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Brexit:Riskante Scheidung

Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Ende Juni stimmen die Briten darüber ab, ob das Land in der EU bleiben soll. Ein Austritt würde auch deutsche Firmen treffen. Sie müssten sich auf Jahre voller Ungewissheit einstellen.

Da kommt geballte Lobbymacht zusammen: Mitte April traf sich Großbritanniens Premier David Cameron mit den Chefs von Unternehmerverbänden aus gleich fünf europäischen Staaten. Neben dem britischen Verband CBI nahmen an der illustren Runde Vertreter von Organisationen aus Frankreich, Spanien und den Niederlanden teil - sowie Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Thema war, wie kann es anders sein, der Brexit, der mögliche Austritt des Königreichs aus der Europäischen Union.

Am 23. Juni stimmen die Untertanen Ihrer Majestät darüber ab, ob das Land in der EU bleiben soll. Umfragen sagen ein enges Rennen voraus. Wirtschaftsvertreter in Großbritannien und auf dem Rest des Kontinents sind alarmiert: Würden die Briten in dem Referendum für die Scheidung stimmen, wäre zunächst unklar, welchen Bedingungen Handel und Investitionen über den Ärmelkanal hinweg zukünftig unterliegen. Manager hassen solche Ungewissheit. BDI-Mann Kerber drohte, in dem Fall könnten deutsche Firmen Projekte im Königreich auf die lange Bank schieben. "Unternehmen reagieren auf Unsicherheit, indem sie Investitionen herauszögern oder verringern", sagte er.

Auch die Finanzierung würde schwieriger werden bei einem Brexit

Auch andere deutsche Wirtschaftsverbände wie DIHK oder BDA warnen vor den Folgen einer Trennung für Exporte und Investitionen. Die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman befürchtet, dass ein Sieg der Brexit-Fans im Referendum es deutschen Firmen erschweren würde, am wichtigen Finanzplatz London Geld zu beschaffen. Für Deutschland ist Großbritannien der drittgrößte Handelspartner. Zugleich investieren hiesige Firmen kräftig im Königreich; fast jedes zehnte Pfund an ausländischen Investitionen auf der Insel stammt aus deutschen Konzernkassen. Insgesamt beschäftigen Unternehmen aus der Bundesrepublik 450 000 Mitarbeiter in Großbritannien - von der Deutschen Bahn über RWE, Siemens, BMW oder Aldi bis hin zur Deutschen Bank.

Stimmen die Briten für die Trennung, ändert sich für die Konzerne zunächst nichts. Premier Cameron würde vermutlich abtreten müssen. Der Konservative wirbt anders als Teile seiner eigenen Partei und seines eigenen Kabinetts standhaft für den Verbleib in der EU und wäre bei einer Niederlage politisch schwer beschädigt. Sein Nachfolger würde Brüssel mitteilen, dass das Land austreten will. Artikel 50 des EU-Vertrags beschreibt den Ablauf so einer Scheidung. Demzufolge hätten die Briten zwei Jahre Zeit, sich mit den anderen EU-Staaten auf Regeln für die zukünftigen Beziehungen zu einigen. Da geht es dann auch darum, ob britische Firmen weiter Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt der EU haben und unter welchen Bedingungen Konzerne aus der Union Geschäfte in Großbritannien treiben dürfen.

Am Ende würden sich die Regierungen sicher darauf verständigen, dass Handel und Investitionen ungehindert möglich sein sollen. Alles andere würde der Wirtschaft sowohl im Königreich als auch auf dem Festland sehr schaden. Doch bis diese Verträge besiegelt sind, herrscht lähmende Ungewissheit in den Chefetagen.

In Großbritannien ist diese Lähmung jetzt schon zu spüren: Manager halten sich vor dem Referendum mit Investitionen und Neueinstellungen zurück; das britische Pfund hat kräftig an Wert verloren, weil die Gefahr eines Brexit an den Finanzmärkten ebenfalls Sorgen weckt. Auch der Finanzplatz London, Europas größtes Bankenzentrum, würde unter der Unsicherheit leiden, die ein Sieg der Austritts-Freunde im Juni mit sich brächte. Die Deutsche Bank, die im Königreich 9000 Angestellte beschäftigt, hat bereits eine Arbeitsgruppe eingesetzt zur Frage, welche Abteilungen bei einem Brexit in Euro-Staaten verlagert würden. Die geplante Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange wäre genauso betroffen. Die zwei Börsenbetreiber haben ebenfalls eine Kommission gegründet, welche die Folgen einer Trennung für die Aufgabenverteilung im zusammengeschlossenen Unternehmen diskutiert.

In London betreiben auch viele amerikanische Banken große Niederlassungen. Von der Themse aus bedienen sie Kunden überall in Europa - das könnte nach einem Austritt schwieriger werden, weswegen die US-Konzerne ganz wie die Deutsche Bank Sparten von London in andere Finanzzentren des Kontinents verschieben würden.

Unsicherheit und Turbulenzen an Europas wichtigstem Finanzplatz könnten kredithungrigen deutschen Firmen Probleme bereiten, sagt Finja Carolin Kütz, Chefin der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman in der Bundesrepublik. "Deutsche Unternehmen nutzen den Londoner Kapitalmarktzugang in erheblichem Maße", sagt sie. Stimmen die Briten für den Austritt und würden Banken dann anfangen, Abteilungen zu verlagern, könnten die Finanzkonzerne in London ihre Dienste nicht mehr im gewohnten Umfang anbieten. Schlecht für die Kunden, etwa deutsche Firmen. Diese müssten "zumindest vorübergehend mit deutlich erhöhten Kosten und einem reduzierten Angebot" rechnen, befürchtet Kütz. Finanzzentren in Euro-Staaten, etwa Frankfurt, würden sich kurzfristig schwer damit tun, einzuspringen und den zusätzlichen Bedarf komplett abzudecken, sagt sie. Ihr Ratschlag an Unternehmer: "Es bietet sich an, zu prüfen, inwieweit etwaige Finanzierungen und Absicherungen, die im zweiten Halbjahr 2016 anfallen würden, vorgezogen werden können."

Für Großbritannien und Europa stellt dieses Referendum eine Schicksalsfrage dar. Für Manager bedeutet es vor allem mehr Arbeit.