Brexit Angst vor Halloween

Ein Arbeiter im englischen Vauxhall-Werk schraubt an einem Opel.

(Foto: Chris Ratcliffe/Bloomberg)

Boris Johnson gegen die Wirtschaft: Obwohl Chaos droht, nimmt der Kandidat für das Premierministeramt einen ungeregelten Brexit in Kauf. Die Autobranche ist schockiert

Von Björn Finke, London

Der Kandidat gab sich am Dienstag geschichtsbewusst: "Es wäre sehr bizarr", würde die EU nach einem ungeregelten Brexit Zölle auf britische Exporte einführen, sagte Boris Johnson in einem Radio-Interview. Das käme der Blockade des Königreichs durch den französischen Kaiser Napoleon im 19. Jahrhundert gleich, schwadronierte der Konservative, der als Favorit für die Nachfolge von Premierministerin Theresa May gilt. Doch leider sehen Fachleute genau das als unvermeidlich an. Verlassen die Briten die EU am 31. Oktober ohne gültiges Austrittsabkommen, gibt es für Brüssel schlicht keine rechtliche Grundlage, auf Zölle zu verzichten. Trotzdem hält der 55-jährige Brexit-Vorkämpfer an seinem Versprechen fest, das Land als Premier auch ohne Abkommen aus der EU zu führen, wenn Brüssel sich gegen Änderungen bei dem ungeliebten Scheidungsvertrag sperrt.

Für die britische Wirtschaft sind das alarmierende Aussichten. Zu den wichtigsten Exportbranchen gehört die Autoindustrie; das Königreich ist viertgrößter Fahrzeugproduzent Europas. Der Branchenverband SMMT hatte am Dienstag zu einer Tagung nach London geladen. Verbandschef Mike Hawes sagte dort, No Deal, ein Austritt ohne Vertrag, sei gefährlich: "Die erste Aufgabe des neuen Premiers muss es sein, einen Deal abzuschließen, der weiter reibungslosen Handel ermöglicht, denn für unsere Branche ist No Deal keine Option."

Die Mitglieder der Konservativen Partei wählen bis zum 22. Juli den neuen Partei- und Regierungschef, einen Tag später wird der Sieger verkündet. Für den bleibt dann nicht viel Zeit, um bis zum Austrittstermin mit Brüssel Änderungen beim Brexit-Vertrag zu verhandeln. Zumal die EU das Abkommen bislang ohnehin nicht aufschnüren will. Bittet der Premier nicht um eine weitere Verschiebung, würde das Königreich Ende Oktober, passenderweise zum Gruseltag Halloween, die EU ungeregelt verlassen. Die vereinbarte Übergangsphase, in der sich wenig ändern soll, fiele weg. Stattdessen würden sofort Zölle und Zollkontrollen eingeführt.

Ein No-Deal-Brexit wäre ein K.O.-Schlag, klagt der Verband der Autoindustrie

Die Häfen am Festland und in Großbritannien, etwa in Calais und Dover, sind aber nur schlecht darauf vorbereitet, demnächst als Zollgrenze zwischen der EU und der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt zu dienen. Es drohen Chaos und Staus. Das wäre besonders misslich für die britische Autoindustrie. Die Werke halten nur Teile für wenige Produktionsstunden vorrätig und sind auf steten Nachschub vom Festland angewiesen. Jeden Tag bringen mehr als 1100 Lastwagen Bauteile aus EU-Staaten in die Autofabriken des Königreichs. Nach Berechnungen des Branchenverbands kostet jede Minute Produktionsausfall wegen verspäteter Teile die Industrie 50 000 Pfund.

Die EU ist zudem der wichtigste Exportmarkt; die Werke liefern gut 40 Prozent ihrer Fahrzeuge in andere europäische Staaten. In Deutschland ist das meistverkaufte Auto aus britischer Produktion der Opel Astra. Ohne Abkommen und Übergangsphase würden Geschäfte über den Ärmelkanal den Regeln der Welthandelsorganisation WTO unterliegen. Und die sehen Zölle von zehn Prozent auf Autos vor - viel Geld in einer Industrie mit schmalen Margen. Daher wäre ein No-Deal-Brexit ein "K.O.-Schlag für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche", klagt der Verband.

Cheflobbyist Hawes sagt, dass bereits die Angst vor solch einem Desaster und die anhaltende Ungewissheit die Industrie belaste. So investierten die Branchenunternehmen im vergangenen Jahr nur 589 Millionen Pfund auf der Insel, fast die Hälfte weniger als 2017. Im Jahr 2015 hatten die Konzerne noch 2,5 Milliarden Pfund in ihre Standorte im Vereinigten Königreich gesteckt.

Lange schrieb der Wirtschaftszweig eine der wenigen Erfolgsgeschichten in der britischen Industrie. Doch zuletzt häuften sich schlechte Nachrichten. So verkündeten Honda und Ford, Fabriken auf der Insel zu schließen, und Jaguar Land Rover will 4500 Jobs kappen. Als Grund dafür wurde jeweils nicht der Brexit genannt, sondern andere Probleme, aber es darf als sicher gelten, dass die Unsicherheit über die künftigen Beziehungen zur EU britischen Werken schadet im internen Wettbewerb mit anderen Fabriken ihrer Konzerne.

Und nicht nur die Auto-Industrie leidet unter der ewigen Ungewissheit. Carolyn Fairbairn, Chefin des größten Unternehmerverbands CBI, sagt, viele Mitgliedsfirmen verlören wegen der unklaren Lage schon ausländische Kunden. Zudem würden die Notfallpläne für einen ungeregelten Austritt mit Chaos und Staus Geld kosten, Betriebe würden etwa ihre Lager aufstocken. Fairbairn widerspricht auch der These, dass das Gerede über einen No-Deal-Brexit Brüssel zu Zugeständnissen bewegen könnte: "Es ist ein wenig so wie zu sagen: Wenn du nicht tust, was ich will, schieße ich mir in den Fuß."

Premierminister-Kandidat Boris Johnson hat aber bereits vor einem Jahr deutlich gemacht, was er von derlei Bedenkenträgern hält. Er wurde auf einem Empfang gefragt, wie er auf die Brexit-Sorgen der Wirtschaft reagiere. Der Konservative sagte schlicht: "Fuck business." Auf deutsch heißt das - sehr frei übersetzt -, dass er Äußerungen von Unternehmensvertretern nicht allzu wichtig nimmt.