bedeckt München 29°

Brexit:Das Pfund, eine machtlose Währung

A worker shelters from the rain as he passes the London Stock Exchange in the City of London

Lange galt London als das europäische Finanz-Tor zur Welt. Damit dürfte bald Schluss sein.

(Foto: Toby Melville/Reuters)

Ihre Währung war einst der Stolz der Briten, jetzt aber ist das Pfund abgestürzt wie noch nie. Manche Börsianer sagen: "Das hier ist schlimmer als Lehman".

In den Hochhäusern in der Square Mile, dem alten Bankenviertel, und in Canary Wharf, dem neuen Finanzviertel an der Themse, scheint auch in gewöhnlichen Nächten aus beunruhigend vielen Fenstern fahles Licht. Doch in den Stunden nach dem Referendum war es noch heller als sonst. Die Finanzinstitute hatten sehr viele Händler dazu verdonnert, Wache zu halten. Schließlich würden die Märkte auf die Hochrechnungen reagieren, das war klar.

Nicht klar war, wie heftig die Reaktion ausfallen würde: Das Pfund stürzte auf den tiefsten Stand seit drei Jahrzehnten, die Börsen in Japan und Europa brachen ein, in Frankfurt sagt später ein Händler: "Das hier ist schlimmer als Lehman." Schlimmer also als das Beben im September 2008, als die Finanzkrise begann.

Kurzzeitig stieg der Wert des Pfund auf 1,50 Dollar - dann brach er ein

Die Banken in London bereiteten sich auf die Brexit-Nacht sorgsam vor. Der US-Konzern JP Morgan buchte Cateringfirmen und Hotelzimmer in der Nähe seines Glasturms in Canary Wharf. Die Royal Bank of Scotland (RBS) setzte bei der Verpflegung schnöde auf einen Nachbarn: "Auf der anderen Straßenseite ist bei uns ein 24-Stunden-McDonald's", sagte RBS-Volkswirt Ross Walker. Auch der Betreiber des Stromnetzes, National Grid, stellte sich auf diese Schicksalsnacht ein: Banker, die durcharbeiten, viele Briten vor dem Fernseher - das Unternehmen orderte bei den Kraftwerken extra viel Strom.

Wie nervenaufreibend die Nacht werden würde, ahnte aber kaum jemand. Nach Schließung der Wahllokale berichteten Fernsehsender, dass das Pro-EU-Lager Umfragen zufolge vorne liegt. Auf den Wahlpartys jubelten die Austritts-Gegner, und an den Devisenmärkten gewann das Pfund an Wert - es stieg auf den höchsten Kurs seit neun Monaten, kurz vor Mitternacht kostete es 1,50 Dollar.

Doch als die ersten Ergebnisse aus den Wahlkreisen eingingen, brach das Pfund ein - um zwei Uhr früh kostete es nur noch 1,45 Dollar. Als die Sonne schließlich aufging, an einem strahlend schönen Morgen, und klar war: Die Briten haben mit Nein gestimmt, da war der Kurs auf 1,33 Dollar gefallen - was für ein historischer Absturz.

Das Pfund symbolisierte einst die Macht des britischen Empire

Das Pfund ist - oder muss man sagen: es war? - so etwas wie die Währung der Währungen. Es ist das bei Weitem älteste noch im Gebrauch befindliche Zahlungsmittel. Einst symbolisierte es die Macht des britischen Empire. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden die meisten internationalen Finanzgeschäfte damit abgewickelt. Seit dem Zweiten Weltkrieg spiegelte sich der schmerzhafte Abschied vom Weltreich und die Suche nach einer neuen Identität in einer langen Reihe von Pfundkrisen, von denen die vermutlich schwerste am Freitagmorgen begonnen hat.