukunft Grenzbeamte Lastwagen stichprobenartig kontrollieren müssen. Das ist selbst dann nötig, wenn dank eines Freihandelsvertrags britische Produkte zollfrei sind. Die Autofabriken im Königreich beziehen viele Zulieferungen vom Festland und halten nur Teile für wenige Produktionsstunden auf Lager. Verzögerungen durch Zollkontrollen sind ein Risiko.

Die Regierung weiß um diese Nachteile. Sie hofft, sich mit Brüssel auf einen Freihandelsvertrag zu einigen, der umfassender ist als übliche Abkommen und viele Vorteile des Binnenmarktes in die Brexit-Welt hinüberrettet. Zugleich will sich London nicht Regeln und Rechtsprechung der EU unterwerfen, so wie es Norwegen machen muss, ein Staat, der nicht in der EU, jedoch im Binnenmarkt ist. Die Briten streben ein neues Modell an: Das Land will selbst Regeln und Standards setzen und Handelsverträge mit anderen Mächten abschließen können. Diese Regeln und Standards sollen allerdings ähnlich denen der EU sein und die gleichen Ziele verfolgen. Brüssel soll anerkennen, dass die britischen Gesetze nicht gleich, aber gleichwertig sind. Firmen von der Insel sollen darum weiter ohne bürokratische Hürden, etwa zusätzliche Genehmigungen, Waren und Dienstleistungen in der EU verkaufen dürfen.

EU-Chefunterhändler Barnier hält freilich nichts von dem Modell. Bleibt Brüssel hart, muss die britische Regierung bis Herbst eine hässliche Frage beantworten: Wie viel wirtschaftlicher Schaden ist akzeptabel, um nach dem Brexit eine möglichst große Unabhängigkeit von EU-Vorgaben zu erreichen? Für welche Antwort eine Mehrheit im Kabinett stimmen würde, ist offen. Vielleicht gibt es auch keine Mehrheit für irgendetwas und stattdessen Neuwahlen. Für Unternehmen sind das beunruhigende Aussichten.

© SZ vom 19.12.2017/mahu
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