Süddeutsche Zeitung

Breitbandausbau:Eine Genossenschaft fürs schnelle Internet

Der Ausbau von modernen Glasfasernetzen stockt, weil er sich für die großen Netzanbieter nicht lohnt. In Hagen nehmen Unternehmer die Sache nun selbst in die Hand.

Michael Hösterey könnte die Steuererklärungen seiner Kunden von jedem Ort der Welt aus machen. Buchhaltung, das ist für ihn kein Handtieren mehr mit zerknüllten Belegen, sondern mit Bits und Bytes. Aber wenn sich der Steuerberater aus Hagen mit anderen Unternehmern in seiner Stadt unterhält, dann ahnt er, wie weit die Wirklichkeit zumeist noch hinter den technischen Möglichkeiten hinterherhinkt.

Im Gewerbegebiet der westfälischen Stadt, erzählt er, erinnern die Internetanschlüsse an die Zeiten der piepsenden Modems. In den Lagerhallen laufen die Mitarbeiter nur selten mit einem Scanner herum, um Waren zu erfassen, sondern greifen meist zum Klemmbrett. "Die Unternehmen arrangieren sich mit dem, was da ist", sagt Hösterey. "Viele wissen gar nicht, was alles möglich ist, weil sie es noch nie erfahren haben." Darin sieht er die größte Gefahr: Wer keine stabile, sichere und schnelle Internetverbindung hat, verliert den Anschluss Weil er nicht so schnell ist wie die Konkurrenten. Weil er Kunden manches, was diese erwarten, nicht bieten kann.

Deshalb hat Hösterey neben seinem Job in der Kanzlei kürzlich noch einen zweiten angenommen. Er ist Geschäftsführer einer Genossenschaft, die das schnelle Internet ins Gewerbegebiet bringen will. Er findet, dass eine so wichtige Infrastruktur in die Hand von Bürgern gehört. Nun muss er allerdings die Bürger finden, die ebenso wie er anpacken wollen.

Über die Frage, wie Deutschland den Netzausbau stemmt, wird viel diskutiert. Hier gibt es weniger staatliche Subventionen für den Netzausbau als in Südkorea, auch weniger Steueranreize für Bauherren, die Glasfaserkabel verlegen, wie etwa in Skandinavien. Der Netzausbau ist Sache der Netzanbieter - und die gehen nur da hin, wo sich die Sache lohnt.

Ans Gewerbegebiet von Hagen, so sagt Hösterey, hat sich niemand gewagt. 250 Firmen gibt es dort - und damit 250 mögliche Kunden für einen Internetanschluss. Doch das Gebiet ist weitläufig. Es sind vor allem die Kosten für die Verlegung der Kabel, die den Netzausbau so teuer machen. Auch deshalb erhielt die Telekom für ihre Pläne grünes Licht, mit der sogenannten Vectoring-Technologie die Downloadgeschwindigkeit bei den bereits verlegten Kupferkabel zu erhöhen. Hösterey aber sagt: "Das ist eine auslaufende Technologie. In fünf Jahren wird das nicht mehr ausreichen." Die Unternehmen, die sich im Gewerbegebiet von Hagen angesiedelt haben, sind äußerst unterschiedlich - und ihre Ansprüche sind es ebenso. Da ist der kleine Blumenladen. Aber auch CD Wälzholz, ein international agierender Hersteller von Bandstahl mit 2000 Mitarbeitern. Kein anderes Unternehmen der Welt fertigt so viele Ski- und Snowboardkanten.

Die Genossenschaft wirbt damit, dass schnelles Internet auch den Wert der Grundstücke erhöht

Bei all diesen Unternehmen klopft Hösterey nun an, um sie für die Genossenschaft zu gewinnen: Er erklärt ihnen, dass ein schneller Internetanschluss den Wert ihres Grundstücks erhöht. Dass aber das Geld, das sie in die Genossenschaft stecken, nicht weg ist. Das Netz soll später nämlich an einen Betreiber verpachtet werden, der über die Technik wacht. Der regionale Netzanbieter Heli Net wiederum übernimmt zumindest in der Anfangsphase die Aufgabe, Kunden für bestimmte Tarife zu gewinnen und anzuschließen. Später können auch andere Netzanbieter einsteigen.

Die Anteile an der Genossenschaft, betont Hösterey, seien also "ein Wert, der nicht verloren geht." Sie können verkauft oder vererbt werden. Je mehr Mitarbeiter eine Firma hat, desto mehr Anteile muss sie zeichnen. Auch das Eintrittsgeld ist so gestaffelt. Hösterey nennt es "Reuegeld". Denn es wird nur für diejenigen fällig, die der Genossenschaft erst im Januar beitreten. "Belohnt soll derjenige werden, der von Anfang an dabei ist und das Projekt überhaupt erst ermöglicht - und eben nicht derjenige, der sich gewissermaßen ins gemachte Nest setzt."

Am anderen Ende der Republik, im dünn besiedelten Brandenburg, haben vor kurzem die Netzaktivisten Anke und Daniel Domscheit-Berg ein ähnliches Modell angekündigt: Sie wollen Städte ermutigen, eigene Glasfasernetze zu bauen. Um die Technik sollen sich auch dort Spezialisten kümmern, die einzelnen Dienste kann der Kunde über einen Marktplatz im Internet buchen. Die Idee stammt aus Schweden. Dort, betont Domscheit-Berg, hat sie sich bereits bewährt: Fast die Hälfte aller Internetanschlüsse in Schweden hängen an lokalen Glasfasernetzen, in Deutschland liege die Quote nur bei 1,2 Prozent.

Im Gewerbegebiet von Hagen müssen 33 Kilometer Glasfaserkabel verlegt werden. Etwa drei Millionen Euro werden dazu benötigt. Ein Fünftel davon kommt von der Genossenschaft, der Rest über Bankkredite sowie Fördergelder des Landes. Garrelt Duin, Wirtschaftsminister in Nordrhein-Westfalen, hofft, dass solch ein Breitbandnetz in Bürgerhand als Blaupause für andere Regionen taugt.

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Quelle:
SZ vom 06.10.2016
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