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SZ-Wirtschaftsgipfel:Abflug in den Brexit - aber ohne klares Ziel

BERLIN: WIRTSCHAFTSGIPFEL Hotel Adlon

In nachdenklicher Haltung: Simon Brewer von Vantage Investment Advisory (links) und der schottische Politiker Michael Russel.

(Foto: Johannes Simon)

Die Briten wissen nicht, wie der Brexit ablaufen soll. Der Streit in Großbritannien über den richtigen Weg ist auch ein Risiko für die Weltwirtschaft.

Wenigstens das. Der ganz große Einbruch kam bisher nicht. Der Beschluss der Briten, die Europäische Union zu verlassen, hat bisher weder die britische Wirtschaft noch die der EU in eine tiefe Krise geführt. Dennoch sind auch bereits Bremsspuren erkennbar, die mit dem Referendum vom 23. Juni ihren Anfang nahmen: Die Briten haben stärker zu leiden als die Kontinentaleuropäer. Ihre Währung hat seit dem Referendum gegenüber dem Euro um mehr als zehn Prozent an Wert eingebüßt. Aber gegenüber dem Dollar hat das Pfund seitdem 16 Prozent verloren. Das freut die britischen Exporteure. Dagegen erleiden die Konsumenten bereits einen Verlust an Wohlstand, weil importierte Güter teurer werden. Meldungen über die anziehende Inflation machen die Runde.

Trotzdem gibt es noch immer eine diffuse Debatte über die Folgen der britischen Volksentscheidung. Auf dem Management-Kongress der SZ im Berliner Adlon-Hotel war die Kluft über den Brexit zu spüren. Der Londoner Investmentmanager Simon Brewer von der Finanzgesellschaft Vantage erklärte eher vage: "Es wird schon irgendwie funktionieren." Der Münchner Dienstleistungsunternehmer Eberhard Sasse glaubt dagegen, der Brexit werde "ein Albtraum für die deutsche Wirtschaft". Der schottische Brexit-Minister Michael Russel hält den Ausstieg des Vereinigten Königreichs schlicht für "dumm". Er könne sich für Schottland "keine Regelung vorstellen, die besser ist als die Mitgliedschaft in der EU".

Auch die Regierung in London ist fünf Monate nach dem britischen Volksentscheid nicht weitergekommen. Sie hat bisher keine klare Ausstiegsstrategie vorgelegt und trägt zur weiteren Verunsicherung auf der Insel wie auf dem Kontinent bei. Die neue Premierministerin Theresa May musste dieser Tage sogar lautstark dementieren, dass sie keinen Plan habe für den Brexit-Kurs. "Wir haben einen Plan", sagte eine Regierungssprecherin trotzig. Noch immer sieht es so aus, als wären die Briten am 23. Juni mit ihrem Brexit-Beschluss in ein Flugzeug gestiegen, das gestartet ist, dessen Ziel aber noch immer nicht klar ist.

Inzwischen wachsen auf der Insel die Sorgen. Der schottische Brexit-Minister Russell fürchtet, dass mit dem Ende der Freizügigkeit in der EU auch die Versorgung der schottischen Wirtschaft mit qualifizierten Arbeitskräften aus der EU nicht mehr funktionieren werde. "Ich wünsche mir für Schottland eine dynamische Wirtschaft mit jungen Leuten aus dem Ausland", sagt er. Der deutsche Unternehmer Sasse, der selbst in Großbritannien 1400 Mitarbeiter hat, prognostiziert: Wenn die Millionen EU-Ausländer in ihre Heimatländer zurück müssten, "fällt die britische Dienstleistungsindustrie in ein Loch".

Der Brexit-Fan Brewer winkt ab, alles halb so wild, ist seine Meinung. Es könne gut sein, dass die Unsicherheit nach dem Sieg des Brexit-Lagers der Wirtschaft Schaden zufüge. "Es können Jobs verloren gehen", sagt der Finanzmann. Doch den Wählern sei anderes wichtiger gewesen, nämlich, dass sich Brüssel zu stark in die nationalen Belange der Briten eingemischt habe. London werde mit Sicherheit Europas wichtigster Finanzplatz bleiben.

Die Unwägbarkeiten aber sind dem schottischen Brexit-Minister viel zu groß und er deutet an, dass die Schotten der Regierung in London schwere Zeiten bescheren werden. Sie wollen unter allen Umständen im Binnenmarkt der EU bleiben. Doch das ist nach den Regularien der EU nach dem Austritt nicht möglich. Im Binnenmarkt zu bleiben, sei "der einzige Weg um sicherzustellen, dass schottische Unternehmen nicht vor Handelsschranken zu einem Markt mit 500 Millionen Menschen stehen werden und um sich vor dem Verlust Tausender Arbeitsplätze zu bewahren".

Die Schotten denken daher über eine neue Volksabstimmung über das Ausscheiden aus dem United Kingdom nach, das seit über 300 Jahren besteht. 2014 war der Plan, das UK zu verlassen, noch mit einem Stimmenanteil von 55 Prozent abgelehnt worden. Für Londons Premierministerin May ist die Brexit-Frage daher auch verbunden mit dem Risiko, das Vereinigte Königreich zu sprengen.

Die Unübersichtlichkeit der Brexit-Folgen ist nicht nur für die Briten schwierig. Die gesamte Weltwirtschaft ist von der Hängepartie betroffen. Der Internationale Währungsfonds traut deshalb der Weltwirtschaft im Moment keine großen Sprünge mehr zu. "Der aktuelle Ausblick bleibt gedämpft", erklärte der IWF im neuen "World Economic Outlook". Die Entwicklung in den USA und der Brexit drücken demnach auf das weltweite Wachstum.

Die Brexit-Entscheidung bewertet der Fonds als Teil einer globalen Bewegung zugunsten wirtschaftlicher Abschottung. Beim Handel "die Uhr zurückzudrehen" würde aber "die derzeitige Flaute der Weltwirtschaft nur verstärken und vertiefen". Trotz dieser Risiken halten die Washingtoner Experten an ihren Prognosen für das globale Wachstum fest. Wie bereits in einer Schätzung vom Juli sagen sie ein Wachstum der Weltwirtschaft im laufenden Jahr um 3,1 Prozent und im kommenden Jahr um 3,4 Prozent voraus.

Für die USA zeigte sich der IWF dagegen skeptischer als noch im Juli. Der Fonds senkte seine Wachstumsprognose für die größte Volkswirtschaft der Welt für 2016 auf 1,6 von 2,2 Prozent und für 2017 auf 2,2 von 2,5 Prozent. "Das US-Wachstum hat 2016 enttäuscht", sagte IWF-Chefökonom Maurice Obstfeld. Wie es weitergeht hängt davon ab, welche Lösung Theresa May für den Brexit hat. Die Verhandlungen zum Ausstieg sollen "spätestens Ende März beginnen", sagt sie. Sie werden zwei Jahre dauern.

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