Brexit Unkalkulierbares Risiko

Illustration: Stefan Dimitrov

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Die Unsicherheit bleibt weiterhin groß. Das Brexit-Chaos bringt Unternehmen hohe Kosten und Umsatzeinbußen. Experten raten daher zu umfassenden Notfallplänen und zur Vorsicht bei Finanzgeschäften mit britischen Partnern.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Alles bleibt weiterhin offen. Vor nun bereits fast drei Jahren stimmten die Briten mehrheitlich für einen Austritt aus der EU und immer noch ist nichts fix. Durch die Fristverlängerung bis Oktober liegen nach wie vor zwei Optionen am Verhandlungstisch: ein Handelsabkommen oder eben keines und somit der harte Brexit. Reinhold Braun beschreibt die Lage Zehntausender heimischer Unternehmen so: "Mit der Verschiebung auf Oktober werden erneut Monate verstreichen, Probleme nicht gelöst, sondern verschoben. Für uns ergeben sich daraus weiterhin Planungsschwierigkeiten, die zu unkalkulierbaren Mehrkosten führen können", sagt der Geschäftsführer der Firma Sortimo, die im bayrisch-schwäbischen Zusmarshausen beheimatet ist und Fahrzeugeinrichtungen für Handwerker, Logistiker und Kundendienstflotten herstellt.

Es ist ein schwieriges Umfeld, allerdings bleibt den Betrieben somit auch noch Zeit zu handeln. Und diese sollten sie nutzen, denn viele Unternehmen sind offenbar nicht entsprechend vorbereitet. "Unserer Befragung zufolge haben nur 52 Prozent der Unternehmen, die mit Großbritannien wirtschaftlich verbunden sind, einen Notfallplan für den harten Brexit entwickelt. Das ist schon wenig und hat uns dann doch überrascht", sagt Alexander Börsch, Chefökonom von Deloitte Deutschland.

Ohne Abkommen hat Großbritannien den Status eines Drittlandes in den wirtschaftlichen Beziehungen zur EU und das bedeutet im Warenverkehr das Anfallen von Zöllen. Die Höhe ist unklar, Experten rechnen jedoch mit mehreren Milliarden Euro Kosten im Jahr für die deutsche Wirtschaft. Für jedes Produkt, das die Reise über den Ärmelkanal dann antritt, müssen heimische Exporteure eine Ausfuhranmeldung beantragen, Voraussetzung ist eine Zollnummer, die sogenannte EORI. Dieser Abwicklungs- und Verwaltungsaufwand belastet Firmen zusätzlich. "Wir erwarten im Wesentlichen Probleme in der Logistik. Die Speditionskosten werden im Fall eines harten Brexit um fünfzig Prozent steigen und die Lieferzeiten dramatisch verlängert", sagt Michaela Schenk, Geschäftsführerin des Pfaffenhofener Kleiderbügelherstellers Mawa. Vorab haben sich Firmen teure Luftkontingente gesichert, um lange Wartezeiten und einen erhöhten Abwicklungsaufwand am Nadelöhr Eurotunnel und in den Häfen Rotterdam und Calais zu vermeiden.

Die Garantie der Lieferfähigkeit kann zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden, weshalb viele Unternehmen ihre Marktpräsenz schon vor Monaten ausbauten. "Wir konnten bei unseren Kunden in Großbritannien Lager aufbauen und hatten bereits im Februar Waren für ein halbes Jahr geliefert. Dafür mussten wir bei den Konditionen Kompromisse eingehen und die Zahlungsziele verlängern", sagt Schenk. Wenn nötig soll der Lageraufbau bei Händlern und Modeketten in den kommenden Wochen wiederholt werden. Denn Mawa hat entschieden, das Geschäft nicht aufzugeben, dafür ist der britische Markt, der dem Unternehmen zehn Prozent des Europaumsatzes bringt, mit der starken Fashion-Branche zu wichtig. "Das können wir nicht einfach durch ein anderes EU-Land kompensieren", sagt Schenk.

Im Moment läuft im oberbayerischen Pfaffenhofen noch der ganz normale Bestell-Rhythmus. "Aktuell belasten der Aufbau von Lagerkapazität und die erhöhten Logistikkosten den Cashflow. Kommt der harte Brexit, können fehlende Warenlager am Ort unterm Strich die schlechtere Alternative sein", sagt Deloitte-Chefökonom Börsch. Kommt es monatelang zu Abwicklungsproblemen und hoher Kostenbelastung, könnten Lieferungen nach Großbritannien unattraktiv werden und eine Fertigung am Ort die bessere Option sein. Wegen der ungünstigen Kombination aus Einfuhrzöllen und der zu erwartenden Pfund-Abwertung treffe es heimische Exporteure besonders.

Eine Standortentscheidung hängt aber stark von der Branche und dem jeweiligen Geschäft sowie der Nachfrageentwicklung am britischen Binnenmarkt ab. Hier gilt es, mit spitzem Bleistift zu rechnen. Nutzfahrzeugausrichter Sortimo hat im Vorjahr erste Vorkehrungen getroffen und die Standorte Birmingham und Warrington vergrößert. Dort sind aktuell 54 der weltweit 1300 Sortimo-Mitarbeiter beschäftigt, eine Kleinserienfertigung ist möglich. "Wir haben bereits eine lokale Wertschöpfungskette aufgebaut. Aktuell ist die Fertigung am Ort aufgrund der fehlenden Skaleneffekte aber noch teurer als der Import aus Deutschland", sagt Braun. Sobald in London eine Entscheidung vorliegt, werden am deutschen Firmensitz die Weichen entsprechend gestellt. Die Zusatzkosten für Lagerung, Warenabschreibung, Transport und Währungsschwankungen durch die Hängepartie in London summieren sich aktuell auf 100 000 Euro im Monat.

Die großen Unbekannten sind die Entwicklung des Pfund und der Preise deutscher Produkte

Firmen, die Auslandsinvestitionen auch direkt am Ort über Kapitalgeber finanziert haben, müssen wachsam sein. Tatsächlich haben viele große deutsche Konzerne und der gehobene Mittelstand Bankbeziehungen nach London. "Die unsichere Lage und ein möglicher harter Brexit kann sich auf die Kreditvergabe auswirken. Wer sehr stark in Großbritannien engagiert ist, sollte über eine Risikodiversifizierung seiner Finanzschäfte nachdenken", rät Deloitte-Experte Börsch. Zu beachten sind mögliche Änderungen von Vertragsbedingungen bei Finanzgeschäften mit britischen Partnern, die sich ergeben, wenn Firmenkunden künftig von europäischen Niederlassungen aus betreut werden.

Laut Deloitte-Studie haben 21 Prozent der befragten Unternehmen angegeben, eine Umstellung der Unternehmensfinanzierung bezüglich Finanzierungsquellen oder Wechselkursabsicherung bereits vorgenommen zu haben oder in Kürze zu planen. Die großen Unbekannten bezüglich künftiger Geschäfte des Mittelstands mit Großbritannien sind die Entwicklung des Pfund und damit der Preise deutscher Produkte für Kunden. Seit dem Referendum wurde die britische Währung deutlich abgewertet, doch das Risiko eines weiteren Verfalls gegenüber dem Euro ist hoch. Denn ob ein harter Brexit am Markt bereits eingepreist ist, ist unklar. "Den finanziellen Schaden sind wir bereit, mit unseren Kunden zu teilen, und ihnen preislich entgegenzukommen", sagt Mawa-Chefin Schenk. So könne die stark exportorientierte Firma Marktanteile halten, das geplante Wachstum im Falle des harten Brexits allerdings erst zwei bis drei Jahre später erreichen.

Bei Sortimo hat das schwache Pfund zu Preissteigerungen um 40 Prozent in den vergangenen zwei Jahren geführt. "Wir haben Investitionen zurückgestellt und warten ab, wie sich der Markt in Großbritannien entwickelt", sagt Braun, der für 2020 mit erheblichen Rückgängen rechnet.

Die Bremsspur des Brexit zeigt sich bereits jetzt an Zahlen. Großbritannien ist im Ranking der wichtigsten deutschen Exportmärkte binnen zwei Jahren vom dritten auf den fünften Platz abgerutscht. Deloitte-Chefökonom Börsch rät Firmen zu einem umfassenden Notfallplan. "Das Thema muss übergreifend auf allen Ebenen behandelt werden, von den Derivaten bis zum Datenschutz, von der Produktzertifizierung bis zu den IT-Prozessen und vom Pricing bis zur Lieferkette sollten sich Betriebe auf das Worst-Case-Szenario des harten Brexit vorbereiten."