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Internet via Satellit:Himmlische Erwartungen - irdische Erfahrungen

Satellitenschüsseln auf Hausdächern

Die Schüssel als Rettung: Wer in einer Gegend ohne Breitbandanschluss wohnt, für den ist der Netzzugang via Satellit oft die einzige Möglichkeit, schnelles Internet zu nutzen.

(Foto: dpa)

Vielerorts gibt es noch immer kein schnelles Internet. Helfen könnte eine Technologie, die von der Politik vernachlässigt wird: Internet via Satellit.

Von Hans von der Hagen

Schon bevor Ulrich Trojan 2018 sein neues Haus in der Nähe von Pforzheim bezog, war klar gewesen, dass etwas Grundlegendes fehlen würde: Trojan würde kein schnelles Internet haben. In dem Neubaugebiet in Knittlingen gab es noch kein schnelles Breitband-Netz, von der Telekom würde er nur einen Tarif mit einem Download von bestenfalls 16 MB pro Sekunde buchen können. Da Trojan oft im Homeoffice arbeitet und viele Dateien mit seinem Arbeitgeber austauscht, war das ihm zu wenig. Er suchte nach Alternativen und stieß bei seinen Recherchen auf die Möglichkeit, Internet auch über Satellit zu beziehen. Downloads mit bis zu 30 Megabit (Mbit) und Uploads mit bis sechs Mbit pro Sekunde sollten so möglich sein.

Nutzer schienen gute Erfahrungen zu machen - so las es sich jedenfalls auf den Seiten der Anbieter. Er verglich drei von ihnen, zwei schieden dann allerdings für ihn aus, weil sie nur ein begrenztes Datenkontingent anboten: Sobald dieses ausgeschöpft war, würde die Download-Geschwindigkeit gedrosselt werden. Trojan entschied sich darum für Skydsl, bei dem das nicht der Fall zu sein schien.

Etwa 10 000 bis 15 000 Haushalte sollen nach Schätzung von Marktinsidern in Deutschland derzeit Internet via Satellit nutzen. Es sind vor allem jene, denen kein schnelles Internet über Kabel oder Mobilfunk zur Verfügung steht. Betroffen sind davon keineswegs nur einsam gelegene Hotels oder Weiler. Es gibt auch Siedlungen, die mit schnellem Internet versorgt sind, bei denen aber zu viele Haushalte an einem der oft noch üblichen Kupferkabel hängen. Dann kann es passieren, dass am Ende der Leitung aus dem schnellen Internet ein langsames geworden ist. Weil solche Orte dennoch formell als gut versorgt gelten, werden betroffene Haushalte womöglich noch viele Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte warten müssen, bis das Kupferkabel durch ein leistungsfähigeres Glasfaserkabel ersetzt wurde. Es sind die sogenannten grauen Flecken im Breitbandatlas Deutschlands. Zählt man sie zu den breitbandärmeren weißen Flecken hinzu, dann dürften rund ein bis zwei Prozent der Haushalte auf die nächsten zehn Jahre gesehen nur unzureichend oder gar nicht mit Internet versorgt sein - Experten sprechen von 400 000 bis 800 000 Haushalten.

Einer dieser Haushalte war der von Trojan. Um das Internet via Satellit nutzen zu können, brauchte er eine Satellitenschüssel. Immerhin: Er konnte sie beim Anbieter mieten. Für den Tarif zahlte er inklusive der Miete rund 80 Euro. Die Antenne sollte auf dem Dach montiert werden, er hatte extra eine entsprechende Vorrichtung beim Bau des Hauses eingeplant. Weil die Techniker ihm indes nur die Montage an der Hauswand anboten, kletterte er selbst auf das Dach. Trojan schraubte und drehte - allein: Er bekam kein Signal. Nach zwei Wochen, einigem Ärger und mehreren Anrufen bei der Anbieter-Hotline wurde die Hardware ausgetauscht. Danach funktionierte das Internet recht gut. Allerdings mit starken Schwankungen.

Abends, wenn viele Leute ihre Serien schauten, sei es sehr langsam geworden, erzählt Trojan. Nachts hingegen konnte es auch mal richtig schnell sein. Ein weiteres Problem: Einmal habe seine Frau eine Filmserie heruntergeladen, vielleicht acht Gigabyte groß, danach sei nichts mehr gegangen. Es habe sich für ihn angefühlt, als sei der Anschluss dann doch gedrosselt worden. Jan Hesse, Chef von Skydsl Deutschland, schließt das aus. Sein Unternehmen nehme keine Drosselung anhand des Datenvolumens vor. Es könne allerdings durchaus sein, dass die volle Bandbreite nicht mehr zur Verfügung stehe, wenn viele Kunden gleichzeitig das Angebot nutzten. Solche Engpässe, versichert er, seien allerdings zeitlich begrenzt.

Trojan stellte zudem fest, dass sich zwar größere Dateien einigermaßen fix herunterladen ließen, doch wenn viele kleinere Dateien übertragen werden sollten, sei es bei ihm zu Verzögerungen und Unterbrechungen gekommen. Das wiederum ist pure Physik: Für jede Datei muss eine Anfrage zum rund 36 000 Kilometer entfernten Satelliten geschickt werden. Da vergeht, alle Wege zusammengerechnet, schon mal eine dreiviertel Sekunde. Es ist ein Vielfaches von dem, was beim normalen Breitbandnetz benötigt wird - für aufwändige Computerspiele kann das zu viel sein.

Unser Dorf soll digitaler werden

Es wird langsam besser in Deutschland: Laut Bundesverkehrsministerium war Ende 2019 für knapp 84 Prozent der Haushalte Breitband mit mindestens 100 Megabit/Sekunde (Mbit/s) verfügbar, für 92 Prozent zumindest 50 Mbit/s. In Gewerbegebieten gab es allerdings noch größere Lücken: Nur 73,3 Prozent der Firmen hatten Zugriff auf mindestens 100 Mbit/s, 87,5 Prozent auf 50 Mbit/s.

Carsten Borowy von der Bremer Raumfahrtfirma OHB schlägt nun vor, diese digitalen Löcher mit zwei geostationären Satelliten an das Breitbandnetz anzubinden. "Wir würden in Deutschland sofort ein flächendeckendes schnelles Internet haben", sagt er, mit Geschwindigkeiten von 50 bis 100 Megabit pro Sekunde." Der terrestrische Anschluss der letzten weißen Flecken sei "sehr aufwendig und teuer". Der Provider könne die Satelliten nutzen und das Signal seinen Kunden anbieten.

Anbieter von Satelliten-Internet gibt es bereits, etwa SkyDSL aus Frankreich. "Die erreichen aber nicht die nötige Bandbreite, außerdem brauchen wir ein souveränes deutsches Netz, weil es sich um kritische Infrastruktur handelt."

In der Novelle des Telekommunikationsgesetzes sollen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums auch Satelliten "in Betracht" kommen, um die Grundversorgung mit Telekomdiensten sicherzustellen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat zusammen mit dem NRW-Wirtschaftsministerium bereits das Pilotprojekt "Digitales Dorf" gestartet, um unterversorgte Gebiete via Satellit mit Breitbandinternet zu versorgen. Dieter Sürig

Internet via Satellit, das verschweigt die Branche nicht, ist oft keine sinnvolle Alternative, wenn es ein gutes Breitband-Angebot gibt. Sie kann aber helfen, die Versorgung mit Internet sicherzustellen: "So gesehen sei es schade, dass in Deutschland das Satelliteninternet nie den Exotenstatus abstreifen konnte", sagt Jürgen Grützner, Geschäftsführer des VATM, in dem Telekommunikationsunternehmen organisiert sind. Die Politik nehme das Thema nicht wichtig genug. Doch womöglich ändert sich diese Einschätzung gerade. Beim vom Wirtschaftsministerium jährlich ausgerichteten Digitalgipfel, der hierzulande die Digitalisierung vorantreiben soll, gibt es seit Jahresbeginn eine Arbeitsgruppe zum Thema Satelliteninternet. Länder wie Frankreich machen es ja auch schon vor, dass die Versorgung mit Internet auf diese Weise erheblich verbessert werden kann. Zudem sind einige große Telekommunikationsunternehmen Grützner zufolge mittlerweile offener für die Lösung via Satellit. Klar ist: Sollte das schnelle Internet hierzulande irgendwann offiziell zur notwendigen Grundversorgung zählen, so wie es in anderen Ländern längst der Fall ist, könnten Satelliten helfen, die Versorgung zu garantieren. Damit das am Ende für die Nutzer nicht teurer ist als ein Festnetzanschluss, beteilige sich etwa in Frankreich der Staat an den Kosten, sagt Grützner.

Wie geht es weiter? Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die Anbieter die Bandbreiten erhöhen. Der größte europäische von ihnen, die französische Eutelsat, baut derzeit die Kapazitäten deutlich aus. Von November an soll mit einem neuen Satelliten eine Bandbreite von bis zu 100 MB pro Sekunde möglich sein, mittelfristig könnten es mit einem weiteren Satelliten noch mehr werden.

Profitieren könnten Kunden womöglich aber auch von der neuen Konkurrenz, die den Europäern möglicherweise schon in wenigen Jahren erwächst. Zum Beispiel von Starlink. Ein Vorteil dieses Satellitennetzes von Elon Musk mit bald schon Tausenden Minisatelliten ist mit bloßen Auge zu sehen. Die mitunter wie ein himmlischer Zug am Nachthimmel entlanggleitenden Satelliten fliegen deutlich tiefer, entsprechend kürzer sind die Signalwege. Weitere Unternehmen planen Ähnliches -Samsung, Amazon oder Boeing etwa.

Ulrich Trojan aus Knittlingen hat freilich sein Internet via Satellit nach einem halben Jahr wieder abbestellt. Es gab am Ende dann doch ein gutes Breitband-Angebot, das er nutzen konnte. Trotzdem: Auch wenn seine Erfahrungen mit dem Internet via Satellit nicht nur positiv waren - für ihn war es hilfreich, dass diese Alternative überhaupt bestand.

© SZ vom 12.08.2020
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