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Brexit und die Folgen:Vergesst die Verlierer des Kapitalismus nicht!

Großbritannien könnte durch den geplanten EU-Austritt erheblichen Schaden nehmen - vor allem dann, wenn es zu jener unheilvollen Kombination aus Rezession und importierter Inflation kommen sollte, die Experten wegen des Kursverfalls des Pfund Sterling vorhersagen.

(Foto: AFP)

Die Menschen spüren, dass Wohlstand kein Naturgesetz ist. Viele Politiker ignorieren diese Ängste - ein großer Fehler.

Als die Auszählung des britischen Referendums in der Nacht zum vergangenen Freitag ihren verhängnisvollen Lauf nahm, ging erst den Börsen der Welt die Luft und dann den Live-Kommentatoren der Online-Dienste das Vokabular aus: Von einem "beispiellosen Kurssturz" war die Rede, von einem weltwirtschaftlichen "Erdbeben", vom "Armageddon" gar. Zwei ganze Handelstage später lässt sich konstatieren: Der angekündigte Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union hat den Weltfinanzmärkten zwar einen Dämpfer verpasst, das jüngste Gericht aber ist wieder einmal ausgeblieben. Alles also wieder einmal nur heiße Luft?

Wer die ökonomischen Folgen jener Volksabstimmung abschätzen will, ohne in Panikmache oder Gesundbeterei zu verfallen, muss verschiedene Ebenen auseinanderhalten. Da ist zunächst einmal Großbritannien selbst, das durch den geplanten EU-Austritt erheblichen Schaden nehmen könnte - vor allem dann, wenn es zu jener unheilvollen Kombination aus Rezession und importierter Inflation kommen sollte, die Experten wegen des Kursverfalls des Pfund Sterling vorhersagen.

Kleinere Kratzer

Umgekehrt sind die Folgen des Votums für den Rest der Welt, Stand heute, überschaubar: Die Euro-Zone wird sicher kleinere Kratzer abbekommen, schon für die USA aber ist etwa die weitere wirtschaftliche Entwicklung in China weitaus bedeutsamer als der Brexit-Beschluss.

Rein ökonomisch gesehen könnte den Partnerregierungen das Eigentor, das die Briten vergangene Woche geschossen haben, also ziemlich wurscht sein - sollte es aber nicht. Denn so sehr das Referendum auch der Wut vieler Bürger über Brüssel, dem Ärger über vermeintlich ignorante Eliten und dem Zorn über eine angeblich verfehlte EU-Flüchtlingspolitik geschuldet sein mag: Es ist auch eine Misstrauenserklärung gegenüber einem Wirtschaftssystem, das noch vor Jahren als historisches Siegermodell galt. Dass diesem Modell nun ausgerechnet die kapitalismuserprobten Briten eine herbe Ohrfeige verpasst haben, muss insbesondere die USA in höchste Alarmbereitschaft versetzen.

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Bis heute hat sich weltweit keine Wirtschaftsform gefunden, die besser als der Kapitalismus in der Lage wäre, ökonomische Ressourcen effizient zu nutzen und Wohlstandsgewinne breit zu verteilen. Gerade die Briten sind Umfragen zufolge mit ihrer persönlichen Wirtschaftslage so zufrieden wie kaum ein anderes Volk.

Und doch spüren die Menschen, dass Wohlstand kein Naturgesetz ist. Dass ein System nicht schon deshalb zukunftsfest sein muss, weil es in der Vergangenheit stabil war. Viele Politiker ignorieren diese Ängste, weil sie sie für irrational halten - und öffnen damit jenen die Tür, die den Menschen einfache Lösungen für komplizierte Probleme versprechen. Die Zäune errichten wollen, obwohl alternde Gesellschaften Zuwanderung brauchen. Die eine Renationalisierung der Wirtschaft predigen, obwohl viele Firmen längst keine nationalen Gebilde mehr sind. Die die Globalisierung revidieren wollen, obwohl dies ebenso unmöglich wie unmoralisch wäre, denn eine Umkehr hieße ja, dass der Westen seinen Reichtum wie früher auf der Armut der übrigen Welt begründet.

Angst und Zorn

Wer die Menschen den Klauen der Demagogen entreißen und ihre Angst in positive Energie verwandeln will, muss zunächst eines tun: öffentlich eingestehen, dass es diese Angst und diesen Zorn überhaupt gibt. Dass die Globalisierung keine uneingeschränkte Erfolgsgeschichte ist, sondern gerade in den Industriestaaten auch Verlierer produziert. Dass Einkommens- und Vermögensungleichheit zwar zum Kern des kapitalistischen Systems gehören, aber nur akzeptabel sind, wenn sie nicht ausufern und jeder Mensch, unabhängig von der Herkunft, die Chance hat, wirtschaftlich sein Glück zu machen.

Erst im zweiten Schritt müssten dann umfassende Reformprogramme in den Industriestaaten folgen: gewaltige Bildungsoffensiven etwa, die Globalisierungsverlierer befähigen, im Inland verbleibende, anspruchsvollere Jobs zu erledigen; Zuwanderungskonzepte, die klare Bedarfe definieren, die sozio-kulturelle Identität zuziehender Menschen respektieren, den Zuwanderern aber zugleich auch ein klares Bekenntnis zum Grundwertekanon in ihren neuen Heimatländern abverlangen; Steuersysteme, die Leistung belohnen, aber Maßlosigkeit endlich begrenzen.

Der Brexit selbst wird, so er tatsächlich kommt, die Weltwirtschaft nicht zum Einsturz bringen. Ignoranz gegenüber seinen Ursachen aber kann das sehr wohl.

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