Großbritannien:Schweine retten

Boris Johnson Campaigns For Leadership Of The The Conservative Party In Yorkshire

Es geht um die Wurst für Boris Johnson.

(Foto: Pool/Getty Images)

Weil in Großbritannien Metzger fehlen, werden geschlachtete Tiere in die EU exportiert, um sie dort verarbeiten zu lassen. Danach kommt das Fleisch wieder zurück ins Vereinigte Königreich.

Von Alexander Mühlauer, London

Es ist nicht so, dass die britische Regierung nichts tun würde, aber so schnell lässt sich mancher Engpass eben nicht beheben. Weil es im Vereinigten Königreich zu wenige Metzger gibt, wurden im Oktober 800 Arbeitsvisa ausgelobt, doch noch immer werden Schweine entsorgt, weil sie nicht geschlachtet werden können. Um das Elend zu beenden, haben britische Fleischproduzenten nun damit begonnen, Schlachtkörper, also geschlachtete Tiere in die EU zu exportieren. Dort werden diese dann verarbeitet und verpackt, bevor sie wieder zurück nach Großbritannien kommen.

Es mag absurd klingen, aber anders weiß sich die fleischverarbeitende Industrie im Königreich nicht mehr zu helfen. Deren Verbandschef sagte kürzlich der Financial Times, dass Fleisch aus Großbritannien nach Irland und wohl bald auch in die Niederlande transportiert wird. Er geht davon aus, dass eine Million britische Schweine auf diese Weise verarbeitet werden.

Der Metzger-Mangel ist einer von vielen Mängeln, die das Vereinigte Königreich derzeit erlebt. Shortage ist das Wort der Stunde, auf Deutsch: Engpass. Es gibt in Großbritannien ziemlich viele Engpässe in vielen verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens, manche davon spürt man deutlicher, andere weniger. Der Brexit? Hat damit nichts zu tun, behaupten Premier Boris Johnson und seine Regierung.

Doch wie erklärt sich dann der Engpass bei den Fleischern? Nach Angaben der British Meat Processors Association fehlen im Königreich zwischen 10 000 und 12 000 Schlachter. In der Branche werden vor allem zwei Gründe genannt: Brexit und Corona. Etwa 200 000 EU-Bürger verließen allein im vergangenen Jahr das Vereinigte Königreich, darunter viele, die aus Osteuropa stammen. Nach dem Brexit ist es für sie sehr viel schwieriger geworden, in Großbritannien zu arbeiten.

Wer das als EU-Bürger tun will, braucht nun ein Visum. Der Prozess ist allerdings kompliziert und dauert einige Zeit, sodass die meisten Metzger aus dem Ausland wohl nicht vor Ende November zu arbeiten beginnen können. Unklar ist auch, wie viele Fleischer überhaupt ins Vereinigte Königreich kommen wollen, denn die Visa sind für sechs Monate befristet. Danach sollen die Metzger wieder in ihre Heimat.

Aus Sicht der Industrie ist das keine langfristige Lösung. Und so dürfte der Export von Schlachtkörpern nach Irland erst der Anfang sein, auch wenn das Ganze viel Geld kostet. Nach Angaben des Verbands der fleischverarbeitenden Industrie belaufen sich die zusätzlichen Kosten pro Lkw-Ladung auf 1500 Pfund (umgerechnet etwa 1750 Euro). Darin enthalten sind der Transport sowie die Gebühren für die brexitbedingten Kontrollen an der EU-Grenze.

Bislang wird britisches Fleisch nur bei der Ausfuhr in die Europäische Union kontrolliert. Bei der Wiedereinfuhr ins Vereinigte Königreich gibt es keine aufwendigen Überprüfungen, jedenfalls noch nicht. Erst von Januar an sollen britische Zollbeamte die Importe aus der EU genau kontrollieren. Gut möglich, dass es dann noch länger dauert, bis britische Schweinenackensteaks in britischen Supermärkten landen.

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