Brexit Fetter Fang

Fischer in Travemünde bereiten ihre Netze vor. Deutsche Boote fangen viel in britischen Gewässern.

(Foto: Marcus Brandt/dpa)

Britische Fischer stimmten mit großer Mehrheit für den Austritt. Sie hoffen, dann mehr aus der See holen zu dürfen - zulasten der EU-Rivalen. Die Verhandlungen werden knallhart.

Von Björn Finke, Lerwick

Im Hafen liegen an diesem Tag nur wenige Fischerboote. Eines fällt auf, wegen der roten Lackierung des Rumpfes und der schieren Größe: Die Research ist eins der neuesten und mit 80 Metern längsten Schiffe in der Fischereiflotte der Shetlandinseln. Die Gewässer um den schottischen Nordsee-Archipel sind fischreich; Lerwick, die Inselhauptstadt, ist der zweitwichtigste Fischereihafen des Vereinigten Königreichs. Gary Williamson, Kapitän und Miteigentümer der Research, führt über das Schiff. Er zeigt die mächtigen Trommeln am Heck, auf denen die Netze aufgewickelt sind. Und das Rohr, mit dem Makrelen, Heringe und Blauer Wittling aus dem Netz in Tanks gesaugt werden. Die gekühlten Tanks können 2400 Tonnen Fisch aufnehmen. Den Fang bringt die 15-köpfige Crew dann zu Fischfabriken in Lerwick oder Norwegen.

Oben auf der geräumigen Brücke sind auf Monitoren Sonarbilder zu sehen, mit denen Williamson Schwärme aufspürt. Daneben zeigt eine Karte auf einem Bildschirm, wo die Research unterwegs war. Das Schiff, das im vorigen Herbst seinen Dienst antrat, fängt meist rund um die Shetlandinseln. "Wir könnten weit weg fahren, aber wir machen es nicht. Schließlich sind die besten Fischgründe hier bei uns", sagt der 59-Jährige.

Die Research hat umgerechnet 35 Millionen Euro gekostet. Doch jetzt ist dieses teure Investment am Hafen vertäut und darf keine Schwärme aufsaugen, denn Williamson hat seine Quote ausgeschöpft. "Wir sind nur zwei Monate im Jahr auf See", klagt er. Die EU teilt die Fangquoten für jede Fischart zwischen den Mitgliedstaaten auf, und die Regierungen weisen dann den örtlichen Fischern Kontingente zu. Das System soll verhindern, dass zu viel Fisch aus dem Meer geholt wird. Die meisten Fischer in Europa sind allerdings auf die sogenannte Gemeinsame Fischereipolitik schlecht zu sprechen. In Großbritannien führte der Unmut dazu, dass Fischereigemeinden im EU-Referendum mit satter Mehrheit für den Brexit stimmten.

Die Fischer hoffen, dass sie nach dem Austritt mehr fangen dürfen. "Höhere Quoten könnten wir gut gebrauchen", sagt Research-Skipper Williamson. Doch ob es dazu kommt, hängt von den Verhandlungen zwischen London und Brüssel ab. Das Ergebnis könnte dramatische Folgen für Fischer in den verbleibenden EU-Staaten haben: Sie sollen nach dem Willen ihrer britischen Rivalen in den fischreichen Gewässern des Vereinigten Königreichs weniger fangen dürfen. Bislang holen etwa deutsche Hochseefischer ihren kompletten Nordsee-Heringsfang aus britischem Seegebiet. Dieses Modell ist bedroht.

Nahe dem Hafen von Lerwick sitzt Simon Collins in seinem Büro und schaut auf eine Landkarte des Vereinigten Königreichs. Collins ist Chef des Fischereiverbandes der Shetlandinseln. Die Karte an der Wand zeigt Wahlkreise, und bei vielen hängt ein Foto des Parlamentsabgeordneten daneben. "Das sind Politiker, in deren Wahlkreis es Fischer gibt. Wir sprechen mit denen über den Brexit", sagt der Lobbyist. "Wirtschaftlich betrachtet sind Fischer nur ein Tropfen im Ozean, aber wegen der knappen Mehrheit der Regierung im Parlament haben wir bislang viel politischen Einfluss." Schließlich könnten konservative Abgeordnete, für deren Wähler Fischfang wichtig ist, ihrer Regierung die Gefolgschaft verweigern, wenn die Interessen der Branche nicht gewahrt blieben.

Ökonomisch ist die Fischerei tatsächlich unbedeutend. Inklusive Fischverarbeitung steht die Branche bloß für ein Promille - für exakt 0,12 Prozent - der Wirtschaftsleistung des Königreichs; auf gut 6000 Booten fahren weniger als 12 000 Fischer. Vor 70 Jahren gab es mehr als viermal so viele Fischer. Und dieser stark geschrumpfte Wirtschaftszweig fühlt sich seit Jahrzehnten von der EU benachteiligt.

Die Gemeinsame Fischereipolitik bestimmt, dass Boote überall in EU-Gewässern fangen dürfen, bis sie ihre Quote ausgeschöpft haben. Britische Fischer wie Research-Kapitän Williamson können in belgischen Gewässern ihre Netze ins Wasser lassen, deutsche Hochseefischer in britischen. Da es jedoch in den Gewässern des Königreichs so viel Fisch gibt, steuern nur wenige britische Schiffe ausländische Seegebiete an. Umgekehrt suchen zahlreiche Ausländer in britischen Gewässern ihr Glück. Und nach Ansicht der britischen Branche erhält das fischreiche Großbritannien von Brüssel viel zu niedrige Quoten zugeteilt - und andere Staaten mit unattraktiven Gewässern zu hohe.

Das Ergebnis: "Von der erlaubten EU-Fangmenge in britischen Gewässern werden nur 39 Prozent von heimischen Schiffen geholt, 61 Prozent von Schiffen aus anderen EU-Staaten", klagt Lobbyist Collins. Außerdem sind die Fischer unzufrieden damit, wie Brüssel mit Staaten wie den Färöer-Inseln verhandelt. Nach Meinung von Collins gewährt die EU solchen Nicht-Mitgliedern zu bereitwillig Zugang zu EU-Beständen - zum Schaden der hiesigen Branche. Dann holt Collins ein kleines Stück Fischernetz hervor und legt es auf den Schreibtisch. "Über die Größe und Breite der Öffnungen wird zentral in Brüssel entschieden", sagt er. "Das ist verrückt." Fischer vor Ort wüssten besser, was zum Schutz ihrer Bestände nötig sei.

Wegen all dieses Ärgers über Quoten und Bürokratie hätten die Fischer im Königreich für den Brexit votiert, sagt er: "Die Fischer sind nicht gegen die EU, aber gegen die Gemeinsame Fischereipolitik." Für die Zeit nach dem Austritt sieht die Branche Norwegen als Vorbild an. Der skandinavische Staat ist eng an die EU angebunden, unterliegt jedoch nicht Brüssels Fischereipolitik. Trotzdem dürfen Boote aus der EU in norwegischen Gewässern fischen und umgekehrt. Über die erlaubten Fangmengen verhandeln Brüssel und Norwegen jedes Jahr. So sollten in Zukunft London und die EU verfahren, sagt Collins. Und die Fangquoten sollten schrittweise angepasst werden, um stärker widerzuspiegeln, welches Land die reichsten Fischgründe hat. "Sind 80 Prozent der Bestände einer Fischart in britischen Gewässern, sollten unsere Fischer auf lange Sicht 80 Prozent der Quoten bekommen."

Die britische Regierung und die EU beginnen Gespräche über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen erst dann, wenn das Königreich die Union geordnet verlassen hat. Fischerei könnte zu den schwierigsten Themen gehören. Schließlich bedeutet jeder Zugewinn für britische Fischer Verluste für die Konkurrenten in verbleibenden EU-Staaten. Ein Druckmittel Brüssels könnte sein, britischen Fisch mit Zöllen zu belegen, sollte das Königreich Schiffe aus EU-Staaten nicht mehr in gewohntem Umfang in seinen Gewässern fischen lassen.

Großbritannien führt mehr Fisch in die EU aus, als das Land von dort bezieht. Collins sagt allerdings, für Fischer sei die Belastung durch mögliche Zölle klein, verglichen etwa mit Treibstoffkosten. Und manche teure Fischarten gebe es fast ausschließlich in britischen Gewässern. Verbraucher in EU-Staaten würden sie auch nach Einführung von Zöllen weiter im Königreich kaufen, hofft er. "Aber niemand will Zölle, wenn sie sich vermeiden lassen."

Misslich aus Sicht der Branche: London könnte die fischreichen Gewässer als Verhandlungsmasse nutzen. Die britische Regierung könnte EU-Schiffen weiter üppigen Zugang gewähren, sollte Brüssel im Gegenzug Zugeständnisse in anderen Bereichen machen, etwa für die wichtige Finanzindustrie im Königreich. Collins räumt ein, dass diese Gefahr durchaus besteht. Research-Skipper Williamson teilt die Sorge: "Man weiß nie, was diese Politiker tun." Treffen die Befürchtungen ein, würde sein teures 80-Meter-Schiff auch in Zukunft viele Monate im Hafen liegen müssen, anstatt Schwärme aufzusaugen.