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Brexit:Zwei Minuten Verzögerung verursachen 27 Kilometer Stau

Müssten Fahrer jedoch demnächst im Hafen anhalten, um Zollpapiere abzugeben oder um Grenzbeamten ihre Ladung zu zeigen, würde der stete Fluss empfindlich gestört; die ewige Lkw-Kolonne geriete ins Stocken. Wenn solche Kontrollen die Abfertigung jedes Lastwagens in Richtung Frankreich nur um zwei Minuten verzögern, wären 27 Kilometer Dauerstau auf den Straßen vor dem Port of Dover die Folge, rechnet das Hafenmanagement vor. "Das ist eine sehr simple Kalkulation", sagt Reardon. "Wir wissen, wie schnell es bisher funktioniert, und wir kennen die Zahl der Laster und der Parkplätze." Auf französischer Seite, in Calais und Dünkirchen, droht ähnliches Chaos.

Dummerweise kann der Port of Dover keine gigantischen neuen Parkplätze bauen, wo Lastwagen warten könnten, bis die Zollformalitäten erledigt sind. Auf der einen Seite ragen die Kreidefelsen hoch, auf der anderen grenzt der Hafen direkt an die Stadt. Ins Meer hineinzubauen, geht ebenfalls nicht: "Das haben wir schon so weit wie möglich gemacht. Noch mehr, und die Fähren könnten nicht mehr richtig manövrieren", sagt der Brexit-Beauftragte. "Deshalb müssen wir den Verkehr unbedingt am Laufen halten, ohne Zollkontrollen. Ich bin zuversichtlich, dass die Regierung das auch verstanden hat", sagt er.

Migrant crisis causes chaos on UK side of tunnel

Lange Haltezeiten sind für die Laster nicht vorgesehen. Als 2015 der Hafen von Calais bestreikt wurde, musste die Polizei die Autobahn M20 als Parkplatz nutzen.

(Foto: Andy Rain/dpa)

Davon konnte der Hafen nicht immer ausgehen. Der frühere Brexit-Minister Dominic Raab, der vor zwei Wochen aus Protest gegen das umstrittene Austrittsabkommen hinschmiss, hatte kurz vor dem Abdanken ungläubiges Entsetzen ausgelöst: Der Brexit-Fan hatte auf einer Tagung gesagt, ihm sei gar nicht klar gewesen, wie sehr das Königreich auf reibungslose Im- und Exporte in Dover angewiesen ist. Schön, dass der zuständige Minister dazu- gelernt hat. Und das, obwohl er Dover während seiner Amtszeit nie besucht hat.

Viele Unternehmen bereiten sich notdürftig auf das schlimmste Szenario vor: auf Stillstand in den Häfen und verzögerte Lieferungen, sollte das Königreich die EU ohne Scheidungsvertrag verlassen. Die Firmen mieten zusätzliche Lager an und horten Vorräte. Der Chef des Verbands der britischen Lebensmittelindustrie FDF warnte in dieser Woche bei einer Parlamentsanhörung, Platz in Kühlhäusern sei inzwischen komplett ausgebucht.

Der Autokonzern BMW wiederum zieht im Oxforder Werk seiner Tochtermarke Mini die Sommerpause auf Ende März vor, den Brexit-Termin. Verstopfte Häfen würden die Autobranche besonders heftig treffen. Jeden Tag bringen mehr als 1100 Lastwagen Zulieferteile vom europäischen Festland in die britischen Fabriken. Deren kostengünstiges Just-in-time-Produktionsmodell funktioniert nicht mehr, wenn wegen Zollkontrollen Staus und Verspätungen drohen.

Die Regierung befürchtet, dass Nahrungsmittel und Medikamente knapp werden

Einen Vorgeschmack gab es im Sommer 2015, als streikende Arbeiter den Hafen von Calais lahmlegten. Weil sich die Laster in Dover zurückstauten, verwandelte die Polizei die Autobahn M20, die von London zu dem Hafen führt, in einen Lkw-Parkplatz. Gut 4600 Laster warteten dort zwischenzeitlich. Sollte nach einem ungeregelten Brexit Chaos herrschen, will die Regierung wieder Lastwagen auf Autobahnen stehen lassen. Der Plan trägt den schönen Namen "Operation Brock"; Bauarbeiter begannen bereits damit, die M20 und die benachbarte M26 für diese schnöde Zweckentfremdung zu präparieren.

London erwägt zudem, Frachtschiffe zu chartern, damit Nahrungs- und Arzneimittel nicht knapp werden. Die Schiffe sollen mit ihrer wertvollen Ladung andere britische Häfen ansteuern. Das Verkehrsministerium will Millionen in den Ausbau solcher Häfen investieren.

Diese Bemühungen wirken allerdings eher hilflos bis verzweifelt: Die schwimmende Autobahn zwischen Calais und Dover ist unersetzlich. "Die anderen Häfen haben ja bei Zollkontrollen ähnliche Probleme wie wir", sagt Brexit-Beauftragter Reardon. Schiffe umzuleiten würde außerdem die Reisezeit deutlich erhöhen. Von Calais nach Dover braucht eine Fähre nur 90 Minuten. Sie kann an einem Tag viermal hin- und zurückfahren, also achtmal Lastwagen transportieren. Zu anderen britischen Häfen wären die Schiffe viel länger unterwegs - und damit weniger häufig.

Die Regierung verspricht deswegen, in Dover keine Zollkontrollen für Laster aus der EU einzuführen, selbst wenn sie das nach einem Austritt ohne Vertrag eigentlich müsste. Die Gefahr von Chaos bannt das aber nicht, denn Paris will Gleiches für britische Lastwagen bisher nicht garantieren. Verlassen die Briten die EU ohne Abkommen, gelten für Ein- und Ausfuhren die Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Die sehen etwa Zölle von zehn Prozent auf Autos und 35 Prozent auf Milchprodukte vor. Frankreich müsste im Namen der EU sicherstellen, dass die Abgaben tatsächlich gezahlt werden. Ähnliches käme auf Irland zu, an der Landgrenze mit dem britischen Nordirland.

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